Das Geheimnis der Selbstheilung

Das Geheimnis der Selbstheilung

Geistiges Heilen kann „Spontanremissionen“ anregen – Genesungen ohne schulmedizinisch verständliche Ursache. Wie, unter welchen Bedingungen kommt es dazu? Ein Hauptthema des 8. Weltkongresses für Geistiges Heilen in Basel (10. bis 13. November 2006).
Weston Kilpatrick aus Kalifornien war gerade zehn Wochen alt, da sorgte er schon weltweit für Schlagzeilen. Im August 1990 war er mit einem «hypoplastischen Linksherz-Syndrom» zur Welt gekommen: Die linke Herzklappe war stark verkümmert, die linke Herzkammer viel zu klein, die Hauptschlagader verengt. (Als «Hypoplasie» bezeichnen Mediziner die unvollkommene Ausbildung von Organen und Geweben.) An solchen Schäden sterben Neu­geborene gewöhnlich innerhalb von zwei Wochen – es sei denn, es kann rechtzeitig eine Herztransplan­tation vorgenommen werden. So wurde der kleine Weston in die weltberühmte Universitätsklinik von Loma Linda, Kalifornien, eingeliefert, das amerika­nische Mekka der Herzchirurgie. Dort wartete er auf ein Spenderherz.

Währenddessen ereignete sich ein „medizinisches Wunder, für das uns jegliche Erklärung fehlt“, wie Dr. Steven Gundry, ein in Fachkreisen hochgeach­teter Kinderkardiologe, Mitte Oktober 1990 der Presse mitteilte: Die linke Herzkammer des Säug­lings sei ganz plötzlich aus eigener Kraft nachge­wachsen, sein Herz habe sich gleichsam „selbst repariert“. „Einen solchen Fall“, räumte Gundry ein, „haben wir noch nie erlebt“.
Hätten Angehörige Westons zuvor einen Heiler eingeschaltet, so wäre die wundersame Genesung des Kleinen in der Esoterikszene als schlagender Beweis für die beinahe grenzenlose Macht geistiger Heilkräfte gefeiert worden. Doch offenbar war kein Handaufleger, kein Fernbehandler im Spiel. Hier trat eine vollständige Genesung von allein ein, dank eines plötzlich einsetzenden biologischen Mechanismus zur Selbstreparatur, über die vermutlich jeder menschliche Körper verfügt.

“Spontanremission“ erklärt wenig

Könnten solche «Spontanremissionen» (von lat. sponte: von selbst, remittere: sich erholen) sämtliche vermeintlichen Wundertaten erklären, die sich Geistheiler zurechnen? Doch in den Praxen zumindest einiger weniger, herausragender Heilerpersönlichkeiten kommen schlagartig einsetzende Heilungen selbst von fortgeschrittenen chronischen Leiden derart häufig vor, dass die Unterstellung, sie seien alle­samt «spontan» erfolgt, für die kritische Vernunft zur argen Zumutung wird – umso mehr, je kürzer der zeitliche Abstand zwischen einer Behandlung und dem Einsetzen von Heilungsprozessen ist. Oft setzt die Genesung noch am selben Tag ein, an dem ihn ein Heiler erstmals in Gang zu setzen versuchte; jahrelange Beschwerden beginnen manchmal binnen Minuten nachzulassen.
«Spontanremissionen» in Erwägung zu ziehen, macht in zwei Fällen Sinn: bei akuten Problemen, von denen Mediziner wissen, innerhalb welcher Zeitspannen sie gewöhnlich sponte, sozusagen «von alleine» heilen, wie z.B. bei gewissen Infekten, bei Wunden und Brüchen; sowie bei all jenen chroni­schen Leiden, die zyklischen Aufs und Abs («Spontanschwankungen») unterliegen, etwa bei Heuschnupfen und anderen Allergien, bei Angina pectoris, Migräne und anderen Schmerzzuständen, bei Multipler Sklerose. Wer am sechsten Tag seiner Erkältung einen Geistheiler engagiert, kann mit erheblicher Wahrscheinlichkeit damit rechnen, über Nacht weitgehend symptomfrei zu werden – weniger aufgrund irgendwelcher kosmischer Energien als dank seines eigenen intakten Immun­systems. Doch gerade bei chronischen Erkrankun­gen sprengen Remissionen, wie sie auf Geistiges Heilen mitunter folgen, durch ihr Tempo, ihr Ausmaß, ihr Timing den Rahmen bekannter Krankheitsverläufe. Wer selbst dann noch trotzig darauf beharrt, das Symptom könnte auch dann verschwunden sein, wenn keine Geistheilung stattgefunden hätte, betreibt bodenlose Konjunktiv­akrobatik, nichts weiter.
Davon abgesehen erklärt der Begriff «Spontan­remission» überhaupt nichts; er beschreibt lediglich etwas – und zwar nicht in erster Linie ein besonde­res Ereignis, in das ein Patient verwickelt ist, sondern die Unfähigkeit des Beurteilers zu begreifen, was zu diesem Ereignis führte. «Spontan» bedeutet in diesem Zusammenhang: ohne Ursachen, die Schulmediziner bisher verstehen. Es bedeutet nicht, dass keine Ursachen vorliegen; denn es gibt nichts Unbewirktes. Könnte zu diesen Ursachen nicht die Heilintention des Fernbehandlers zählen, die sich auf vorerst unergründete Weise verwirklicht?

Reicht eine rein psychologische Erklärung hin?

Wenn Geistiges Heilen oftmals als zumindest mitverantwortlich dafür gelten darf, dass Selbst­heilungsprozesse einsetzen: Wie gelingt ihm das? Die meisten Mediziner halten eine rein psycholo­gische Erklärung für ausreichend. Was in Heiler­praxen geschieht, kann bei den Behandelten demnach Glaube, Hoffnung und Zuversicht stärken. Dass sich positive Überzeugungen, Einstellungen und Vorstellungsbilder, Stimmungslagen und Emotionen günstig auf Krankheitsverläufe auswirken, ist ein klinisch hinlänglich gesichertes Phänomen; und der junge Forschungszweig der Psycho­neuroimmuno­logie verspricht dafür Erklärungsmodelle innerhalb eines herkömmlichen naturwissenschaftlichen Rahmens: Mit jedem psychischen Zustand gehen bestimmte Vorgänge im Gehirn einher. Von dort gehen neuronale Impulse aus, die das Immunsystem aktivieren und Selbstregulationsvorgänge in Gang bringen können.
Für ein solches Verständnis spricht, dass bei Geistigem Heilen tatsächlich fast immer auch eine Form von intuitiver Psychotherapie stattfindet, mit deutlichen Anleihen bei etablierten Ansätzen. Wenn «geistig» geheilt wird, spielen zumeist mehrere dieser Elemente mit, in unterschiedlicher Gewich­tung und Kombination: unter anderem Entspan­nung, Suggestionen, Visualisierungen, Empathie, Motivation, Sinnstiftung. Dass all dies Genesung fördern kann, darf durch umfangreiche Einzelfall­dokumentationen, teilweise bereits durch klinische Studien als hinlänglich gesichert gelten.
Aber reicht eine rein psychologische Erklärung hin? Selbstheilungsprozesse kommen mitunter auch dann in Gang, wenn Behandelte gar nicht wissen, dass sich ein Heiler um sie kümmert – so geschehen in klinischen Doppelblindstudien mit HIV-Infizier­ten, Herzkranken und ungewollt kinderlosen Frauen. Dasselbe Phänomen ist im Laborversuch bei Tieren beobachtet worden, denen wir schwerlich zutrauen würden, placebowirksame Überzeugungen zu hegen, z.B. bei Ratten und Mäusen.
Lenken von “Lebensenergie“?

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