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Johannes Groht
Tempel der Ahnen – Megalithbauten in Norddeutschland
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REISEN ZU DEN TEMPELN UNSERER AHNEN

REISEN ZU DEN TEMPELN UNSERER AHNEN

Über drei Jahrtausende hinterließen wechselnde Kulturen in Mittel- und Nordeuropa Großbauten, die den bekannten Zeugnissen aus Irland, Großbritannien, Frankreich oder der iberischen Halbinsel in nichts nachstehen. Doch die Zeitzeugen untergegangener Kulturen liegen oft unbeachtet und außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung in Wäldern, auf Hügeln oder an der Küste. Der Fotograf Johannes Groht hat sich auf die Suche nach Megalithbauten in Norddeutschland gemacht. In einem sehenswerten Bildband zeigt er das Ergebnis seiner Reise zu den Tempeln der Ahnen.

Was gab den Anstoß, Megalithbauten zu fotografieren?

In den letzten Jahren habe ich mich fotografisch vor allem mit dem Spannungsfeld von Natur und Kultur auseinandergesetzt. Nach der letzten Arbeit Naturdenkmal, die relativ streng aufgebaut war, hatte ich das Bedürfnis, die architektonische Strenge zu verlassen und anderen Impulsen zu folgen. Die oft sehr reduzierten, manchmal archetypisch gestalteten Bauwerke der Megalithkultur schienen mir beispielhaft für den Anfang unserer kulturellen Entwicklung, für die ersten Schritte zu unserer heutigen Lebensweise.

Was macht die Faszination dieser heiligen Orte für Sie aus?

Sie verbinden uns mit unseren Vorfahren, und sie funktionieren eigentlich immer noch so, wie sie wohl einmal gedacht waren: als spirituelle Zentren, die die Menschen mit ihren Ahnen verbanden und einen Mittelpunkt fixierten. Es macht Spaß, Plätze zu entdecken, die völlig außerhalb unserer Alltagswelt liegen, und doch – vielleicht auch gerade deshalb – etwas von ihrer Ausstrahlung bewahrt haben.

Wie lange haben Sie an dem Bildband gearbeitet und wie schwer war es diese Orte überhaupt zu finden?

Ich habe vier Jahre dafür fotografiert und jede Gelegenheit genutzt, soweit meine Arbeit es eben zuließ. Zu Anfang habe ich Plätze besucht, die ich bereits kannte, dann mit Karten gearbeitet, aber am hilfreichsten war die archäologische Literatur. Im Atlas der Megalithgräber von Ernst Sprockhoff findet man alle bekannten Großsteingräber Norddeutschlands.

Warum haben Sie sich auf Norddeutschland beschränkt?

Weil ich hier lebe und gespannt darauf war, was es in meiner Heimat zu entdecken gab.

Sie haben sich auf die Suche nach sakralen Plätzen gemacht, die zum Teil sicher nicht einfach zu finden waren. Woran, glauben Sie, liegt es, dass wir uns so schwer tun mit diesem kulturellen Erbe, das auch unsere Wurzeln darstellt?

Vieles liegt in der Geschichte begründet. Im Zuge der Christianisierung wurden unsere spirituellen Traditionen oft unwiederbringlich zerstört, die alte Naturverbundenheit verketzert. Das hat uns von diesen Orten getrennt. Und in der jüngeren Geschichte war es ihr Missbrauch durch die Nationalsozialisten, der ein tiefes Misstrauen verursacht hat gegenüber der Beschäftigung damit.

Gibt es besondere Erlebnisse oder Erfahrungen, die Sie mit diesen Orten verbinden?

Eigentlich war jeder Besuch eines jeden Ortes ein besonderes Erlebnis. Ich habe versucht, meine Erfahrungen in den Fotografien zu verdichten.

Sie schreiben im Vorwort, die Intensität ihrer Präsenz sei vom kosmischen Geschehen, Tages- und Jahreszeiten abhängig. Wie lange haben Sie sich Zeit genommen, um die richtige Stimmung einzufangen, und wie haben Sie sich auf die jeweiligen Orte eingestimmt?

Jeder Platz wirkt jedes Mal anders, wenn man ihn besucht. Es gab Momente, da musste ich sehr schnell reagieren. Das Sonnenlicht im Wald etwa wandert so schnell, da ging es oft um Sekunden. An anderen Orten habe ich viele Stunden verbracht oder bin mehrmals dort gewesen.

Sehen Sie Ihre Arbeit auch als Bewahren einmaliger Zeugen unserer Kultur?

Vielleicht helfen die Fotografien, die Monumente wieder stärker in unserem Bewusstsein zu verankern. Das würde sie sicher auch vor weiterer physischer Zerstörung schützen. Ich zeige sie in ihrem landschaftlichen Kontext – mir persönlich war es wichtig, diese Idee von Verbundenheit mit der Erde neu zu erleben.

Sie schreiben, die Kraft an von Menschen geschaffenen Plätzen sei eine andere als die von Naturobjekten. Konnten Sie diese Kraft erspüren und wenn ja, wie würden Sie das beschreiben?

Die Art, wie Menschen sakrale Monumente schaffen, erzählt ja viel über ihre Vorstellungen. Die Auswahl der Orte, die verwendeten Materialien, der Umgang mit der Landschaft, der Natur – all das hat Bedeutung, die man mehr oder weniger nachempfinden kann. Deutlich ist vor allem die bahnbrechende Umwälzung zu spüren, dass Menschen beginnen, etwas bewusst zu gestalten. Das Aufrichten des ersten Steins in einer vorgefundenen, horizontalen Welt hat alles verändert. Das ist Ausdruck einer unglaublichen geistigen Kraft.

Haben Sie sich mal vorgestellt, wie diese Stätten gewirkt haben, als sie noch genutzt wurden für Zeremonien, Rituale, Feste oder als Kalender?

Es ist überliefert, dass die Menschen noch lange nach der Errichtung der Bauten eine ehrfürchtige Scheu vor ihnen hatten. Sie wurden ja auch von vielen nachfolgenden Kulturen weiterhin als sakrale und Begräbnisstätten benutzt. Es müssen heilige, als ewig erscheinende Orte gewesen sein, an denen das Leben und die Ahnen gefeiert wurden. Sie standen für Kontinuität und haben ja auch die einfachen Holzbauten, in denen die Menschen damals lebten, weit überdauert.

Hat die Beschäftigung mit den Megalithbauten etwas für Sie persönlich oder in der Sichtweise auf dieses Thema verändert?

Ich habe gelernt, dass es trotz des gewaltigen Ausmaßes an Zerstörung immer noch eine Fülle von ihnen gibt, die aber weitgehend vergessen sind. Sie stehen für einen Teil unseres Bewusstseins, den wir mehr und mehr verlieren. Für mich persönlich war es eine großartige Erfahrung, mich aus der Alltagswelt auszuklinken und Orte zu finden, die wie Tore zu einem anderen Weltverständnis sind.

Wenn Sie diese heiligen Orte den Menschen wieder ins Bewusstsein rufen, was wünschen Sie sich von denen, die eben diese Plätze gerne mal besuchen möchten?

Ich wünsche mir, dass sie respektvoll und offen auf die Plätze zugehen. Es geht vor allem darum, sie wahrzunehmen und zu erhalten. Wir sollten uns nicht anmaßen, sie entschlüsselt oder verstanden zu haben. Das heißt auch, dass wir sie nicht für unsere persönlichen Zwecke missbrauchen sollten. Wachs und Öl auf Schalensteinen, zerbrochene Flaschen und eingeritzte Runen haben dort nichts zu suchen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Claudia Hötzendorfer

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