Editorial Ausgabe Juli 2007
Liebe Leserinnen und Leser,
der G8-Gipfel in Heiligendamm hat die Medien in den letzten Tagen und Wochen in Atem gehalten. Um das Thema der Globalisierung mit all ihren Auswirkungen entstand bei Befürwortern und Gegnern eine hitzige Debatte, die zum Teil auch durch gewalttätige Demonstrationen angefacht wurde. Zur gleichen Zeit fand der Evangelische Kirchentag in Köln statt, mit einem größeren Besucherstrom als erwartet und vielen Workshops, die ebenfalls das Thema der Globalisierung, der Armut und des Weltfriedens zum Inhalt hatten. Unterschiedliche Events mit dem gleichen Ziel: eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens für alle Menschen zu schaffen.
Bei einem Besucher des Kirchentages stand auf einem Sticker „Gräte sein“. Ist das das Motto, das uns alle dazu ermuntern soll, uns quer zu stellen und so das Problem besser zur Geltung zu bringen? Ich glaube nicht, dass dieses Denken in die richtige Richtung führt. Zwar können die Religionen auch bei dem Thema der Globalisierung Stellung beziehen, doch nur dann, wenn sie dabei nicht in eine politische Dimension abgleiten, sondern sich mit ihren ursprünglichen Werten und Auffassungen zu Wort melden.
Gewaltlosigkeit, Nächstenliebe, Reinheit, Wahrhaftigkeit, Achtsamkeit und Demut sind Begriffe und Grundlagen für die Verwirklichung von Religion. Das Ermahnen und Erinnern an diese Grundbegriffe sollte die Hauptaufgabe derer sein, die sich im Namen der Religion den Frieden der Welt auf ihre Fahnen geschrieben haben. Dazu braucht es Vorbilder, Menschen, die solche Werte leben und durch Konsequenz, Respekt und Würde das Vertrauen der Menschen erringen.
Wo sind solche Menschen? Hier. Jeder von uns ist Vorbild und Vorreiter. Wir müssen diese Ideale mit Leben füllen, wir müssen uns jeden Tag hinterfragen, ob wir diesen Werten nachgekommen sind. Ein jeder von uns kann jeden Tag ein Stück mehr zu einer gerechteren Globalisierung, zu ein bisschen mehr Frieden beitragen – nicht durch Demonstrationen, nicht durch lautstarkes und medienwirksames Zur-Schau-Stellen, sondern durch das eigene Handeln in seinem Alltag. Fangen Wahrhaftigkeit, Achtsamkeit und Nächstenliebe nicht im Kleinen an, in der Familie, mit den Kindern, im Beruf, mit meinen Kollegen, im Verhalten gegenüber meinen Mitmenschen, im Achten der Schöpfung?
Ich möchte eigentlich keine Gräte sein und den Mächtigen im Hals stecken bleiben, sondern ich wäre lieber ein Bambusrohr, durch das Gottes Liebe, Reinheit, Demut und Gerechtigkeit hindurchfließen kann, so dass alle Menschen um mich herum von der Quelle Gottes schöpfen können.
Herzlichst
Ihre

