Editorial Ausgabe juni 2009

Liebe Leserinnen und Leser,

in Wien haben sich rivalisierende Sikhs ein Massaker in einem Gurdwara-Tempel geliefert, woraufhin in Amritsar (Indien) eine gewaltige Hetzjagd zwischen Sikhs und Sikhs stattfand.
Gestern Nordirland, Irak oder Bosnien, heute Wien oder Jerusalem und morgen?

Gewalttätige religiöse Fanatiker befremden uns, flößen uns Angst ein und lassen uns wegschauen. Religion und Gewalt – das ist für unser christlich-abendländisches Verständnis nur noch schwer vorstellbar, vielleicht auch deswegen, weil die Zeit, in der das Christentum die Verbreitung des Glaubens mit Gewalt durchsetzen wollte, schon hinter uns liegt?

Hinter all diesen Geschehnissen verbirgt sich Unkenntnis oder blinder Glaube oder einfach nur die Gier nach Macht und Einfluss. Was hat Religion in seinem Ursprung mit Gewalt zu tun? Nichts. Jedes Herleiten, jedes Zurechtbiegen, jedes noch so laute Gerede, egal in welcher Religion, ist weder vom Religionsstifter gewollt noch in irgendwelchen Heiligen Schriften überliefert worden, und trotzdem versuchen Menschen, mit Hilfe der Religion Macht mittels Gewalt auszuüben. Wer meint, Religion mit Gewalt gegen sich oder gegen andere als Anbetung Gottes auslegen zu dürfen, verhöhnt zum einem die Gründer aller Religionen und lässt zum anderen Religion an sich zu einem äußeren Instrument der persönlichen Machtbegierde verkommen. Religion als Waffe – was für ein Unsinn!

Religion bedeutet die Rückbindung der Seele zu Gott; alles was dazu dient, meine Seele zurück zu Gott zu bringen, kann ich mit dem Begriff der Religion umschreiben. Es ist aber ein innerer Prozess, ganz individuell, der nichts mit äußeren Ritualen oder äußeren Formen überhaupt zu tun hat. Religion praktiziert man im Herzen, dort, wo Gott uns seine Liebe hineingelegt hat. Eine Liebe, die uns mit tiefer Sehnsucht nach unserer inneren Heimat füllt und die von Verständnis und Achtsamkeit für jedes anderes Geschöpf geprägt ist. Diese Liebe ist so gewaltig und so unvergleichlich schön, dass jeder, der sie nur sucht, den Gedanken an Gewalt gar nicht spüren kann. Diese Liebe lässt keinen Raum für irgendwelche Macht- oder Egospiele, sondern leitet jeden Sucher unsichtbar in seine ewige Heimat. Das ist das einzig wahre Kriterium, um zwischen blindem Glauben und Religion zu unterscheiden.

Mit lieben Grüßen aus dem sonnigen Schwarzwald,
Ihre

Gerlinde Glöckner
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