Editorial Ausgabe November 2008

Liebe Leserinnen und Leser,

seit Wochen beherrscht das eine Thema die Medienlandschaft: der Zusammenbruch der Finanzwelt und seine Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Während Staatschefs und Finanzvorstände sich bemühen, den Scherbenhaufen so klein wie möglich zu halten und so schnell wie möglich zusammenzukehren, eröffnet in München die Messe für Millionäre ihre Pforten. Hat man also ein paar Millionen noch retten können, bietet diese Messe genügend innovative Ideen, wie man sich derer entledigen kann. – Was haben wir nur verkehrt gemacht? Diese Frage kommt nicht aus irgendeinem versteckten Neidgefühl, sondern eher aus der Sprachlosigkeit, die mich bei allen diesen Informationen befällt.

Ist das nicht der Tanz ums Goldene Kalb, wie er vor Tausenden von Jahren beschrieben wurde? Was verehren wir denn? Renditen, Boni, Hedge-Fonds, Dax und Dow Jones – Worte wie aus einem Gebet auf der schier endlosen Jagd nach dem endgültigen und immerwährenden Glück und Zufriedenheit. In den letzten Jahren wurden allem Anschein nach diejenigen Zeitgenossen, die um dieses Kalb tanzten, bewundert und fast schon mit Ehrfurcht betrachtet. Ihr Denken und Handeln wurden in Büchern und in Vorlesungen zum neuen Ideal der wirtschaftlichen Verantwortung erhoben. Und – seien wir ehrlich – wir alle haben staunend daneben gestanden, und bei dem einen oder anderen kam sicherlich auch das Gefühl des „Hätte-ich-auch-gerne“ auf.

Aber wann lernen wir endlich etwas dazu? Die Geschichte hat uns doch detailliert gezeigt: Zufriedenheit und Glück sind die beiden Faktoren, die sich – Gott sei Dank – niemals kaufen lassen. Besitz und Gier sind eher Ballast und Hindernis auf dem Weg dahin, da sie die Wünsche nur vermehren statt zu vermindern. Wünsche erlauben aber keine Freiheit, weder für den Geist noch für die Seele, sondern binden sie immer wieder und weiter in materielles Denken ein. Eine Spirale mit Abwärtsbewegung. Und am Ende wartet – das Leid. Das zeigt nicht nur der Tanz ums Goldene Kalb, sondern die ganze Geschichte der Menschheit zurück bis zum Paradies.

Glauben Sie mir, ich will nicht auf das Geld verzichten und zum Tauschhandel zurückkehren, aber Geld braucht Grenzen und Regeln, die wir vorgeben müssen und nicht die Gier. Wir müssen Geld mit moralischen und ethischen Werten verknüpfen, damit es einem besseren Miteinander der Menschen dient und nicht zur Geißel der Menschheit mutiert.

Es ist nie zu spät, aber zur Erkenntnis reicht es erst dann, wenn wir anfangen, etwas zu ändern, nämlich unser Streben nicht an begrenzten materiellen Maßstäben, sondern an von Gott gegebenen Werten auszurichten.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre

Gerlinde Glöckner
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