Editorial Ausgabe Oktober, November 2005

Liebe Leserinnen und Leser,

meine Nachbarin, eine 85-jährige alte Dame, allein lebend, rüstig und immer guter Dinge, ist vor einigen Wochen in ihrer Wohnung gestürzt. Sie fiel auf die Schulter und konnte sich selbst nicht wieder aufhelfen, aber auf ihre Rufe hin eilten alle Nachbarn sogleich zur Hilfe. Als sie am nächsten Morgen nicht aus dem Bett aufstehen wollte, die Nahrung verweigerte, teilnahmslos wirkte, machten wir uns alle Sorgen und verständigten den Notarzt.

Ein junger Mediziner kam vorbei; er machte Vertretung hier, sonst war er an einer großen Klink beschäftigt. Nach kurzer Untersuchung bat er um eine Unterredung. Da die alte Dame keine Patientenverfügung gemacht habe, müsse er nun uns darüber informieren, was alles auf die Patientin zukomme, wenn er sie in ein Krankenhaus einweisen würde: Intensivstation, Infusionen, eventuell Beatmung oder auch künstliche Ernährung, Blasenkatheter und so weiter.

Er wolle uns keine Angst machen, aber in einer solchen Situation und in Anbetracht des Alters der Patientin halte er es für seine Pflicht, uns darüber aufzuklären, um eventuell auch eine Entscheidung gegen eine Einlieferung in das Krankenhaus zu treffen. Dann könnte sie ruhig in ihrer gewohnten Umgebung bleiben und wäre all dem für sie Unangenehmen nicht ausgesetzt. Schließlich würde er tagtäglich in der Klinik erleben, wie Menschen in eben solch einer Lage mit all den Apparaten dort dahinsiechen.

Im ersten Moment hat es mir die Sprache verschlagen. Konnte es tatsächlich wahr sein, dass ein Arzt, jemand der sich verpflichtet hat, Leben zu erhalten, so eine Frage überhaupt stellen würde? Ist man mit 85 Jahren als Mensch weniger wert als mit 35 Jahren? Ist nur junges Leben erhaltenswert und kann man in Anbetracht der leeren Pflegekassen die Menschen ab 85 ruhig sterben lassen? Bin ich gar hartherzig und mitleidlos, wenn ich einem Menschen die bestmögliche medizinische Versorgung gebe, damit er vielleicht überleben kann? Oder stellt man eine solche Frage bei Patienten über 80 nicht mehr? Haben wir nicht eine Verpflichtung jedem Menschen gegenüber, alles zu tun, um ihm in seinem Leid zu helfen und ihn nicht allein seinem Schicksal zu überlassen?

Was für eine Anmaßung und Überheblichkeit, die der Mensch sich heute angeeignet hat, dass er meint, eben mal Gott, Herr über Leben und Tod, spielen zu wollen. Wer hat ein Recht, diese Frage überhaupt zu stellen, geschweige denn sie auch nur zu beantworten. Kein Mensch kennt Gottes Plan und seinen Willen. Also ist es unsere Pflicht und Verantwortung, jedem Menschen, egal welchen Alters, so zu versorgen, dass ihm die Chance auf ein Weiterleben gegeben ist. Die Frage nach der Menschenwürde beantwortet Gott, und nicht der Mensch.

Mit herzlichen Grüßen aus einem derzeit sonnenverwöhnten Herrischried

P.S.: Kleine Anmerkung: Meine Nachbarin sitzt heute wieder auf dem Balkon und isst gerade ein großes Stück Pflaumenkuchen mit Sahne!

Gerlinde Glöckner
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