OWOO - Am Platz der Geister
Die Ethnologin Amélie Schenk berichtet von ihren Erlebnissen mit der jungen Schamanin Galbe in der Mongolei.
Wir überlassen die Pferde sich selbst und laufen zu Fuß das letzte Stück auf freiem Kamm bergan. Da erst merken wir, der Wind ist zum Sturm geschwollen und erschwert die letzten Schritte, die wir uns abkämpfen müssen. Endlich sehe ich den Owoo, einen kleinen unscheinbaren Steinhaufen. Dessen obenauf steckende Zweige sind verweht und abgerutscht, kläglich anzusehen mit ihren verblichenen, zerfetzten Stoffstreifen, die im Wind leise knattern. Hier kommt selten jemand zum Beten.
Wir werden aufräumen, das muss sein, aber erst Feuer machen, das ist jetzt unser einziges Sinnen. Wir frieren beide, schlottern und wanken vor Erschöpfung, der eisige Wind ist mörderisch. Er droht dich aufzureißen, zuvor aber martert er dich mit unzähligen allerkleinsten Messerklingen, die dir Gesicht und Hände zerschneiden. Ich bin nur noch ein elendes Gezittere, tattere umher mit brennend schmerzenden Fingerspitzen, um Yak-Dung zu sammeln, von dem hier für gewöhnlich mehr umher liegt, als eine Jurte brauchen kann. Einige wenige Stücke liegen festgefroren auf der Steppe und lassen sich nur mühsam durch Daran-Rütteln ablösen. Und die restlichen müssen wir unter dem Schnee hervor scharren. Meine frostigen Hände glühen. Und doch irre ich weiter umher, denn wir brauchen einen ordentlichen Haufen, wir wollen ein großes, wärmendes Feuer.
Das Feuer wird entfacht
Die Dungfladen sammeln ist eine Sache, das Feuer entfachen die andere auf dieser Sturmhöhe. Behutsam schichten wir die Dungstücke zu einem kreisrunden Kamin, der - innen hohl - die kleinsten, zerkrümelten Stückchen enthält. Ich zerreibe einen Fladen, greife noch etwas Trockenes dazu auf, ein paar Grashüllen und ausgetrocknete Flechten, die vielleicht etwas nützen könnten und streiche ein Zündholz in der hohlen Hand an und will es anbringen. Wind bläst, es ist aussichtslos. Dann knien wir beide, den Wind im Rücken, und beugen uns schützend mit unseren Deelschößen darüber, um darunter nun ein Feuer zu entfachen. Schwer, schwer. Erst nach mehreren Versuchen, erneutem Zerbröckeln von Dung und unter beschwörendem Zureden - bitte, bitte, mach dass es brennt - will es gelingen. Wir lachen, freuen uns kindisch. Ein dünner Rauchfaden steigt auf. Der braucht nun weiteren Zuspruch und ein behutsames Zufächeln. Das ist mir überlassen, während Galbe anfängt, am Owoo ihren roten Schamanenbeutel aufzubinden und sich vorzubereiten.
„Das Verborgene kann sehr stark sein; was es so stark macht, das begreifen nur die Wenigsten.“
Erhabener Altai
Nun erst erschaue ich die Welt, die wir verlassen haben. Was von unten wie eine Felsenfeste, uneinnehmbar, mit schroff aufsteigenden Bergen über Bergen, von tiefen Tälern und Schluchten durchschnitten wirkt, ist von hier oben aus gesehen ein eishelles Meer von Felsen, Lüften und Wolken, das an seinen fernen blauen Rändern ins Unendliche auszufließen scheint und dich einsam und fröstelnd in Wehmut innehalten lässt. Winter, denke ich, macht demütig, und du fühlst dich feierlich verpflichtet, ihn gebührend zu empfangen und hinzunehmen. Du glaubst, das hier ist die ungeteilte Welt, die himmelwärts das Leben heiligt. Der Altai selbst mit seinen Schnee- und Eisgipfeln ist der wirklich große Owoo, der ewige Geistersitz, während hier ein kleiner steht, ein Owoo-Kind, so windgerupft und unbedarft, von Menschenhand erschaffen, wird er nur vorübergehend dienen, um schließlich - Stein zu Stein - wieder einzugehen in den einzig großen, den wir Altai nennen.
Dann gehen wir es an, rücken die gefallenen Steine dem Owoo zurecht, richten die Zweige auf, schichten Steine an allen vier Seiten und zur Rauchopfersäule auf: für die drei Himmel. Darauf kommt der glühende Dung, den ich zwischen zwei Steinen eingeklemmt hinübertrage, gebe Wacholder oben darauf. Es knistert und räuchert, weißliche Schwaden wehen davon. Ein düsteres Bild, dem der Fernblick rundum noch mehr Kälte zusetzt.
Die Schamanin singt
Da hebt die Schamanin an zu singen, und sie hat es plötzlich sehr eilig, wie mir scheint, denn der Sturm hat nochmals zugelegt und bläst eiskalt aus unwirklichen Weiten. Milch, ruft sie mir durch das Rauschen hindurch zu. Ich gehorche und verspritze von der Milch. Wacholder nachlegen! Auch das besorge ich. Nur Gesangsfetzen gelangen zu mir. Aufheulender Sturm und dicht schwelender Wacholderrauch, Opfer auch zur rechten Zeit und alles so in Gang zu halten, das Feuer und sich selbst, ist kein leichtes Unfangen, unter der Aufsicht einer unter Zeitnot und Kälteeinbruch leidenden Schamanin! Mir wird weiß vor Augen, ich höre nunmehr ein einziges Rauschen, bin wohl selbst berauscht, und rauschen tun auch ihre Worte, die mir so fern und bruchstückhaft zugetragen werden.
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