Musikreisen als Heilungsweg

Musikreisen als Heilungsweg

Die Heilpraktikerin und Yogalehrerin Anna Elisabeth Röcker setzt seit Jahren die Musiktherapie als eine Möglichkeit der Problemlösung in ihrer Praxis ein. In ihrem neuen Buch stellt die Münchnerin zwölf Musikreisen vor, die jeder zu Haus durchführen kann. Dabei geht sie auf Probleme ein, die viele Menschen kennen: Ängste, Ein samkeit, Selbstzweifel, Stress oder Sucht. VISIONEN sprach mit der Therapeutin unter anderem über die heilende Wirkung besonders der klassischen Musik.

Die Heilpraktikerin und Yogalehrerin Anna Elisabeth Röcker setzt seit Jahren die Musiktherapie als eine Möglichkeit der Problemlösung in ihrer Praxis ein. In ihrem neuen Buch stellt die Münchnerin zwölf Musikreisen vor, die jeder zu Haus durchführen kann. Dabei geht sie auf Probleme ein, die viele Menschen kennen: Ängste, Ein samkeit, Selbstzweifel, Stress oder Sucht. VISIONEN sprach mit der Therapeutin unter anderem über die heilende Wirkung besonders der klassischen Musik.

Wie sind Sie zur Musiktherapie gekommen?

Die Liebe zur Musik war schon immer da. Zur Musiktherapie bin ich aber mehr durch Zufall gekommen, als ich auf die Amerikanerin Dr. Stephanie Merrit aufmerksam wurde durch ein Seminar, das sie in Deutschland gab. Sie wurde noch von Helen Lindquist Bonny ausgebildet. (Anm. d. Red. Sie entwickelte eine spezielle Form der Musiktherapie, die als die Bonny-Methode bekannt wurde. Infos dazu unter www.bonnyfoundation.org). Ich habe eine einzige private Stunde bei Dr. Merrit genommen, und das, was ich dabei erlebt habe, war so ungeheuer, dass ich beschloss: „Diese Ausbildung mache ich!“ Für die erste Hälfte musste ich in die USA reisen. Obwohl es sehr anstrengend war, habe ich es nie bereut. Zu verlockend war die Aussicht, nun beruflich mit Musik zu tun zu haben. Aber auch die Erfahrungen, die ich in der ersten Stunde gemacht habe, trugen dazu dabei. Übrigens geht es vielen Patienten ähnlich. Sie machen in der ersten Stunde tiefe Erfahrungen, die sie später so nicht mehr wiederholen können. Wer völlig unbedarft an die Sache herangeht, öffnet sich für die Erlebnisse in der ersten Stunde. Später wird es manchmal schwieriger, weil man mehr kontrolliert.

Für wen eignet sich die Musiktherapie?

In erster Linie für psychisch gesunde Menschen. Ich arbeite zwar hin und wieder mit einer Psychiaterin zusammen, aber die Musiktherapie ist wirklich nichts für Menschen, die gefährdet sind, die eine Psychose haben oder an Schizophrenie leiden Der Ansatz der Musiktherapie basiert auf Erfahrungen aus der Drogentherapie. Helen Bonny hat mit Drogenabhängigen gearbeitet. Dabei ging es darum, dass sich das Unbewusste öffnet und mitteilt. Menschen, die psychisch krank sind, haben oft das Problem, dass sie überschwemmt werden mit Botschaften aus dem Unbewussten, die sie nicht einordnen können. Ansonsten eignet sie sich für jeden. Aber sie wirkt nicht bei jedem. Sie wirkt eher bei Menschen, die eine Bereitschaft und eine nicht zu große Angst mitbringen, das zuzulassen, was aus dem Inneren kommt.

Sie führen Vorgespräche und basierend darauf suchen Sie die Musik aus?

Ja – ich beginne immer damit, dass ich ein kurzes Musikstück vorspiele, und zwar ein – wie wir in der Fachsprache sagen – sehr sicheres Musikstück, bei dem der Patient nicht zu tief geht, aber bei dem er schon in der ersten Stunde entscheiden kann, ob die Musiktherapie für ihn geeignet ist oder nicht.

Wenn jemand tief traurig ist, möchte er sicher keine Musik hören, die leicht und beschwingt ist, sondern lieber etwas Ruhiges. Besteht da nicht die Gefahr, dass der Patient noch tiefer in diese Empfindung sinkt?

Das ist eine berechtigte Frage und auch ein Grund dafür, warum die Ausbildung zur Musiktherapeutin so lange dauert und mit so viel Selbsterfahrung verbunden ist. Damit wir tatsächlich wissen, was dieser Mensch braucht, um an seine Trauer heranzukommen. Denn ein wirklich trauriger Mensch will nichts Lustiges hören. Er will in dieser Trauer aufgefangen sein. Er will das Gefühl so weit zulassen dürfen, dass er damit umgehen kann. Genau das ist Aufgabe der Therapeutin, nämlich einerseits die Musik zu wählen, die hilft, dieser traurigen Stimmung näher zu kommen, und andererseits einen gewissen Trost zu transportieren. Das ist die große Kunst von Helen Bonny gewesen. Sie kannte die Musikliteratur so gut, weil sie selbst Musikerin war. Die Stücke, die sie ausgesucht hat, sind einfach wunderbar, weil sie diese beiden Aspekte immer berücksichtigen.

Heißt das, dass die Stücke, die auf den beiden Begleit-CDs zu Ihrem Buch zu hören sind, auf Helen Bonnys Auswahl basieren?

Ja, wobei ich nicht die Originalmusiken oder nur wenige davon genommen habe. Denn die Stücke aus der Therapie wären wahrscheinlich zu tief, um zu Hause eine Musikreise zu machen. Ich habe eine Mischung aus Stücken zusammengestellt, von denen ich ganz sicher bin, dass die Menschen mit ihnen umgehen können, und ein paar sind aus der Therapie. Die CDs enthalten ausschließlich klassische Musik.

Muss das so sein, oder kann man auch andere Musiken nehmen?

Helen Bonny hat sich auf die Klassik beschränkt. Ich bin sicher, man könnte auch andere Musiken nehmen, aber klassische Musik ist hochkomplex. Das heißt, sie enthält sehr viele Aspekte, die wir für die Therapie brauchen. Ein klassisches Musikstück hat oft mehrere Stimmen, Instrumente oder Tempi, was mehr der komplexen Seele entspricht, als ein esoterisches Weichspülmusikstück, das in der Regel nur einer ganz bestimmten Gemütslage entspricht, die ich bereits damit erreichen kann, wenn ich mich entspannen oder in eine angenehme Stimmung versetzen lassen möchte.

Wenn ich wirklich meinem Unbewussten auf den Grund gehen will, dann ist das eine sehr komplexe Angelegenheit. Es ist die Kraft und die Fähigkeit von Kompositionen eines Bach oder Beethoven, die in uns etwas wecken, was kein Mensch genau beschreiben kann. Der Psychologe C. G. Jung hat sich dieser Thematik wohl am ehesten genähert, indem er beschrieb, dass in uns archetypische Urkräfte wirken, die – wenn wir an sie herankommen – Wunder passieren lassen können.

Was machen Menschen, die überhaupt keinen Zugang zu klassischer Musik finden?

Ich glaube, wenn jemand eine Aversion hat, geht es überhaupt nicht. Wenn ein Patient nie Klassik hört und sie ihm gleichgültig ist, dann geht es in der Regel. Manchmal sind Leute, die mit der Klassik sehr vertraut sind, nicht in der Lage loszulassen. Die liegen dann da und überlegen, wer der Interpret ist, oder achten zu sehr darauf, wann ihre Lieblingsstelle kommt. Das stelle ich immer wieder fest, da ich einige Musiker und Musikerinnen als Patienten habe. Übrigens habe ich seit ich mit der Musiktherapie arbeite, genauso viele Männer wie Frauen als Patienten. Das ist ungewöhnlich. Normalerweise sind die Frauen in der Überzahl. Männer öffnen sich für Musik offensichtlich leichter als für ein Gespräch.

Könnte ich mir für eine Musikreise zu Hause selbst eine Klassik-CD zusammenstellen?

Absolut! Viele Patienten und Kursteilnehmer berichten mir, sie hätten ihr eigenes Repertoire zusammengestellt. Sie hätten sich Musik ausgesucht, von der sie genau wüssten, wenn sie ein Problem haben und die auflegen, bekommen sie eine Intuition. Dann tauchen Bilder und Gefühle auf, die ihnen einen Weg zeigen. Ich ermutige die Leute immer ihre eigene Kassette oder CD zusammenzustellen. Das können auch Jazz-Stücke sein. Was sicherlich nicht geeignet ist, sind Synthesizer-Stücke. Jazz finde ich persönlich sogar sehr gut. Ich würde jedem empfehlen, es mit eigenen Zusammenstellungen zu probieren.

Aber es sollte instrumental sein?

Nein – es kann durchaus auch Gesang sein. Nur ist es immer gut, wenn man den Text nicht ganz genau versteht, wie etwa bei gregorianischen Gesängen. Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass die Amerikaner viel mit Mahlers Lied an die Erde arbeiten. Das wäre in Deutschland unmöglich. Dieser Text ist so schwer, er handelt von Abschied. Wenn der hier gesungen wird, gehen die Leute direkt in Widerstand, weil sie mit dem Inhalt in Konflikt kommen. Die Amerikaner verstehen den Text nicht und haben deshalb keine derartigen Probleme.

Haben Sie Klienten, die sich in ihren Phantasien verlieren, und wenn ja, wie kann man sich davor schützen, vor allem, wenn man allein auf eine Musikreise gehen möchte?

Während der Therapiesitzung kann das nicht passieren, weil ich daneben sitze und dauernd in Kontakt mit meinem Patienten bleibe. Es ist immer ein Dialog. Das wäre etwas, das bei wirklich schwer kranken Patienten viel zu gefährlich werden würde. Ich begleite sehr viele an Krebs erkrankte Menschen. Die würden in dem Moment zu tief in ihre Ängste abtauchen. Ich frage ständig nach: Was sehen Sie jetzt? Wie fühlen Sie sich dabei? So ist es für sie nicht möglich, einfach abzutauchen. Wenn ich allein auf eine Musikreise gehe, ist es in der Regel so, dass meine Psyche nie so eine Tiefe zulässt, wie es in der Therapie wäre, wenn ich gezielt mit jemandem etwas bearbeite. Denn dem Therapeuten vertraue ich und ich kann mich völlig fallen lassen. Zu Hause sind es mehr Tagträume. Meine Kollegen haben gemeint, ich hätte ruhig anspruchsvollere Stücke für die CDs heraussuchen können, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sicherer ist, ohne therapeutische Begleitung nicht ganz so sehr in die Tiefe zu gehen.

Funktionieren diese Reisen immer? Tauchen immer Bilder auf?

Es gibt Menschen, die sehen nie Bilder. Aber sie haben Empfindungen. Sie sagen zum Beispiel: „Es ist so, als sei mein Körper aus Holz“ oder: „Ich fühle mich wie gelähmt.“ Jeder Mensch hat irgendeine Art der Wahrnehmung, was in seinem Inneren vorgeht – ob als Bild, Gedanke oder Empfindung. Ob er das zulässt, ist eine andere Frage.

Nach den persönlichen Themen, die Sie mit Ihren Klienten behandeln, wenden Sie sich transpersonalen Erfahrungen zu. Wie können diese aussehen, und warum dieser Wechsel der Perspektive?

Ich denke, wir Menschen stehen mit einem Bein auf der Erde, mit dem anderen im Himmel oder im Geistigen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, deren Leben einigermaßen geglückt ist, das heißt, deren persönliche Themen weitgehend bearbeitet worden sind, eine Sehnsucht nach der geistigen Welt haben. Wenn diese Sehnsucht nicht erfüllt wird oder der Mensch danach nicht sucht, löst das im Alter sehr viel Frustration aus. Ich erlebe ältere Menschen, die den Wandel ins Geistige versucht haben und die eine ungeheure Ausstrahlung haben. In deren Gegenwart fühlt man sich einfach wohl. Es gibt Menschen, die mit 85 zu mir kommen und sagen: „Ich kann nicht zulassen, dass ich alt werde.“ Sie sind so verhärtet, werden so von der Erdenschwere runtergezogen, dass es für sie ein Segen ist, wenn sie lernen, mit der Musik leichter, weicher und durchlässiger für die geistige Welt zu werden.
Meiner Überzeugung nach gehen wir sowieso in diese geistigen Sphären über, wenn wir sterben. Die Chinesen sagen, das Bewegliche und Durchlässige überlebt, nicht das Harte und Starre. Deshalb glaube ich, dass ab einem bestimmten Alter transpersonale Themen ganz natürlich sind. Wenn man jung ist, hat man sehr viel mehr mit seinen Beziehungen zu tun, die im Mittelpunkt stehen – und das ist auch wichtig. Ich freue mich immer, wenn die Leute nach der Therapie sagen: „Jetzt komme ich wieder mit meinem Partner zurecht.“ Da würde es mir natürlich fern liegen zu sagen: „Jetzt müssen Sie aber noch unbedingt für Ihre geistige Seite etwas tun.“ Das kommt irgendwann von ganz allein, wenn wir durch einen natürlichen Prozess
gehen.

Wenn jemand allein auf eine Musikreise gehen möchte, muss er dafür spezielle Vorbereitungen treffen?

Wichtig ist, dass man sich Zeit dafür nimmt, besonders am Anfang. Später geht es etwas schneller. Sagen Sie sich einfach: „Ich wende mich jetzt meiner alten Seele, meinem Weisheitsfundus zu.“ Machen Sie ein kleines Ritual daraus, zünden Sie eine Kerze an. Die Vorbereitungen sind ähnlich wie bei der Meditation: bequeme Kleidung, ein ruhiger Platz, vorher die Lautstärke der Musik testen, und dann kann es los gehen.

Auf den Begleit-CDs gibt es zu jeder Reise eine Einleitung und eine Rückführung. Wie kann man vorgehen, wenn man sich selbst Musik zusammengestellt hat?

Im Geiste die einzelnen Schritte durchgehen: Ich entspanne meine Füße, meine Beine usw. Es ist eine Art Suggestion, und am Schluss sagt man sich: „Ich schließe das jetzt ab, mache die Augen auf, bin hellwach und klar.“

Gibt es ein Zeitlimit?

Wenn man es mit einem Thema macht – nehmen wir z.B. an, Sie fragen sich: „Soll ich die neue Stelle annehmen oder nicht?“ – sollten Sie sich ein Musikstück aussuchen, das nicht länger als 20 Minuten ist, denn dann ist das Thema bearbeitet und die Bilder sind gekommen. Machen Sie es lieber am nächsten Tag noch einmal 20 Minuten. Wenn man zu lange auf Reisen geht, kommen Tagträume dazu, die Gedanken schweifen ab und die Aufmerksamkeit wird nie so lange gehalten.

Wie oft kann man überhaupt auf Reisen gehen?

Im Prinzip bei einem Thema wie die angesprochene Jobwahl, ruhig mal eine Woche lang jeden Tag. Was kommt da aus dem Unbewussten herauf? Sind da unbewusste Ängste, Zweifel oder Begeisterung? Sie werden sehen, es kommen die erstaunlichsten Bilder, die einem – wenn man ehrlich mit sich selbst ist – sagen: „Achtung! Da warnt mich meine Psyche, ich wollte es bislang nur nicht hören.“

Hört man dabei immer das gleiche Stück?

Man kann durchaus mal variieren, um andere Stimmungen anzuregen. Wenn Sie eine Frage mal mit einem sehr sanften Stück und ein anderes Mal mit einem eher dynamischen beleuchten, dann erhalten Sie auch verschiedene Aspekte.

Macht es Sinn, sich danach Notizen zu machen?

Unbedingt! Die Bilder ruhig aufschreiben oder malen und auch mal mit jemandem, den man gut kennt, besprechen. Es wäre schön, wenn die Musikreise zu einer Art Seelenhygiene würde. Wenn man also immer wieder in einer gewissen Regelmäßigkeit mit diesen Reisen schaut: Was ist in mir los? habe ich was verdrängt? oder was gibt es, was mir meine Seele kreativ mitteilt? Vielleicht als eine Art Musikmeditation.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Claudia Hötzendorfer

AGBCopyright & DatenschutzImpressumKleinanzeige aufgeben