Editorial Ausgabe Februar 2010

Liebe Leserinnen und Leser,

sicherlich haben auch Sie die Einweihung des höchsten Gebäudes der Welt in Dubai im Fernsehen gesehen. Irgendetwas erinnerte mich dabei an die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel – wahrscheinlich dieser Machbarkeitswahn, ein Zeichen der außergewöhnlichen Genialität und Leistungsfähigkeit zu setzen, um sich selbst mit dem eigenen Werk zu erhöhen.

Genau dieses Streben, sich ein Zeichen setzen zu wollen, erleben wir zurzeit jedoch nicht nur in Dubai, sondern in fast allen Medien. Der Begriff des Superlativs scheint in der heutigen Zeit eine neue Bedeutung bekommen zu haben.

Egal ob es um Klima- oder um Gesundheitsprobleme geht oder ob der Stau auf der Autobahn der längste aller Zeiten war, irgendeine “sensationelle Begebenheit” gibt es immer. Fällt Ihnen nicht auch auf, dass wir in der letzten Zeit von solchen Meldungen regelrecht überschwemmt werden? Als ob man Aufmerksamkeit nur dann bekommt, wenn Informationen mit Superlativen bestückt werden. Aber nicht nur die Medienbranche hat eine Neigung dazu entwickelt, nein, es färbt auch auf unseren Alltag ab.

Da werden die 15 Minuten Hausaufgaben zur nachmittäglichen Marathonsitzung hochstilisiert, da wird die Alltagsarbeit zum Stress, da wird das Hotel im Urlaub entweder als 10-Sterne-Luxusobjekt bejubelt oder zur gammeligen Wellblechhütte degradiert, je nach dem wie wir meinen, Aufmerksamkeit für uns gewinnen zu können.

Das Problem fängt zum einen beim Erzählenden an, der seine Mitmenschen mit noch denkwürdigeren Geschichten fesseln will (wie war das noch mit Münchhausen?) und zum anderen beim Zuhörer, der nur noch dann seine Ohren einschaltet, wenn „mega“ oder „super“ oder sonstige Steigerungswörter sein Interesse wecken. Infolgedessen befindet man sich in einer Spirale, in der das normale „Mir geht es gut“ langweilig und uninteressant erscheint. Leben fängt erst dann an zu pulsieren, wenn es im Superlativ geschieht.

Diese Extreme sind Ausdruck von eigener Unzufriedenheit, Ruhe- und Rastlosigkeit, die darin gipfelt, sich immer größeren Herausforderungen stellen zu müssen. Dabei ist innere Zufriedenheit ein hohes Gut, dessen Sprache mitnichten die der Superlative ist, sondern eher eine zurückhaltende Bescheidenheit in allen Dingen, eben, wie ein altes Sprichwort sagt: eine Zier.

Mit herzlichen Grüßen aus dem Schwarzwald
Ihre

Gerlinde Glöckner
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