Editorial Ausgabe Oktober 2009

Liebe Leserinnen und Leser,

Das darf doch nicht wahr sein!“ und: „Was haben wir denn falsch gemacht?“ Das sind die ersten Gedanken, die einem durch den Kopf gehen, wenn man von den Geschehnissen der letzten Tage hört. Brutale Gewaltanwendung bis hin zum Mord, ausgeführt von Jugendlichen, die die Erwachsenenreife nicht einmal annähernd erreicht haben. Haben wir versagt? Haben wir, die Gesellschaft, die Mitmenschen, die Kirchen versagt, weil wir das nicht verhindern konnten?

Ja, haben wir! Nicht nur weil wir wegschauen, anstatt zu helfen, sondern weil wir unseren Kindern das Fundament des Lebens verwehrt haben. Aus Bequemlichkeit, aus Egoismus, aus Zeitmangel.

Ich spreche hier nicht von den vielen psychologischen Hilfsangeboten des Staates und auch nicht von einer Verschärfung des Jugendstrafrechts, denn das sind zwar erwägenswerte Maßnahmen, die aber von dem eigentlichen Problem ablenken. Das Problem sind wir selbst.

Wir haben unseren Kindern vorgelebt, dass man sich immer selbst der Nächste ist, und haben sie mit materieller Wunscherfüllung abgespeist und ruhig gestellt. Da haben wir es an nichts mangeln lassen, unsere Kinder sollten es ja besser haben als wir. Dabei ging es in diesem Fall wieder nur um uns. Wir wollten Ruhe vor ihnen haben, denn wir hatten Wichtigeres zu tun: Karriere basteln, Geld vermehren, Nerven schonen, Spaß haben – Kinder haben dabei nur gestört.

Wo ist der Vater, der mal auf eine Stunde Karriere am Tag verzichtet und mit seinen Kindern spielt, diskutiert, Fragen beantwortet, ihren Problemen zuhört, aus Erfahrung Hilfestellung gibt, Grenzen aufzeigt und durchsetzt? Wo ist die Mutter, die nicht nur zwischen Beruf und Haushalt hin und her hetzt, überbeansprucht und ohne Nerven, die Kinder sich selbst überlässt und die paar Stunden, die vom Tag übrig bleiben, mit Recht für sich selbst haben will, sondern auch Nestwärme, Liebe und Ruhe ausstrahlen kann? Und wo ist die Gesellschaft, die das alles anscheinend unterstützt, aber dann mit dem Finger darauf zeigt und sofort wieder wegschaut, weil es einen ja nicht selbst betrifft?

Wir haben unseren Egoismus höher gesetzt als das Vermitteln von geistigen Werten und Geborgenheit unseren Kindern gegenüber. Wir haben klar gemacht, dass wir zuerst uns selbst der Nächste sind, und haben die Kinder auf die Wartebank, vor den Fernseher, gesetzt und den Staat gebeten, doch für die Betreuung zu sorgen.

Kinder haben ein Recht darauf, von uns etwas zu lernen. Sie wollen etwas von uns, aber wir haben keine Zeit und keine Lust! Darum haben wir versagt.

Kann man noch etwas ändern? Ja, jetzt, hier und heute und jederzeit. Das Ich, das Ego zurücknehmen, für den Anderen zuerst da sein und nach menschlichen Grundwerten wie Liebe, Freiheit, Toleranz und Achtsamkeit unseren Kindern und Jugendlichen Vorbild sein.

Herzlichst Ihre

Gerlinde Glöckner
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