GENÜGSAMKEIT UND VERANTWORTUNG
Werte für das ökologische Zeitalter
Das Wort „Ökologie“ ist heute in aller Munde. Doch die meisten Menschen kennen nicht die volle Bedeutung des Wortes, und nur sehr wenige erkennen die volle Brisanz, die in diesem Begriff steckt. Der Begriff „Ökologie“ wurde im Jahre 1866 von dem Biologen Ernst Haeckel aus den griechischen Worten oikos = Haus und logos = Lehre, Kunde geprägt. Er fasste darin „die Gesamtheit aller Beziehungen einer Pflanze, eines Tieres zu ihrer Umwelt“ zusammen. Als um das Jahr 1970 dem Menschen auffiel, dass er seine eigene Umwelt zerstörte, begann man diesen vorerst rein biologischen Begriff auch auf die Menschen anzuwenden. Man sprach zuerst von Human- oder Sozial-Ökologie. Landläufig verstehen die meisten Menschen darunter so etwas wie Umweltschutz oder Naturschutz.
Der Biologe Robert Markl, früherer Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, definierte: „Ökologie ist zunächst die Lehre von den Umweltbedingungen der Organismen, aber eben aller Organismen, und somit auch des Menschen in all seinen verschiedenen ökonomischen und technischen Daseinsformen.“ Bald bildete sich der Begriff „Vernetzung“. Man versteht darunter die Beziehung von allem zu jedem. So wie dies ursprünglich schon Haeckels Definition enthalten hatte: „die Beziehung eines Lebewesens zu allen organischen und anorganischen Dingen seiner Umwelt“.
Wir wissen heute, wie alles, was in der Welt geschieht, Wirkungen hat auf die ganze Welt. Alle Geschehnisse, Dinge, Gedanken und Vorhaben sind verknüpft mit allen anderen auf der Welt, gleich einem Netz. Alles Organische und Anorganische ist in diese globale Vernetzung eingeschlossen. Wir können heute nicht mehr so tun, als ob eine Hungersnot bei unseren Antipoden, eine Verminderung des Ozongürtels über dem Südpol oder die Anholzung des Regenwaldes in Sumatra uns nichts angehe.
Die Wirkung, das Feed-back, ist – wie in einem Netz – mit allem verbunden. Selbst die Liebe eines Menschen, wenn sie nur stark genug ist, strahlt in dieses Netz hinein und über dieses hinaus in den geistigen Raum.
Ökologisches Denken ist vernetztes Denken
Wir müssen uns lösen vom isolierten Denken, von dem Glauben, dass mich nur das, was ich in meinem Zimmerchen mache, etwas angeht. Wir wissen, dass alles miteinander verbunden ist, Anorganisches und Organisches, Materielles und Geistiges – alles hat eine Wirkung, ja eine Fernwirkung. Es ist wie in einem dreidimensionalen Netz. Wenn man an einer Stelle eines Netzes zieht, wird praktisch jede andere Stelle beeinflusst.
Kein größeres Elend als das Nichtwissen vom Sichgenügen. Kein größeres Verbrechen als das Streben nach Gewinn. (Lao Tse)
Dieses vernetztes Denken ist neues, ist ökologisches Denken. Hier im Denken, im gesamtheitlichen Denken, liegt die größte Umwälzung, die globale Revolution
Ökologie umfasst also alle verschiedenen Daseinsformen des Menschen. Politik muss sich mit allen Daseinsformen des Menschen befassen. So ist Ökologie heute ein politischer Begriff, der alle Teile des menschlichen Lebens und der Politik umfasst. Ökologie in unserem Sinne beinhaltet Rechtsprechung, Finanzpolitik, Verkehrspolitik, Außenpolitik und natürlich auch die Wirtschaftspolitik. Nicht nur – wie früher – der martialische Gesichtspunkt, das Militär, oder – wie heute – der materialistische Gesichtspunkt, die Wirtschaft, die Ökonomie, soll die Leitlinie der Politik sein. Nein, alle Sparten der Politik, die Gesamtheit aller zum Leben und Überleben gehörenden Dinge unterstehen dem übergeordneten Begriff Ökologie. Weltweit wird dies die Maxime des nächsten Zeitalters sein – oder es wird keine Menschen mehr geben.
Was läuft falsch?
Lassen Sie mich jetzt drei Fragen stellen: Was hat unsere Zeit geprägt? Wodurch sind wir geworden, was wir sind? Woraus haben sich die Probleme entwickelt, in denen wir stecken?
Zunächst fällt mir unsere Religion ein, das Christentum; dann die Renaissance, der Beginn der so genannten Neuzeit. Dann die Philosophen, vor allem Francis Bacon und René Descartes. Die Aufklärung mit ihrem Fortschrittsglauben. Die Französische Revolution. Und nicht zuletzt die Naturwissenschaften. Wir leben in einer naturwissenschaftlich geprägten Zeit.
Danach die zweite Frage: Wie sieht es heute aus? Welche Werte und Unwerte haben wir heute? Welche Sitten und Unsitten? Was läuft falsch? Und was ist „in“? Was wollen wir Ökologisten „out“ haben? Gegen was kämpfen wir?
Zunächst mal ist da die Wegwerfmentalität. Dann der Materialismus, das mechanistische Denken. Dazu gehört die Herrschaft der Ökonomie, der Wirtschaft. Die Bezogenheit auf den Menschen, der Anthropozentrismus. Der Glaube, alles sei machbar, „wir haben die Natur im Griff“. Und nicht zuletzt der Wachstumsglaube – der Glaube, alles müsse dauernd größer werden, schöner, besser.
Im Folgenden möchte ich untersuchen, was geändert, beendet werden muss und worin es seine Wurzeln hat. Wo wir neue Paradigmen, neue Denkmodelle benötigen.
Zentral scheint mir die Beendigung des Wachstumsglaubens, also derjenigen Maxime bzw. Forderung, wonach dauernd alles mehr werden muss. Dies ist ja nicht nur in der Wirtschaft so. Nicht nur dort muss alles größer werden.
Alle streben nach mehr. „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben.“ Vielleicht ist manchem schon bewusst geworden, dass im so genannten Wohlstand nicht alles besser ist, manches in gewisser Weise früher doch besser war. Weniger ist oft mehr – dieser Ausspruch gilt auch im privaten Bereich.
Die Macht des Geldes muss schwinden
Genügen unsere alten Werte nicht mehr? Haben sich die Werte verändert? Müssen sich die Werte ändern?
Durch die Hochschätzung der Materie wurden in den letzten drei Jahrhunderten außermaterielle Werte zunehmend geringer geschätzt. So ist in diesem Jahrhundert Geld fast zum alleinigen Maßstab geworden: „Haste was, dann biste was.“ Der Haben-Modus, der heute noch allgemein gilt, muss in einen Seins-Modus umgewandelt werden.
Die Anbetung des Geldes muss wieder schwinden. Auch hier gilt: Geld, materieller Wohlstand, ist nur ein Aspekt des Gesamtlebens und des Sich-Wohlfühlens.
Für jeden Menschen, der merkt, dass es Dinge, Werte, außerhalb des Materiellen gibt, außerhalb des Geldwertes, schwindet die Macht des Geldes. So wird es Aufgabe sein, jedem Menschen bewusst zu machen, dass die wesentlichen Dinge des Lebens nicht käuflich sind. Es gibt einen Wohlstand, einen anzustrebenden Wohlstand, der nicht aus der Vermehrung gekaufter Güter besteht, sondern aus gesunder Luft, gesundem Wasser und gesunder Nahrung.
Der Kapitalismus kann nur von innen besiegt werden durch Verminderung der Wertschätzung der Materie, des Geldes.
Dies bedeutet für Deutschland einen tiefgreifenden Prozess, der den Selbstwert des deutschen Volkes berührt. Das Selbstwertgefühl der Deutschen – seit dem Dreißigjährigen Krieg zerstört – hat ja nur mühselig Ersatz gefunden in Preußens Gloria, des Kaisers „schimmernder Wehr“ und dann, nach der Erniedrigung durch den Versailler Vertrag, in dem Größenwahn Hitlers. Nach dem Krieg, dem Zusammenbruch des Hitlerreiches, dem Tod des „Führers“, der Idolfigur der meisten damaligen Deutschen, trat die D-Mark an die Stelle, an der die Deutschen ihren Selbstwert sehen.
Genügsamkeit, nicht Verzicht
Aber natürlich gelten heute unsere alten Werte, die uns durch die jüdisch-christliche Religion überliefert worden sind, wie eh und je. Nur hat sich seit fünfhundert Jahren das Band zur Kirche gelockert. Und zudem machen die veränderten Lebensbedingungen neue Forderungen notwendig.
Zuerst einmal: Die Genügsamkeit muss wieder eine Tugend werden. Nicht Verzicht. Verzicht ist ein sauertöpfisches Wort. Wer verzichtet, ist noch voll Habsucht, überwindet sich nur zum Verzicht. Er hat noch keine Genügsamkeit. Dies ist eine Seelenhaltung.
Von der Wirtschaft wird kein Verzicht verlangt, darf kein Verzicht verlangt werden. Aber dafür müssen die wahren Kosten im Umgang mit der Natur eingerechnet werden. Nicht wie bisher dürfen diese Kosten, die Nachfolgekosten, die die Schädigung der Natur ausmachen, der Gesellschaft aufgebürdet werden, vor allem der nächsten Generation, sondern dem Konsumenten. So würde ein Produkt, das in Herstellung und Entsorgung schädlich ist, teurer. Der Konsument würde dadurch automatisch genügsamer. Hier würde nur das vorweggenommen, was wir heute den kommenden Generationen aufbürden.
Danach zwei Dinge: Das erste erzähle ich in einer kleinen chassidischen Geschichte, die andere besteht aus einem einzigen Wort.
Die Geschichte: Der Rabbi fragte seinen Schüler, wann denn die Nacht zuende sei. „Wenn man einen Feigenbaum von einer Palme unterscheiden kann.“ – „Nein.“ – „Wenn man eine Ziege von einem Schaf unterscheiden kann.“ – „Nein, wenn man in den Augen eines jeden Menschen seinen Bruder erkennt.“ Ich möchte hinzufügen: wenn man in den Augen eines jeden Lebewesens seine Schwester oder seinen Bruder erkennt.
Ausgeweitete Verantwortung
Nun das Wort: Es benennt eine uralte, fast selbstverständliche ethische Forderung. Nur hat sie heute zwei neue Dimensionen. Das Wort lautet „Verantwortung“. Ortega y Gasset sagt, der Mensch werde erst durch Verantwortung zum Menschen.
Früher galt die Verantwortung nur für den eigenen kleinen Lebensbereich. „Jeder kehre vor seiner Tür.“ Heute muss jeder Mensch eine globale Verantwortung tragen. Weil wir heute alle die Erde global beeinflussen können. Früher galt die Verantwortung nur für die Familie, die eigene Generation und die Kinder. Heute beeinflussen wir die Erde auf Jahrhunderte – und darum müssen wir die Verantwortung auch auf die zeitliche Dimension ausweiten.
Hans Jona formuliert es so: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens.“
Denn wir werden zeitlich unbegrenzt Probleme haben mit den rieseigen Mülllagern mit ihren unbekannten Sickergiften, mit den ausgebrannten Brennstäben der Kernkraftwerke, deren lebenszerstörende Strahlen über Jahrhunderte von unseren Urenkeln gewartet werden müssen, ohne daraus Energie gewinnen zu können wie unsere Generation. Und völlig unbekannt ist der Zeitraum, in dem genmutierte Lebewesen, die sich in Freiheit weiter entwickelt haben, noch unbekannte Probleme schaffen werden. Die Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), die durch unsere Kühlschränke, Sprays etc. die Ozonhülle der Erde zerstören, wirken sowohl zeitlich als auch global. Genauso schwermetallhaltige Produkte, Herbizide und andere Pflanzengifte, die nicht mehr aus der Nahrungskette zu entfernen sind. Jeder Einzelne kann heute durch Nachlässigkeit oder Verantwortungslosigkeit im Umgang mit chemischen Giften oder Ölen das Grundwasser auf weite Strecken und für lange Zeit unbrauchbar machen.
Es gilt vor allem, ein neues Verantwortungsbewusstsein zu schärfen. Seit 1970 ist hier schon eine gewisse Veränderung eingetreten. Diese Entwicklung gilt es entschieden fortzusetzen.
Niemals jedoch können alle Menschen zu dieser Verantwortungsbereitschaft erzogen werden. Darum müssen so schnell wie möglich von der Regierung alle schädlichen Produkte mit Steuern und Abgaben belegt werden, damit sie mit den unschädlichen Produkten im besseren Konkurrenzkampf stehen, die dann auch von Abgaben und Steuern befreit werden sollen. (...)
Ein Generationen übergreifendes Überlebens-Ethos
Wir brauchen heute ein neues Generationen übergreifendes Überlebens-Ethos. Jede Generation trägt Verantwortung für die vielen nachfolgenden Generationen. Dies ist eine logische ethische Forderung, da wir dabei sind, die Überlebensmöglichkeiten kommender Generationen zu zerstören. Denken Sie an die schon jetzt erkennbaren Probleme mit der Trinkwassergewinnung für die gesamte Erde, die Kohlendioxid-Vermehrung und vor allem an die über tausend Generationen, die nach uns mit der schlummernden Gefahr der tödlichen Strahlen abgebrannter Atom-Brennstäbe zurechtkommen müssen. Dies verlangt eine völlige Umkehr unseres bisherigen Denkens. Bisher hatte man nur für die eigene Generation zu sorgen und für die Kinder – so lange sie Kinder waren. Danach hatten diese selber für sich zu sorgen.
Jesu Forderung „Liebe deinen Nächsten“ war naturgemäß nur auf die Gegenwart bezogen. Heute müssen wir sie auch auf die Generation nach uns ausdehnen und den Übernächsten mitbedenken.

