Editorial Ausgabe Juni, Juli 2005

Liebe Leserinnen und Leser,

es scheint einen neuen Trend zu geben: Politiker, Wirtschaftsweise und Religionsoberhäupter rufen die Bürger und Bürgerinnen dieses Landes dazu auf, sich wieder mehr an ihre soziale Verantwortung zu erinnern.

Vor ein paar Jahren galt dies als konservativ, veraltet, spießig. Die Freiheit sollte gelebt werden, und wer es nicht tat, war halt nicht „in“. Der Ellenbogen war das Symbol dieser Zeit, und nur wer ihn am besten gebrauchen konnte, schien in den Augen der Medien und Mitmenschen ein „toller Mensch“ zu sein. Ganze Generationen von Kindern wurden dazu erzogen und angehalten, diesem Ideal zu entsprechen. Vorbilder waren diejenigen, die sich mit coolem Verhalten zum Sprachrohr einer Bewegung machten, die Egoismus als höchstes Ziel der menschlichen Existenz betrachtete. Derjenige, der sich gekonnt Vorteile auf Kosten anderer verschaffen konnte und öffentlich damit prahlte, erhielt Kultstatus.

Weg mit dem Begriff der Mitmenschlichkeit, welcher doch, anders übersetzt, nichts anderes als Schwäche bedeutet. Weg mit dem Begriff der Nächstenliebe – nur wer zuerst „ICH“ ruft und den Finger am weitesten streckt, hat Erfolg im Leben. Nachgeben, vergeben oder gar zurückstecken für einen anderen – im Prinzip vielleicht schon, aber nicht gerade bei mir. Die Krone der Falschheit haben wir uns dann noch aufgesetzt, als wir diese Entwicklung unter dem Deckmantel des christlichen Glaubens versteckt haben und auch dort versuchten, dem Zeitgeist zu entsprechen.

Und jetzt? Jetzt haben wir ein Problem. Menschen, die in diesem Umfeld aufgewachsen sind, merken, dass eine Ego-Gesellschaft aus Neidern und Missgünstigen das Zusammenleben nicht nur schwieriger gestaltet, sondern auch geistige Verarmung nach sich zieht. Die Freiheit, dieser unbeschreibliche Wahn nach Selbstverwirklichung auf Kosten menschlicher Wärme und Nähe und aller gottgegebenen Werte, hat uns geistig zu einem Armenhaus verkommen lassen. Nichts halten wir mehr in der Hand, gar nichts. Kein Geld, kein noch so großes Auto, kein noch so schönes Haus, keine einzige Stunde der stolz errungenen Verwirklichung bringt uns die Besonderheit der Wärme und Liebe der Mitmenschlichkeit wieder. Einsam und verlassen klagen wir unser Schicksal, klagen wir heute die Gesellschaft an.

Zu spät? Nein, wenn wir Respekt, Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Ehrlichkeit, Vergebung nicht als Worthülsen gebrauchen, sondern sie mit Leben füllen. Vorbild sein ist besser als jegliche theoretische Erkenntnis. Modern sein heißt, geistige Werte zu leben. Jeder von uns sollte hier und jetzt damit anfangen und anerkennen, dass es eine Macht über uns gibt, die uns den Rahmen für unsere Freiheit vorgegeben hat.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre

Gerlinde Glöckner
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