Editorial Ausgabe Februar 2009

Liebe Leserinnen und Leser,

Ein Geistlicher, der sehr beschäftigt war und immer viel zu tun hatte, wurde einmal gefragt, warum er immer so konzentriert sei.

Er antwortete:

„Wenn ich stehe, dann stehe ich.
Wenn ich gehe, dann gehe ich.
Wenn ich sitze, dann sitze ich.“
Da fiel man ihm ins Wort und sagte:
„All das tun wir auch, aber was machst du sonst noch?“
Wieder sagte er:
„Wenn ich stehe, dann stehe ich.
Wenn ich gehe, dann gehe ich.
Wenn ich sitze, dann sitze ich.“
Und wieder fiel man ihm ins Wort: „Das tun wir doch auch!“
Da antwortete der Geistliche:
„Nein, wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon;
wenn ihr steht, dann lauft ihr schon;
wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.“

Und nicht nur das. Fehlt es uns nicht in vielen Situationen an der nötigen inneren Ruhe und Gelassenheit? Denken Sie doch nur an die lange Schlange vor der Kasse, an den Drängler auf der Überholspur oder das Geschiebe beim Einsteigen in die Straßenbahn. Und wie oft regen wir uns auf, weil uns etwas nicht auf Anhieb gelingt, die Kinder einfach nur nerven oder wir vielleicht sogar ungerecht behandelt worden sind…

Geduld ist Ausdruck von innerer Stärke und Reife und ist das Gegenteil von Zorn und Ärger. Geduld kann man erlernen, mit viel Demut und Bereitschaft zum Verzicht. Geduld ist etwas Wertvolles, weil sie uns hilft, Gegebenheiten anzunehmen, und uns auf dem inneren Weg Ausdauer gibt. Denn jede noch so kleine Veränderung braucht seine Zeit, kein Mensch ändert sich von heute auf morgen. Angewohnheiten – gute wie schlechte – ändert man mit Geduld und Gelassenheit.

Aber nicht nur auf der spirituellen Reise ist Geduld eine Tugend, sondern auch im hektischen Alltag mit den vielen Eindrücken. Jeder Mensch fühlt sich heute unter Druck gesetzt, die Zeit läuft überall davon. Geduld ist hier überlebenswichtig geworden, um sich nicht im Dickicht des Zeitgeistes zu verlieren. Geduld haben heißt nämlich auch Zeit haben, und wer hat heute Zeit?

Mit herzlichen Grüßen
Ihre

Gerlinde Glöckner
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