Editorial Ausgabe September 2007

Liebe Leserinnen und Leser,

die Schlagzeilen der letzten Wochen haben wieder einmal mehr verdeutlicht, dass sich unsere Gesellschaft immer weiter von ihren abendländischen Werten entfernt.

Während in Duisburg die Blutfehde neue Dimensionen erreichte, schlossen in Mügeln viele Menschen vor der Gewalt gegenüber Menschen anderer Hautfarbe ihre Augen. Ist das Gebot aus der Bergpredigt „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ nicht mehr zeitgemäß? Je stetiger die Eigenliebe in den letzten Jahren zugenommen hat, desto weniger wurde des Anderen gedacht. Nichts interessiert uns mehr als wir selbst, und Liebe für den Nächsten heucheln wir nur dann, wenn wir uns einen Vorteil davon versprechen. Denken wir doch an die alltäglichen Beispiele aus der Straßenbahn, das Drängeln vor der Kasse, den Kampf um den letzten Parkplatz in der Garage. An die alte Frau oder das Kind in der Nachbarschaft, die unsere Hilfe manchmal bitter nötig hätten, für die aber sich keiner interessiert. Alles Kleinigkeiten, aber sie machen doch sehr klar, dass wir den Blick über uns selbst hinaus verloren haben.

Nächstenliebe ist keine Verhaltensweise, die man nur im Religionsunterricht erlernen kann. Nächstenliebe fängt auch nicht zuerst beim Anderen an. Nächstenliebe verdeutlicht eigentlich nur den Respekt, die Achtung, das Verständnis für den Nächsten – vor allem unter dem Aspekt, dass wir alle eine gemeinsame geistige Heimat haben. Aber statt dies zu leben, ergötzen wir uns an den Schlagzeilen der Boulevardmagazine, wo Rücksichtslosigkeit und Egoismus als wertvolle, Karriere fördernde Mittel gutgeheißen werden.

Der Ellenbogen, als Symbol für unsere Zeit, gilt als chic. Aber wissen wir eigentlich, wie wichtig es für uns selbst ist, Nächstenliebe zu leben? Nicht deswegen, weil wir dafür im Gemeindeblatt eine besondere Würdigung erfahren, und auch nicht weil unser Platz im Himmel ein bisschen weicher gebettet sein könnte. Sondern Nächstenliebe heißt, eine innere Freiheit, Zufriedenheit und Ausgeglichenheit zu fühlen, die mit keinem noch so großen materiellen Gewinn zu erlangen ist. Nächstenliebe bereitet den Boden für ein glückliches, losgelöstes Leben. Dabei stellt sich auch nicht die Frage nach Zeit und Aufwand, weil das, was man durch das Geben erhält, um ein Vielfaches wertvoller ist.

Mahatma Gandhi gilt als Vorbild für Gewaltlosigkeit, weil er eben nicht wegschaute und auch die linke Wange hinhielt. Aber er musste erkennen, dass Worte nichts nützen, sondern nur die praktische Umsetzung, das Vorbildsein den Menschen die Augen öffnet und sie ihr Verhalten ändern lässt.

Darum hat es auch gar keinen Sinn, mit dem Finger auf Andere zu zeigen. Profil erhält der, der Nächstenliebe lebt, und nicht nur predigt.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre

Gerlinde Glöckner
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