Editorial Ausgabe May 2008

Liebe Leserinnen und Leser,

freuen Sie sich schon auf den Sommer, auf die erfrischende Kühle eines angenehmen Schwimmbadbesuches nach einem heißen Sommertag? Dann freuen Sie sich mit Sicherheit zu früh. Dabei meine ich jetzt nicht das Wetter, das wir sowieso nicht voraussehen können, sondern damit meine ich Ihren Schwimmbadbesuch, der nicht der Erholung dienen wird. Warum nicht? Mein letzter Besuch an diesem Ort hat mir gezeigt, dass dort keine menschlichen Wesen schwimmen, sondern eher Walrösser, U-Boote oder Nilpferde. Egal ob jung oder alt, weiblich oder männlich, jeder verhält sich so, als ob das Schwimmbad nicht öffentlich wäre, sondern in seinem Wohnzimmer gelegen wäre. Passen Sie auf, wenn jemand als U-Boot unter Ihnen wegtaucht oder Schmetterlingsstilschwimmer gerade den Rest der Schwimmer an den Rand drängen. Interessiert mich das, was der Andere macht?

Das Schwimmbad, der Straßenverkehr, der Bahnsteig, die U-Bahn – alles Orte, an denen man heute einen neuen Stil beobachten kann: Ich allein, Glück allein!

Rücksichtslosigkeit ist eine andere Ausdrucksform von Egoismus. Was kümmert es mich, ob das, was ich mache, dir passt? Ich will mich jetzt wohl fühlen, ich will jetzt hier sitzen, ich will jetzt hier hinein, schau du doch selbst, wie du zurechtkommst, du interessierst mich nicht. Auf der Strecke bleiben dann immer die Menschen, die sich nicht wehren können, also die ganz Jungen und ganz Alten. Und auf der Strecke bleibt altersunabhängig die Mitmenschlichkeit. Dabei kann jeder Mensch das Gefühl für den Anderen entwickeln lernen, beginnend im Sandkastenalter bis hin zum gemeinsamen Miteinander im Altenheim. Es bedarf nur eines Vorbildes. Apropos Vorbild: Wo sind sie nur, die Vorbilder der Mitmenschlichkeit? In der Politik, in der Wirtschaft, im Sport? Nehmen Sie besser die Lupe bei Ihrer Suche!

Dabei bedarf es nur so wenig: Das Ich nicht so wichtig machen, dem Ego mal einen Deckel aufsetzen und die Augen von sich selbst weg auf den Anderen richten. Hinschauen, was der Andere macht. Keine Angst, mein Wohlfühlfaktor bleibt dabei garantiert hoch. Mitmenschlichkeit, Verständnis für den Anderen, Liebe für den Nächsten: Würden wir dies im Alltag berücksichtigen, würde die Welt einen Schritt näher zusammenrücken und das Leben für jeden von uns ein bisschen leichter werden. Wir wären selbst Vorbilder, jeder für sich und jeder für den Anderen.

Ihre

Gerlinde Glöckner
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