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Filmszene mit Tom Hanks und Audrey Tautou


SAKRILEG – DER DA VINCI CODE

SAKRILEG – DER DA VINCI CODE

Die spirituelle Bedeutung des Bestsellers von Dan Brown

Das Buch hat sich weltweit 50 Millionen Mal verkauft, die im Mai angelaufene Verfilmung sahen allein in Deutschland am ersten Wochenende fast 2 Millionen, in Japan standen die Leute 12 Stunden Schlange vor den Kinos. Sicher, die Werbetrommel wird immer effektiver gerührt, die Medien haben geholfen, die Proteste der Kirchen ebenso. Buch und Film werden als Thriller vermarktet. Doch die Spannung entsteht hier nicht nur durch die Dramaturgie, durch vorwärts getriebene Handlung und überraschende Wendungen. Sie ist eng verbunden mit der Botschaft. Und die ist auf vielen Ebenen brisant: gesellschaftlich ebenso wie für jeden Einzelnen. Sie ist spirituell in einem tieferen Sinn, der von den Medien bisher allenfalls gestreift wurde.

Umdeutungen

Der Titel der Originalausgabe lautet: „The Da Vinci Code“. Die deutsche Buchausgabe ist mit „Sakrileg“ überschrieben. Beide Titel treffen die Sache, doch „Sakrileg“ geht tiefer. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen: sacrilegium = Tempelraub. Sacer bedeutet heilig und legere bedeutet sammeln, lesen oder auch stehlen. Mit „Sakrileg“ wird in Europa seit dem 16. Jahrhundert ein Vergehen gegen die Heilige Kirche bezeichnet. Eine Gotteslästerung, die nicht selten mit einem qualvollen Tod bestraft wurde. Dan Brown wäre mit seiner Botschaft im 16. Jahrhundert sehr wahrscheinlich auf dem Scheiterhaufen gelandet. Allerdings: Es ist nicht seine Botschaft, wie er auch in seinem Buch deutlich macht, sondern es handelt sich um ein „Wissen“, das in etlichen Geheimgesellschaften und Orden seit dem frühen Mittelalter bis heute vermittelt wird.

Eine neue Religion, die sich gegen eine alte durchsetzen will, verbietet – so lässt Brown seinen Helden Robert Langdon erklären – meist nicht einfach nur die alten Symbole und Rituale, sondern nutzt sie im Rahmen ihrer Ideologie, ihres Glaubens und deutet sie um. Das Christentum bietet dafür viele Beispiele. Aus dem Tag der Anbetung des Sonnengottes machte der römische Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert den Sonntag (mit obligatorischem Kirchenbesuch). Aus der von vielen „Heiden“ (Germanen, Kelten etc.) gefeierten Wintersonnenwende wurde die Geburt Jesu. Weihnacht.

In „Sakrileg“ ist vor allem eine Umdeutung wichtig: In allen frühen Kulturen spielte das weibliche Prinzip und damit die Frau eine zentrale Rolle. Sie repräsentierte Fruchtbarkeit, den Fortbestand, das Leben selbst. Das Weibliche wurde als Göttin verehrt. Wer konnte im Rahmen der Kirche an ihre Stelle treten? Die Mutter von Jesus, Maria. Sie diente als Ersatz für die Göttin. Doch ihre Fruchtbarkeit musste von jeglicher Assoziation mit Sexualität befreit werden. Warum, werden wir gleich sehen. Laut Bibel wurde ihr Kind Jesus jedenfalls vom Geist Gottes eingehaucht, nicht durch Sperma gezeugt.

Im 12. und 13. Jahrhundert nahmen die Marienkulte allerdings derart überhand, dass die römisch-katholische Kirche sich genötigt sah einzugreifen. Manchmal klappt es eben nicht so ganz mit der Umfunktionierung alter Symbole. Die Sehnsucht nach der weiblichen Kraft, die die männliche ausgleicht, war (und ist) stärker als das offizielle Angebot der Kirche, der männlichen Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Doch noch schlimmer: Nicht nur der mütterliche, auch der sexuelle Aspekt der Frau wurde – wie zu heidnischen Zeiten – als etwas Heiliges verehrt. Das allerdings nur in Geheimzirkeln. Und da kam als „Göttin“ nach damaliger Bibelüberlieferung nur eine Frau in Frage: Maria Magdalena, die „bekehrte Sünderin“.

Laut Dan Browns (und nicht nur seinen) Recherchen war sie keineswegs die Hure, zu der sie die Kirche abstempelte, sondern wie Jesus aus königlichem Geschlecht. Er hat sie nach jüdischer Tradition geheiratet und wollte angeblich eine Dynastie in der Folge von König Salomon gründen. Tatsächlich soll dann Maria Magdalena, von Jesus geschwängert, nach Frankreich geflohen sein, dort das gemeinsame Kind, eine Tochter, geboren und damit das spätere fränkische Königsgeschlecht der Merowinger begründet haben.

Im Roman erweist sich die hübsche französische Codeknackerin Sophie als Nachkomme von Jesus und Maria Magdalena. Der Heilige Gral, nach dem die Guten und die Bösen in nur zwei Tagen fieberhaft und über Leichen gehend suchen, ist das Grab von Maria Magdalena. Romanheld Langdon denkt, am Ziel seiner Suche: „Die Suche nach dem Heiligen Gral ist die Wallfahrt zu den Gebeinen Maria Magdalenas. Es ist die Sehnsucht, zu Füßen der Verleugneten auf die Knie zu sinken und zu beten.“

Die tiefere Frage

Dan Brown und seine Frau haben lange recherchiert. Die Bruderschaft von Sion, 1099 gegründet, um den „Gral“, geheime Schriften über Jesus und Maria Magdalena aus Jerusalem zu retten und zu bewahren, existiert. Die von Brown erwähnten, 1975 in der Pariser Nationalbibliothek gefundenen Dokumente dazu sollen allerdings nicht echt sein. Um die historischen Fakten ist erneut der Streit entbrannt. Jeder fünfte Brite hat das Buch gelesen und über 60 Prozent der Leser sind nun überzeugt, dass Jesus mit Maria Magdalena ein Kind gezeugt hat und die Nachfahren heute noch leben.

Doch selbst, wenn es so wäre, was ist daran so erschütternd? Warum sollte Jesus nicht eine Frau haben und Vater sein dürfen? Das ist – glaube ich – die eigentliche Frage dieses Romans und seiner Verfilmung. In der frühen Christenheit galt Jesus nicht als der allem Menschlichen entrückte „Sohn Gottes“, sondern als natürlicher Mensch, in dem der Geist Gottes in vollem Maß präsent und wirkmächtig war. Für die ersten Christen bestanden weder Zweifel an dem durch und durch menschlichen Lebensstil Jesu (und dazu gehörte nach jüdischem Verständnis das Familienleben) noch an seinen göttlichen Eigenschaften. Erst auf dem 1. Konzil von Nikäa (325) wurde per Abstimmung die Göttlichkeit Jesu stärker hervorgehoben als seine Menschlichkeit. Von diesem Zeitpunkt an büßte der Nazaräer, wie er von den christlichen Kirchen verkündet wurde, zunehmend seine Nähe zum irdisch-menschlichen Dasein ein und entschwand wegen seiner alles andere überragenden „Wesensgleichheit“ mit Gott (Homousie) in unerreichbare Höhen.

Wir können diese Entwicklung auch in anderen religiösen Traditionen beobachten. Krishna und Buddha wurden zunehmend von den Verwaltern der Lehren zu übernatürlichen Wesen erhoben. Sie scheinen aus einer anderen zeitlosen Dimension heraus zu wirken.

Durch diesen religionsdogmatischen Prozess wird die Tatsache ausgeblendet und geleugnet, dass Gottmenschen auf Erden eine bis heute ganz normale, weil vom Schöpfer vorgesehene „Einrichtung“ sind: Gottverwirklichte Seelen in einem menschlichen Körper, die den Auftrag haben, andere zur spirituellen Entfaltung und Vollkommenheit zu begleiten.

Dan Browns Buch „Sakrileg“ wirft beunruhigende Fragen zu unserem Verständnis nicht nur von der Menschlichkeit Jesu, sondern auch von der Erlösung auf. Wenn Jesus Christus nur ein sterblicher Mensch war wie wir alle – einer, der leiblich aus Sex geboren wurde und selber leiblicher Vater wurde – ja, wer erlöst uns dann vom Tod? Sollte es womöglich niemanden dort draußen geben, der mich zum ewigen Frieden und zur Seligkeit führen kann? Was bleibt mir noch als Hoffnung auf ein Seelenheil?

Der Kelch der Empfängnis

Maria Magdalena, die Frau, repräsentiert den Kelch der Empfängnis. Das Symbol dafür ist das V. Es zeigt sich im berühmten Gemälde des Abendmahls von Leonardo da Vinci – angeblich Großmeister des Sion-Ordens – im räumlichen Abstand zwischen Jesus und seinem Lieblingsjünger Johannes, der in der Tat sehr weiblich aussieht und eben Maria Magdalena sein soll. Der V-Einschnitt zwischen Jesus und Johannes alias Maria ist nur einer der vielen im Buch erörterten Hinweise auf den „da Vinci-Code“. Legt man das V, den „Winkel“, umgekehrt darüber, ein Phallussymbol, dann erhält man den berühmten Davidstern, das Siegel Salomons.

Was ist denn nun die Botschaft? Etwa: Mann und Frau, liebt euch, habt Kinder – folgt dem Beispiel von Jesus, und das Leben geht weiter? Oder: Männlich und weiblich, die Polaritäten, müssen im Gleichgewicht sein. Dann fließt das Leben in Harmonie? Oder – für die katholische Kirche sicher ein aktuelles und heikles Thema – setzt endlich Frauen in das Priesteramt ein und lasst die Priesterehe zu? Oder: Lasst uns zum vorchristlichen Göttinnenkult zurückkehren?

In einem Interview erklärte Dan Brown, dass er mit seinem Buch keine bestimmte Glaubensposition beziehen und nicht Antworten, sondern Anregungen zum Fragenstellen und zur Diskussion geben wollte. „Je heftiger wir diese Themen debattieren, desto klarer wird unser Verständnis der eigenen Spiritualität. Kontroversen und Dialog sind gesund für die Religion als Ganzes. Die Religion hat nur einen wirklichen Feind – Apathie -, und eine leidenschaftliche Debatte ist ein superbes Gegenmittel.“

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