OWOO - Am Platz der Geister
Wir überlassen die Pferde sich selbst und laufen zu Fuß das letzte Stück auf freiem Kamm bergan. Da erst merken wir, der Wind ist zum Sturm geschwollen und erschwert die letzten Schritte, die wir uns abkämpfen müssen. Endlich sehe ich den Owoo, einen kleinen unscheinbaren Steinhaufen. Dessen obenauf steckende Zweige sind verweht und abgerutscht, kläglich anzusehen mit ihren verblichenen, zerfetzten Stoffstreifen, die im Wind leise knattern. Hier kommt selten jemand zum Beten.
Wir werden aufräumen, das muss sein, aber erst Feuer machen, das ist jetzt unser einziges Sinnen. Wir frieren beide, schlottern und wanken vor Erschöpfung, der eisige Wind ist mörderisch. Er droht dich aufzureißen, zuvor aber martert er dich mit unzähligen allerkleinsten Messerklingen, die dir Gesicht und Hände zerschneiden. Ich bin nur noch ein elendes Gezittere, tattere umher mit brennend schmerzenden Fingerspitzen, um Yak-Dung zu sammeln, von dem hier für gewöhnlich mehr umher liegt, als eine Jurte brauchen kann. Einige wenige Stücke liegen festgefroren auf der Steppe und lassen sich nur mühsam durch Daran-Rütteln ablösen. Und die restlichen müssen wir unter dem Schnee hervor scharren. Meine frostigen Hände glühen. Und doch irre ich weiter umher, denn wir brauchen einen ordentlichen Haufen, wir wollen ein großes, wärmendes Feuer.
„Das Verborgene kann sehr stark sein; was es so stark macht, das begreifen nur die Wenigsten.“
Das Feuer wird entfacht
Die Dungfladen sammeln ist eine Sache, das Feuer entfachen die andere auf dieser Sturmhöhe. Behutsam schichten wir die Dungstücke zu einem kreisrunden Kamin, der - innen hohl - die kleinsten, zerkrümelten Stückchen enthält. Ich zerreibe einen Fladen, greife noch etwas Trockenes dazu auf, ein paar Grashüllen und ausgetrocknete Flechten, die vielleicht etwas nützen könnten und streiche ein Zündholz in der hohlen Hand an und will es anbringen. Wind bläst, es ist aussichtslos. Dann knien wir beide, den Wind im Rücken, und beugen uns schützend mit unseren Deelschößen darüber, um darunter nun ein Feuer zu entfachen. Schwer, schwer.
Erst nach mehreren Versuchen, erneutem Zerbröckeln von Dung und unter beschwörendem Zureden - bitte, bitte, mach dass es brennt - will es gelingen. Wir lachen, freuen uns kindisch. Ein dünner Rauchfaden steigt auf. Der braucht nun weiteren Zuspruch und ein behutsames Zufächeln. Das ist mir überlassen, während Galbe anfängt, am Owoo ihren roten Schamanenbeutel aufzubinden und sich vorzubereiten.
Erhabener Altai
Nun erst erschaue ich die Welt, die wir verlassen haben. Was von unten wie eine Felsenfeste, uneinnehmbar, mit schroff aufsteigenden Bergen über Bergen, von tiefen Tälern und Schluchten durchschnitten wirkt, ist von hier oben aus gesehen ein eishelles Meer von Felsen, Lüften und Wolken, das an seinen fernen blauen Rändern ins Unendliche auszufließen scheint und dich einsam und fröstelnd in Wehmut innehalten lässt. Winter, denke ich, macht demütig, und du fühlst dich feierlich verpflichtet, ihn gebührend zu empfangen und hinzunehmen. Du glaubst, das hier ist die ungeteilte Welt, die himmelwärts das Leben heiligt.
Der Altai selbst mit seinen Schnee- und Eisgipfeln ist der wirklich große Owoo, der ewige Geistersitz, während hier ein kleiner steht, ein Owoo-Kind, so windgerupft und unbedarft, von Menschenhand erschaffen, wird er nur vorübergehend dienen, um schließlich - Stein zu Stein - wieder einzugehen in den einzig großen, den wir Altai nennen.
Dann gehen wir es an, rücken die gefallenen Steine dem Owoo zurecht, richten die Zweige auf, schichten Steine an allen vier Seiten und zur Rauchopfersäule auf: für die drei Himmel. Darauf kommt der glühende Dung, den ich zwischen zwei Steinen eingeklemmt hinübertrage, gebe Wacholder oben darauf. Es knistert und räuchert, weißliche Schwaden wehen davon. Ein düsteres Bild, dem der Fernblick rundum noch mehr Kälte zusetzt.
Die Schamanin singt
Da hebt die Schamanin an zu singen, und sie hat es plötzlich sehr eilig, wie mir scheint, denn der Sturm hat nochmals zugelegt und bläst eiskalt aus unwirklichen Weiten. Milch, ruft sie mir durch das Rauschen hindurch zu. Ich gehorche und verspritze von der Milch. Wacholder nachlegen! Auch das besorge ich. Nur Gesangsfetzen gelangen zu mir.
„Die Geister sprechen, durch deinen Mund, für alle, für die Lebenden wie die Toten.“
Aufheulender Sturm und dicht schwelender Wacholderrauch, Opfer auch zur rechten Zeit und alles so in Gang zu halten, das Feuer und sich selbst, ist kein leichtes Unfangen, unter der Aufsicht einer unter Zeitnot und Kälteeinbruch leidenden Schamanin! Mir wird weiß vor Augen, ich höre nunmehr ein einziges Rauschen, bin wohl selbst berauscht, und rauschen tun auch ihre Worte, die mir so fern und bruchstückhaft zugetragen werden.
… Licht hast du gesendet, oh mein reicher Altai … In meinen einhundertacht erhabenen Knochen dringt nun ein, meine Geister … Als die Welt wurde, als das All entstand … Von neun Schamanen stamme ich ab … bin verwurzelt … bin einem harten schwarzen Wurzelholz verwandt … ja, es ist wahr … Bin der Ersatz für die Schamanin Pürwü… Eure Mütze mit den Uhufedern ist hier … Was kann ich, wenn das Schicksal es so will …
Da ist mir, ihre Worte tränen und schluchzen, so wie auch ihr zu Mute ist. Fange an zu beben und jämmerlich an zu weinen, weine und weine, weil es so unwirklich, so überirdisch schön und von weit her aus den Tiefen und letzten Enden meines und allen anderen Lebens herbeiströmt. Die Geister sind gekommen.
Die Stimmen der Geister
Und weiter drängen die Fragen: … Was gibt es in deinem Ail? Wie steht es mit den Kindern? Haltet Ausschau, haltet Wache! Wie das Schicksal es so will… Töchter habt Ihr, die einen Bergrücken füllen, Söhne habt Ihr, die ein Bergtal füllen… Haltet Wache über alle, Ihr meine heilige Großmutter … So singe ich hier mein Klagelied, flehentlich, meiner Jugend Klagelieder … Ihr heiligen, gewaltigen Geister …
Im Dunstschleier sehe ich die Schamanin, sie flattert windgeschwellt, wo Fels und Himmel sich treffen. Welch ein Geschrei, welch ein Gejammer! Keine menschliche Stimme mehr. Ein einziges Klagelied erfüllt die Luft, und dabei windet und wendet sie sich. Will den Himmel zähmen, die Geister alle melken, jetzt wo wir das schwer erkämpfte Opfer bringen. Sie horcht, ein Ohr für alle, sie schaut, ein Auge für alle. Ich weiß es, sie weiß es, wir sind nicht allein.
Keiner ist lange im Fleisch, lange im Knochen, aber hinter deiner Erdenschwere, durch deinen gegenwärtigen Leib walten die ewigen Zeiten, die Jahrhunderte, Jahrtausende voller Leiden und Leidenschaften eines Volkes, das auch du bist, und das älter als dein kleines Herz und auch dein kleines Hirn ist. Du bist, wie du bist, eine einzige Geschichte, in dir wohnen alle Zeiten und alles Gewesene und unser aller Ahnen. Die Geister sprechen, durch deinen Mund, für alle, für die Lebenden wie die Toten.
Das Verborgene erforschen
Der eisige Sturm fegt über uns hinweg, droht uns umzuwehen. Das Dungfeuer ist niedergebrannt. Ich stochere mit einem Stein in der pudrigen Asche nach Glut, zerbröckle wieder den Dung und lege die restlichen Fladen nach, entfache noch einmal das Feuer. Wir holen unsere Thermoskanne hervor. Wenigstens eine Schale heißen Tee, einen Schluck vom Schnaps, den wir vom Spritzopfer noch übrig haben, trinken wir, und drücken uns an den Hang unterhalb des Owoo, wo der Wind nicht ganz so bläst wie auf der Höhe.
„Der Altai selbst mit seinen Schneeund Eisgipfeln ist der wirklich große Owoo, der ewige Geistersitz.“
Es ist alles gut verlaufen, lässt sie mich wissen, wir sind recht empfangen worden und ich habe viel, viel gesehen – erzähle Ihnen später ausführlich. Das Verborgene kann sehr stark sein, und was es so stark macht, das begreifen nur die Wenigsten. Es ist ein ständiges Suchen und Forschen, es ist eine Wissenschaft. Und so habe ich viel zu forschen und die Geheimnisse zu erkunden. Allmählich lerne ich mich auskennen. Es ist so, wie wenn Sie mit einem anderen, sehr weit entfernten Land telefonieren, mit Deutschland beispielsweise, denn so spreche auch ich mit der anderen Welt.
Ich lache, sie lacht. So modern wissen die Schamanen heute zu reden. Weiß ich doch auch, sie hat nur eine ungefähre, vermutlich sehr sonderliche Vorstellung davon, wie das gehen könnte. Aber wichtig ist, fährt sie ihre Tasse umklammernd und sich daran wärmend fort, mich und meine Arbeit verstehe ich zusehends besser. Ich kann den Leuten hier und denen in der anderen Welt etwas sagen.
Die Aufgabe
Vor einem Jahr wusste ich das nicht, jetzt aber sehe ich es klar: Für das gesamte Tuwa-Volk, für jeden einzelnen Tuwa habe ich viel zu tun. Mein eigenes Leben zählt nicht, das Leben der anderen ist wichtig. Meine Geister verkünden etwas, sagen wahr und danach geschieht es auch: Wie im Film spult es sich ab. Ist das Wunder zu nennen? Man muss seinen Platz in der Welt finden. Einfach ist das nicht, auch nicht für mich. Denn es gibt viele Wege. Darunter aber gibt es nur einen richtigen, und den zu finden, ist sehr schwer. Den meisten Leuten gelingt es nicht. Und doch musst du suchen und suchen, es ist das, was dich weitermachen lässt und am Leben erhält. Auch mich.
Es ist Zeit aufzubrechen, der Himmel verfinstert sich, und vom Westen her schiebt sich eine graue Wolkenbank über dem Bergrücken empor, die womöglich gar Schnee bringt. Wir haben uns sehr klein gemacht, hocken zusammengekrümmt jede zu einer Seite des Dungfeuers, so ist die Kälte fast erträglich. Und wir haben ja unseren wärmenden Tee.
Es ist kalt, sagt sie und zuckt zusammen, sehr kalt. Aber ehe das Feuer ganz aus ist, ehe wir aufbrechen, will ich noch etwas sagen: Ich allein sehe die Sachen. Dass die anderen das nicht sehen, ist gelegentlich schwer auszuhalten. Nach so einem Tag wie heute muss ich schnell nach Hause, mich ausruhen, ausschlafen. So viele Geister habe ich getroffen! Und doch liebe ich mein Nomadenleben. An einen solchen Ort kommen, viele Berggeister treffen, dort schamanen, das ist schön.
Auf dem Rückweg
Zurück nehmen wir einen anderen Weg. Kaum haben wir die Anhöhe verlassen, ist der Wind nicht mehr so eisig. Wir reiten gemächlich talabwärts, sichtlich satt von Eindrücken und von einem Hochgefühl ohnegleichen erfüllt, aber auch müde, vom großen Altaiwind und dem Geisteraufgebot, das immer noch in uns rumort. Die Pferde treten so sicher auf, finden von selbst den Weg, dass mir nach einem Nickerchen zu Mute ist. Und ich muss auch ein wenig eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder aufschlage, ist es merklich wärmer und die Sonne scheint. Vor uns weiden Schafe und Ziegen, durch die unser Weg führt.
Von Ferne kommt ein Reiter angaloppiert; er muss uns durchs Fernglas erkannt und sich gewundert haben: Die zwei, was haben die hier zu schaffen? Wir wenden unsere Pferde, denn Galbe hat ihn längst erkannt und strahlt. Es ist Zerenhuu, der hier mit seinen Yaks auf der Herbstweide ist. Wir freuen uns; in der Einsamkeit der Bergsteppe ist jede Begegnung willkommen und sie bedeutet fast immer ein freudiges Begrüßen und einen Austausch von kleinen Liebenswürdigkeiten und womöglich auch Klatschgeschichten, die allerdings kümmern uns heute wenig. Wir erfahren von einer nahen Jurte, wo eine alleinstehende Nomadin wohnt, beschließen einzukehren und Tee zu trinken. Lange halten wir uns nicht auf, bleiben nur zum Aufwärmen und für zwei, drei Schalen Milchtee.
Die Welt ist wieder freundlich. Je tiefer wir kommen, umso sonniger und wärmer wird es, die Kälte ist vergessen. Und in einfältig kindlicher Anwandlung lege ich mir einiges zurecht. Wir sind die glücklichen Heimkehrerinnen, die unter Lebensgefahr ausgezogen sind, einen wichtigen Auftrag zu erfüllen. Ganz wie zu alten Zeiten, als das Leben der Tuwa größtenteils um die Naturverehrung, die Ahnen, die Berge, die Steppe kreiste. So kommt es mir, weil Galbes Worte von neulich jetzt erst bei mir angekommen sind, soeben erst – so lange brauchten sie. Sie sagte: Die Welt ist überladen, zu schwer geworden. Das alte Leben geht zu Ende und ein neues fängt an. Manche sagen, es wird kein Grün, kein Gras mehr geben, der Regen bleibt aus. Man muss alles erbeten. Ja, und auch Owoo-Weihen durchführen. Zur Owoo- Weihe muss man in den schönsten bunten Kleidern kommen, mit vielen Leuten, mit vielen Pferden. Festlich soll es sein. Wenn man richtig betet, alles richtig macht, wird es regnen.
(Aus: Amélie Schenk: Gesang des Himmels. O.W. Barth. Mit freundl. Genehmigung des Verlags.)

