Editorial Ausgabe 01/06

Liebe Leserinnen und Leser,

Gerade hat das neue Jahr mit vielen guten Vorsätzen begonnen, und schon läuft alles wieder im gewohnten Trott. Die Vorsätze sind dahin, die alten, liebgewordenen Gewohnheiten schauen wieder hervor – kennen Sie das auch? Ich hatte mir vorgenommen, Zeit zu haben. Nicht „mehr Zeit haben“, sondern wirklich einfach nur „Zeit haben“. Nicht mehr von früh bis spät durch die Büroräume hetzen, Termine abhaken, telefonieren, gleichzeitig per Mausklick mailen und Kurzdiktate erledigen; durch Geschäfte hetzen, kurz bevor sie schließen; Freunde treffen und innerlich nervös auf die Uhr schauen, wann man denn endlich weg könnte, da doch der Anruf noch wartet; die Kinder auf später vertrösten, weil man Essen kochen und noch gleichzeitig die Waschmaschine bestücken muss und die Nerven blank liegen; und den Besuch bei Muttern mit den Worten kommentieren, dass man ja gerne den Apfelkuchen essen würde, aber leider, leider keine Zeit hat...
Zeit, die wir nicht zu haben glauben, weil unsere Prioritätenliste im Kopf ständig rotiert, neue Termine einsetzt und überhaupt das ganze Jahr schon verplant hat. Ist das unsere Freiheit und Unabhängigkeit? Was für ein Wahnsinn! Raus aus diesem Denken – nicht aussteigen und mit dem Rucksack nach Neuseeland gehen, sondern einfach nur leben. Zeit zum Leben zu haben bedeutet Suche nach Zufriedenheit, nach Neugier, nach Vertrauen, nach Liebe, nach Gott.
Zeit zum Leben zu haben heißt nach dem Wesentlichen Ausschau zu halten und dabei die kleinen Aufmerksamkeiten des Lebens – das Lächeln, das Staunen, die Freude, die Hoffnung, die Dankbarkeit, das Glück – mitzunehmen und sich nicht dem Diktat der Zeit zu unterwerfen. Wer weiß denn noch nach 100 Jahren, wer wir waren, was wir dachten und warum wir keine Zeit hatten? Lasst uns doch die Dinge aus der richtigen Perspektive sehen, denn das Leben währt vielleicht nur 80 Jahre. Darum: aus dem Jetzt das Richtige machen, das Wesentliche angehen und es nicht aus den Augen verlieren. Zeit haben, um die Liebe Gottes jeden Augenblick wahrnehmen zu können, die Liebe unse-
rer Mitmenschen zu spüren. Zeit haben, um meiner inneren Stimme zu lauschen und ihr Gehör zu verschaffen. Zeit haben, um das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, um mich selbst und Gott zu finden.
Dafür sollten wir Zeit haben: jeden Tag dem Ziel einen Schritt näher zu kommen, denn einmal nur spielen wir das Spiel. Einmal nur.

Gerlinde Glöckner
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