Editorial Ausgabe Juni 2008

Liebe Leserinnen und Leser,

gestern traf ich meinen Nachbarn, als er gerade seine Nebenkostenabrechung vom Vermieter erhalten hatte. Er schimpfte über die hohen Preise und erzählte mir dabei, dass sie vor ca. 70 Jahren auf ihrem Bauernhof dreimal im Jahr einen Holzzuber mit warmem Wasser in den Stall gestellt habe und dort die 10 Kinder nacheinander gebadet haben. Er wäre der Jüngste gewesen und hat die älteren Geschwister immer so beneidet, weil sie das wärmere und auch sauberere Wasser genießen konnten.

Diese Geschichte habe ich meinen Nichten und Neffen erzählt, und wenn Sie sie Ihren Kindern und Enkelkindern erzählen, werden Sie höchstwahrscheinlich die gleiche Reaktion erfahren: „Mensch, voll coo-o-lll!!!“

Während bei uns Duschen und Badewannen volllaufen, die Waschmaschine mit nur einem T-Shirt bestückt wird, der Geschirrspüler zweimal am Tag mit einem Teller laufen muss, haben wir die Annehmlichkeiten des fließenden Wassers so verinnerlicht, dass uns der Bezug zum Elixier Wasser verloren gegangen ist. Alles ist selbstverständlich geworden – genauso bei Lebensmitteln und anderen Rohstoffen. Dabei liegen nur 70 Jahre zwischen einer 21° Celsius warmen Zentralheizung und einem 1-Zimmer-Kachelofen, der jeden Morgen aufs Neue angefeuert werden musste. Alles Dinge, die jedoch vielen Menschen dieser Erde auch heute noch fremd sind.

Die Artenschutzkonferenz in Bonn, die Naturtragödien in China und Myanmar, die permanente Verteuerung der Lebensmittel (denken Sie an die hungernden Menschen in Haiti, die Lehmkekse essen müssen), die Verdoppelung der Rohstoffpreise, die Schlimmes befürchten lässt: all das sollte uns zum Umdenken bewegen. Und in diesem Moment ist die Religion das einzige Verbindungsglied zwischen Mensch und Schöpfung. Wir müssen uns rückbesinnen auf den Ursprung allen Lebens, nämlich Gott und Seele. Um diese Einheit zwischen beiden herzustellen, bedarf es dieser Welt, und zwar in ihrer ganzen Vielfältigkeit und Schönheit. Das zu erkennen bedeutet aber, Respekt und Achtung zu haben vor allem, was uns gegeben wurde, und gleichzeitig andere Maßstäbe anzulegen – nicht an andere, sondern an uns selbst. Wir müssen den Mut aufbringen, den Weg nach innen zu gehen; wir müssen den Mut haben, von materiellen, vergänglichen Dingen loszulassen und die Prioritäten im Leben ein bisschen mehr in Richtung innerer Werte zu verschieben.

Mit lieben Grüßen aus dem sonnigen Schwarzwald,
Ihre

Gerlinde Glöckner
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