Editorial Ausgabe 03/06
Liebe Leserinnen und Leser,
am Rande der Einweihung des neuen Berliner Hauptbahnhofes fand die Messerstecherei eines 16 jährigen Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit als der Festakt selbst. Wahllos stach der Junge mit einem Messer um sich und konnte erst nach einiger Zeit von der Polizei gestoppt werden. Auf die Frage nach dem Warum wusste der Täter selbst keine Antwort. Da erscheint die Geschichte von einem 17-Jährigen, der seine Mutter verprügelte, weil sie wissen wollte, warum er nicht zur Schule gehe, im Vergleich fast schon harmlos. Und der Kampf der Kulturen im Klassenzimmer füllt inzwischen auch nur die letzten Seiten der Zeitungen, da er zur Normalität geworden ist. Was ist los mit unseren Kindern? Haben wir so sehr versagt, dass Gewalt und Aggression die einzige Sprache sind, die junge Menschen sprechen? Was haben wir falsch gemacht? Oder liegt das Problem gar nicht bei uns, sondern ist dies nur Ausdruck eines Zeitgeistes, der kommt und wieder geht?
Nein, so einfach dürfen wir es uns nicht machen. Was unterscheidet diese Generation von derjenigen der sechziger und siebziger Jahre? Die Familie. Ja, ich behaupte: das Grundübel für unsere jetzige Kindergeneration ist in dem Verfall der Familien und des Familienzusammenhalts zu suchen. Wir haben unseren Kindern vielleicht räumlich vier Wände geboten, die wir mit ihnen geteilt haben, aber ansonsten lagen unsere Interessen und die unserer Kinder weit auseinander. Liebe, Zuneigung, Verständnis, Respekt, Zeit haben wir für uns selbst immer wieder eingefordert und dabei versäumt, diese Dinge unseren Kindern zu geben. Wie oft haben wir ihnen doch vorgelebt, dass plötzlich, von heute auf morgen ein Elternteil nicht mehr da war, und haben unser schlechtes Gewissen immer damit beruhigt, dass die Kinder das später schon verstehen würden? Haben wir nicht oft genug den Babysitter oder Hort gesucht, weil wir einfach keine Zeit hatten? Ich weiß, Beruf und Kinder sind schwer unter einen Hut zu bringen, und ich weiß auch, dass manches Mal sich keine andere Lösung finden lässt. Aber ich lehne die Bequemlichkeit des Abschiebens ab, damit man sein „Recht auf Leben“ verwirklichen kann. Gewalt, Aggression, Depression sind Ausdruck einer tiefen inneren Wertelosigkeit; eine Konsequenz des Fehlens von Werten, die normalerweise vor allem in der Familie vorgelebt und erfahren werden können. Aber wenn die Familie nicht mehr funktioniert, nicht mehr da ist, wo können mir dann diese Werte vermittelt werden? In der Schule, in der Kirche, in der Gesellschaft?
Gebt unseren Kindern die Familie zurück! Lasst uns dafür sorgen, dass sie ein Mindestmaß an Toleranz, Liebe, Zeit und Zuneigung und Verständnis erfahren können, indem wir es ihnen vorleben – einfach, weil wir sie lieben.

