Ayurveda für die Seele

Ayurveda für die Seele

Die Angst überwinden

Der Ayurveda-Arzt Dr. Aruna Bandara aus Sri Lanka erläutert den Begriff der Seele und gibt praktische Anleitungen, wie Ayurveda bei psychosomatischen Störungen helfen kann.

Was ist die Seele?

Im Jahrtausende alten Ayurveda stellt die objektive, logische Herangehensweise nur einen Aspekt, eine relativ kleine Schicht dar. In der heutigen Naturwissenschaft ist sie dagegen ausschlaggebend. Mit vielen, auch sehr komplizierten körperlichen Vorgängen kann diese rationale Wissenschaft ganz gut umgehen. Doch je näher wir dem seelischen Bereich kommen, desto weniger scheinen die technisch hoch entwickelten Apparate, Methoden und Medikamente zu helfen.

Sicher, es gibt viele Psychologen und Psychotherapeuten, die psychische und psychosomatische Störungen mit den unterschiedlichsten Therapien behandeln, sehr oft mit Medikamenten, die auf das Gehirn einwirken. Was wir als seelisch einstufen – Emotionen, Depressionen, Konzentrationsschwächen und vieles andere – hat nach Ansicht der meisten westlichen Experten und Ärzte mit dem Gehirn zu tun. So als wäre das Gehirn der Sitz der Seele, ja, als wäre das Gehirn selbst unser innerster Kern.

Diese uns allen sehr geläufige Auffassung entspricht überhaupt nicht dem Verständnis von Ayurveda. Das ursprüngliche „Wissen vom Leben“ geht von völlig anderen Voraussetzungen und Erkenntnissen aus. Wenn ich gelegentlich lese, wie manche Hotels und Wellness-Einrichtungen für den Wohlfühl-Aspekt von Ayurveda werben, kann ich nur ungläubig den Kopf schütteln: „Lassen Sie mal Ihre Seele baumeln“. Wie kann ich „meine“ Seele „baumeln“ lassen? Wenn überhaupt, könnte umgekehrt die Seele mich baumeln lassen!

Es hängt natürlich erstmal am Verständnis dieses Begriffs „Seele“. In der indischen Philosophie der Veden, aus der Ayurveda hervorging, ist die Seele kein Gefühl, das wir mal kurz wie feuchte Unterwäsche zum Durchlüften in den Wind oder in die Sonne hängen. Die Seele (brahman, atman) ist vielmehr ein enormes, unbegrenztes Feld von Energie und Bewusstsein, in dem wir als Individuen auftauchen, leben und verschwinden. Wir haben keine individuelle Seele, wir sind eine allumfassende Seele.

„Oft können wir das Problem ganz einfach mit einer Gegenqualität beheben. Das ist das Grundprinzip im Ayurveda.“

Viele spirituelle Traditionen benutzen zur Veranschaulichung das Bild der Welle im Meer. So wie die Welle ein kleiner Teil des Ozeans ist, doch nicht getrennt von ihm, so ist jeder von uns eine einzigartige Erscheinung und ein individueller Ausdruck des Lebens. Jedes Wesen ist Leben und mit seiner unbändigen, unendlichen Kraft aufs Innigste verbunden. Doch niemand kann es kontrollieren, auch wenn der Verstand es gerne glauben machen möchte. Der Verstand mitsamt allen Wissenschaften und Gefühlen ist selbst ein Instrument des Lebens, nicht sein Meister.

Diagnose: Gezielte Fragen

Auch wenn ich meistens schon einen recht umfassenden Eindruck von meinem Gegenüber gewonnen habe, stelle ich doch in der Regel noch etliche Fragen. Sie beziehen sich auf Vorlieben und Abneigungen, speziell was die Mahlzeiten betrifft, auf Gewohnheiten, auf die Geschichte und Hintergründe der Person. Die Fragen finden sich zum Teil auch in den üblichen ayurvedischen oder psychologischen Fragebögen zum „Selber-Ankreuzen“ in Büchern und Zeitschriften. Doch ich frage ja nicht einfach automatisch ab. Hier findet ein Dialog, ein echter Austausch statt.

„Was essen Sie zum Frühstück?“
„Nicht viel. Meist nur ein Brötchen mit Marmelade, dazu eine Tasse Kaffee.“
„Keine Zeit?“
„Genau. Ich muss um 9 Uhr im Büro sein, und meist ist Stau.“
„Was würden Sie gern essen, wenn Sie mehr Zeit hätten?“
„Warmen Haferbrei. Das beruhigt mich.“
„Und das Mittagessen?“
„Kantine. Spagetti Bolognese, Grünkohl mit Wurst…“
„Nicht unbedingt das, was Sie möchten?“
„Weiß Gott nicht! Aber für das vegetarische Restaurant reicht die Zeit nicht.“
„Und abends?“
„Da mach ich mir eine Suppe. Oder ich lasse mir eine Pizza kommen. Ich lebe allein, wissen Sie…“
„Haben Sie keinen Freund, keine Freunde?“
„Doch, doch! Manchmal treffe ich mich mit einer Freundin beim Italiener. Das ist meist sehr lustig.“
„Und wie steht’s mit dem Sex? Haben Sie da einen Partner?“
„Naja, ich hatte einen.“
„Und?...Was ist passiert?“
„Der hat sich vor zwei Wochen in eine andere verliebt.“
„Hatten Sie mit ihm sexuelle Probleme?“
„Eigentlich nicht. Zeitweise lief es ganz wunderbar.“
„Aber?“
„Ich weiß auch nicht. Irgendwie war er nicht mehr so interessiert.“
„Wie verstehen Sie sich mit Ihren Eltern? Gibt es da Probleme?“
„Wieso, nein, wir verstehen uns gut, telefonieren mindestens einmal die Woche.“
„Gab es in letzter Zeit mal Streit?“
„Naja, ich bin da einmal etwas lauter geworden. Meine Mutter meinte wieder, ich sollte endlich heiraten und nicht so… zimperlich sein.“
„Wie war das für Sie als Kind mit Ihren Eltern? Haben Sie sich zuhause wohl gefühlt?“
„Ja, meist schon. Aber die haben sich oft gestritten.“
„Wie war das für Sie?“
„Ich wollte, dass das aufhört. Wusste nicht, was ich tun sollte.“
„Haben Sie mal mit Ihren Eltern darüber gesprochen?“
„Nein, nicht wirklich.“
„Lieben Sie Ihre Eltern?“
„Lieben? Also, ich weiß nicht. Liebe! Manchmal mag ich sie, manchmal bin ich auch stinksauer. Eigentlich ziemlich normal, glaub ich.“
„Was mögen Sie denn wirklich gern? Natur, Reisen, Fernsehen…?“

„Die Seele ist ein unbegrenztes Feld von Energie und Bewusstsein, in dem wir als Individuen auftauchen, leben und verschwinden.“

So könnte ein Gespräch ablaufen, bei dem ich mehr über mein Gegenüber, den „Patienten“, zu erfahren suche. Es gibt gewisse Grundfragen, die ich immer stelle. Sie beziehen sich auf die Ernährung, die Vorlieben und Abneigungen, die Gewohnheiten, das soziale Umfeld (Familie, Beruf), Krankheiten, Sexualität. Doch wie und an welcher Stelle sie gestellt werden, ist von Person zu Person verschieden. Im geschilderten Beispiel wechselte das Thema ziemlich bald vom Essen auf Beziehungsfragen. In anderen Fällen kann die Krankheitsgeschichte in den Mittelpunkt rücken. Da geht es vielleicht mehr um chronische Schmerzen, Ängste oder Depression. In jedem Fall ordne ich die Informationen unter anderem nach den 20 von dem Ayurveda-Klassiker Charaka aufgelisteten Attributen, stelle die Unausgewogenheiten der Doshas fest und rate danach zu bestimmten Behandlungen vor Ort (unter meiner Aufsicht) und zu allgemeinen Richtlinien in der Ernährung und eventuell auch im Verhalten.

Angst überwinden

Angst durchzieht unser ganzes Leben, oft unbewusst. Wann haben Sie zuletzt deutlich Angst gespürt? Vielleicht aus Sorge, als ein geliebter Mensch, Ihr Partner oder Kind nicht wie gewohnt oder abgesprochen rechtzeitig zu Hause war? Vielleicht in Form von Lampenfieber, weil Sie auf der Arbeit vor Kollegen öffentlich sprechen sollten? Vielleicht auch vor einem Arztbesuch? Angst vor einer unangenehmen Untersuchung oder einer schwerwiegenden Diagnose wie Krebs? Oder vielleicht mögen Sie morgens nicht aufstehen? Der ganze bevorstehende Tag macht Ihnen womöglich Angst!

Ich möchte hier Angst als eines der zentralen seelischen bzw. psychosomatischen Probleme unsere Zeit und als Beispiel dafür anführen, was Ayurveda für die Seele bewirken kann.

Angst und Nervosität sind in der Regel verursacht durch zuviel Vata. Vata ist das Prinzip der Bewegung. Zuviel Bewegung der Gedanken und Emotionen zieht Störungen von Schlaf, Verdauung und Konzentration nach sich, ebenso Stress, Bluthochdruck und Verwirrung. Es geht also darum, Vata zu reduzieren. Die allgemeinen Empfehlungen dazu lauten:

Regelmäßige, möglichst warme Mahlzeiten, schon morgens eine kräftige Suppe oder heißen Haferbrei, mittags und abends auch mal ein Stück Fleisch oder Fisch mit Kartoffeln und Soße – das erdet. Die Gedanken kreisen etwas langsamer, vielleicht ist sogar ein Mittagsschläfchen möglich! Angst und Nervosität schlagen oft auf den Magen und den Darm. Man mag nichts essen. Doch wenn irgend möglich, sollten Sie gerade dann wenigstens eine heiße Suppe zu sich nehmen, und das mit Bedacht. Schmecken Sie so bewusst wie möglich! Sie werden sich schon während des Essens kräftiger und ruhiger fühlen.

Nehmen Sie sich einige Minuten Zeit, sich ihre Handflächen und Finger zu massieren. Das lenkt Ihre Aufmerksamkeiten von den kreisenden Gedanken auf Ihr Körperempfinden und entspannt. Streicheln Sie Ihre Hände. Spüren Sie, wie Ihre Füße den Boden berühren. Lassen Sie sich öfter mal massieren. Besuchen Sie die Sauna.

Kämpfen Sie – wenn irgend möglich – nicht gegen rasende Gedanken und Herzklopfen an. Nehmen Sie die Aufregung wahr wie einen spannenden Film oder ein wildes Musikstück. „Ganz interessant“, können Sie sich sagen, „was da gerade wieder abläuft. Beruhigt sich auch wieder!“

Angst ist nicht ausschließlich auf einen Überschuss von Vata zurückzuführen und keinesfalls auf Vata-Typen beschränkt. Sie nimmt in Verbindung mit anderen Doshas nur andere Formen an. Es gibt ganz verschiedene Arten von Angst. Ein ausgeprägter Kapha (körperorientierter Typ) hat meist weniger Angst, seine Seele oder seinen guten Ruf zu verlieren als etwa sein schönes Fernsehsofa. Bei einem Pitta-Typ (feurig) ist es eher umgekehrt. So müsste man eigentlich erst einmal herausfinden, um welche Art von Angst es sich handelt: Angst wovor und wie stark, mit welchen körperlichen Symptomen verbunden usw.? Dann müsste man sie seinem Typ zuordnen. Schließlich betrachtet man die 20 Eigenschaften (gunas) und verordnet sich selbst die geeigneten Gegenmaßnahmen.

Beispiel Kapha: Angst, zu versagen und nicht genug Leistung zu bringen. Grund: Schon oft verschlafen, zu spät zur Arbeit gekommen, Erklärung und offene Kommunikation vermieden. In einem solchen Fall könnte die Angst bereits verschwinden, wenn der Betreffende konsequent rechtzeitig aufsteht. Ganz simpel. Oder Beispiel Pitta: Auch hier könnte es sich um Versagensängste handeln, aber aus ganz anderen Gründen. Es geht womöglich um Machtansprüche und Streitereien, darum, dass sich bei Kollegen Widerstände gezeigt haben. Wir wissen im Grunde ganz genau, woran es liegt, wenn bestimmte Sachen immer wieder schief laufen, und warum sich da Angst entwickelt. Und wir können das Problem oft ganz einfach mit einer Gegenqualität beheben.

Das ist das Grundprinzip im Ayurveda, auch bei allen anderen seelischen Problemen.

  • Erkenne die Qualität der Störung.
  • Charakterisiere sie so einfach wie möglich („schwer“, „schwach“, „streng“, hitzig“…).
  • Finde intuitiv die Gegenqualität und setze sie angemessen als Heilmittel ein.

Zum großen Teil ist das „gesunder Menschenverstand“. Im Grunde wissen wir ja ganz gut, was uns gut tut und was nicht, nicht wahr?

Abdruck aus: Dr. Aruna Bandara : Ayurveda für die Seele . O.W. Barth

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages

AGBCopyright & DatenschutzImpressumKleinanzeige aufgeben