Editorial Ausgabe August 2008

Liebe Leserinnen und Leser,

ein kurzes Video in den Nachrichtensendungen hat kürzlich für Aufsehen gesorgt. Das Band stammte aus einer Videoüberwachungskamera in einer Notaufnahmeambulanz in New York. Man sah einen Warteraum, besetzt mit mehreren Personen. Immer wieder kamen Pflegekräfte und Sicherheitspersonal durch das Zimmer gelaufen. Alles schien ganz normal. Plötzlich fiel eine Frau von ihrem Stuhl auf den Boden und blieb dort krampfend liegen. Weiter geschah nichts. Die anderen Menschen im Raum warteten weiter, keiner nahm überhaupt Notiz von dem Vorfall. Die Putzfrau fegte säuberlich um die Frau herum, die Krankenschwestern huschten weiter vorbei, das Sicherheitspersonal patrouillierte wie immer – die Frau starb und keiner hat es bemerkt.

Fragen Sie sich nicht auch, warum hat keiner reagiert, Hilfe geholt, Bescheid gegeben oder selbst einmal nach der Frau geschaut? Weil es niemanden interessiert hat, weil keiner hinschauen wollte, weil jeder mit sich selbst beschäftigt war – weil es jedem egal war.

Gleichgültigkeit ist der Gegenpol zur Mitmenschlichkeit. Gleichgültigkeit findet man vielleicht bei Tieren, aber wir Menschen, mit unserem ausgeprägten Verstand und unserer Intelligenz, wir sind doch so mitfühlend. Irrtum. Verstand und Mitgefühl gehören nicht zwangsläufig zusammen, sondern sind als Paar nur in jenen Kreaturen zu finden, die ihren Verstand nicht über ihr Herz stellen. Das Herz allein steht für die Mitmenschlichkeit und wird leider immer wieder von unserer Intelligenz ausgetrickst, überstimmt. Denken Sie doch nur an den Alltag: Wer hebt denn für Sie noch den heruntergefallenen Schlüssel auf? wer steht in der Straßenbahn für Sie auf, wenn Sie mit dem Stock in der einen Hand und der Tasche in der anderen Hand verzweifelt Halt suchen? Denkt da nicht jeder, da ist sie doch selbst schuld?

Und machen wir uns nichts vor: Die Welt wird morgen nicht besser sein. Wir haben es nicht geschafft, anderen Menschen unsere Mitmenschlichkeit vorzuleben, weil auch wir wegschauen, weil es auch uns nicht interessiert. Was erwarten wir dann von anderen? Etwas, das wir selbst nicht geschafft haben?

Wir müssen handeln, wir müssen vorleben, wir müssen menschlich sein, wir müssen die Liebe dem Nächsten zeigen, heute und jetzt, damit morgen die Welt ein bisschen menschlicher ist.

Herzlichst
Ihre

Gerlinde Glöckner
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