DER MIT DEN PFLANZEN SPRICHT
Wolf-Dieter Storl über sein Leben mit der Natur
Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Ihre Hinwendung zu alten Heilmethoden und Kräutern förderte, oder sind Sie eher hinein gewachsen?
Ich würde nicht sagen, dass es kein Schlüsselerlebnis gab. Vielmehr war es meine Großmutter, die ich sehr liebte und die sich mit Kräutern beschäftigte. Ich habe den Umgang mit Kräutern, wie man sie einsetzt, von ihr gelernt. Das war eines meiner frühesten Kindheitserlebnisse. Als wir in die USA auswanderten, war mein Interesse ungebrochen. Aber niemand konnte mir sagen, wie die Pflanzen hießen. Weil Pflanzen für die Amerikaner einfach weeds (Unkraut) und nichts wert waren. Deshalb studierte ich und war dann sehr enttäuscht. Weil auch an den Universitäten die Pflanzen verkannt wurden. Man sah sie als Gegenstände mit kommerziellem Nutzen. Durch meine vielen Wander- oder Reisejahre, die ich verbrachte – meistens ohne medizinische Versorgung – kann ich sagen, dass ich genau dann auf Wildkräuter zurückgegriffen habe und dass sie mich nie enttäuschten.
Was macht für Sie die Faszination der Pflanzen aus?
Das habe ich noch nie in Worte gefasst. Ich merke nur, je tiefer man eintaucht und sich mit ihnen beschäftigt, umso differenzierter erscheinen sie. Sie werden fast wie Wesen mit Persönlichkeiten. Das geht über das Beobachten oder Mit-ihnen-Sein hinaus. Die können nicht nur Gefühle, sondern auch Träume auslösen oder Eingebungen schenken. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass sie nicht nur Gegenstände sind.
Wie kommunizieren Sie mit Pflanzen?
Irgendwie kommuniziert ja jeder, nur merken wir das oft nicht, weil wir in einem schnelllebigen zivilisatorischen Prozess drinstecken. Wir nehmen uns nicht die Zeit, wie früher der Hirte, der den ganzen Tag seine Schafe oder Rinder beobachtete und einstieg in das Wesen seiner Tiere. Was so weit gehen konnte, dass er wie seine Tiere die Pflanzen spüren konnte. Und so war es wohl immer auch in den Dörfern. Wenn die Ärzte oder Kräuterfrauen nicht weiterkamen, gingen sie zu den Hirten. Denn die hatten immer einen Rat. Ihr Wissen war kein Buchwissen, sondern ein intuitives Wissen. Das waren die besten Kräuterkenner.
Als Gärtner verzichte ich auf all die Stimuli, die einen so schnell ablenken können, wie Radio oder Walkman. Wenn man so im Garten hackt und die Pflanzen wachsen sieht, welche Wendungen sie nehmen, wenn sie anfangen zu blühen, und wie das im Einklang mit dem Jahresrhythmus ist, dann steigt man immer tiefer hinein.
Wie spiegelt sich der Kosmos im Garten wider?
Die Pflanzen sind makrokosmische Wesen. Das heißt, sie haben kein inneres Leben, sie haben ja keine inneren Organe. Ein Baum kann innen hohl sein und er wächst trotzdem munter weiter. Im Gegensatz zu Menschen und Tieren, die beseelt sind, kann man sagen, dass die Pflanzen umseelt sind. Ihre Seele ist außerhalb und verbunden mit der größeren und weiteren Natur. Mit dem Klima, den Rhythmen der Sterne und Planeten, Sonne und Mond. Sie spiegeln ganz genau, was im Jahreslauf und unmittelbar in der Umwelt vor sich geht. Sie sind eingebunden, aber eben nicht als Mikrokosmen, sondern als makrokosmische Wesen.
Während Ihrer Zeit als Dozent an amerikanischen Universitäten haben Sie den Kontakt zur Natur verloren. Wie hat sich das geäußert?
Das war ein langsames Entfremden. Man saß immer länger in irgendwelchen Büros und Lehrsälen. Am Abend ging man zu Partys oder hörte die neuesten Schallplatten. Wenn ich raus ging in die Natur, stellte ich fest, dass die Resonanz fehlte. Sie sprach mich nicht mehr an. Ich kam mir vor, als sei ich in Plastik gehüllt. Ich sah sie noch, aber ich konnte sie nicht mehr so spüren wie zuvor. Das war sehr frustrierend für mich. In Genf habe ich eine Feldforschung in einem Dorf durchgeführt, das geistig Behinderte aufnahm. Ich habe versucht, diese ganzen soziologischen Bezüge herzustellen: wer hat das Sagen, wo sind die Bezüge und Machtstrukturen zwischen den Menschen usw. Ich arbeitete viel im Garten und plötzlich merkte ich, der Garten und die Pflanzen sind viel interessanter als das, was ich mache.
Ich begann barfuss zu laufen und ich spürte, wie meine Füße mit der Erde kommunizierten. Es ist wirklich etwas anderes, ob man über eine grüne Wiese läuft oder über einen Schotterweg, Zement oder Asphalt. Ich ließ meine Haare wachsen und ich spürte, dass sie empfindsam sind, obwohl keine Nerven drin sind. Sie waren wie eine Art Antenne. Auf einmal hatte ich diese Verbundenheit wieder, die ich als Kind spürte. Ich fühlte mich glücklich. Das war einer der wichtigsten Schritte, die mich dann dazu brachten, aus dem akademischen Betrieb auszusteigen.
Warum, glauben Sie, fällt es den Menschen so schwer, einfach wieder hinzuschauen?
Wir glauben, wir könnten nur über den Kopf verstehen. Ich sehe Leute, die laufen durch die Natur und reden miteinander, folgen ihren Gedanken, sind aber nicht in der Gegenwart und im Einklang mit der Natur. Wenn sie im Einklang mit der Natur sind, haben sie oft ein Buch in der Hand und schauen, welche Pflanze ist das. Wir sind einfach zu sehr in unsere intellektuellen Ideen eingehüllt.
Primär wäre erst einmal die Erfahrung zu machen. Wir müssen nicht wissen, wie eine Pflanze heißt. Wir sollten uns vielmehr hinsetzen und einfach mal in eine Pflanze hineinfühlen, sie anschauen, betasten, beschnuppern, bekosten usw. Der meditative Zugang kommt in unserer Kultur viel zu kurz.
Wie würden Sie jemandem, der Sie nicht kennt, Ihre Beziehung zur Natur beschreiben?
Meine Beziehung zur Natur ist gut im Titel meines Buches „Ich bin ein Teil des Waldes“ beschrieben. Wir sind ein Teil der Natur. Wir sind die Natur.
Was können wir von der Natur lernen?
Alles! Die Luft, die wir atmen, kommt von den Pflanzen. Sie produzieren den Sauerstoff. Sie nähren uns. Sie verzaubern für uns die Landschaften im Jahresrhythmus. Die Natur nährt uns und lädt uns auf. Die Angst der modernen zivilisierten Menschen nimmt in dem Grade zu, indem sie sich von der Natur entfremden. Die Natur erscheint ihnen auf einmal gefährlich. Deshalb versuche ich in meinen Kursen, die Leute zu motivieren, wieder mal barfuss zu laufen, sich mal eine Weile unter einen Baum zu setzen und zu meditieren. Nach einer Woche stelle ich fest, wie sich ihre Stimmung aufhellt, wie sie wieder atmen können und glücklich sind.
Das Gespräch führte Claudia Hötzendorfer

