Atlantis
Mythos oder Wirklichkeit?
Ich erfuhr von Atlantis als Zwölfjähriger Anfang der 60er durch die Abenteuer von Donald Duck. Er und seine Entenverwandten stießen auf dem Meeresgrund auf antike Tempel und schließlich auf menschenähnliche Wesen mit grünen Fischschuppen und Kiemen – die Nachfahren und Hüter von Atlantis. Walt Disney hatte ein gutes Gespür für Mythen mit Massenwirkung.
Die Liste der Atlantis-Bücher und -Filme der letzten 80 Jahre würde viele Seiten füllen. Kaum ein Thema hat so viele Menschen über eine so lange Zeit fasziniert wie dieses. Atlantis scheint wie ein Archetyp, ein Urthema der Menschheit, vergleichbar, ja sogar irgendwie verbunden mit dem Heiligen Gral, dem Jungbrunnen, dem Garten Eden – aber auch der Sintflut, der Vertreibung aus dem Paradies, dem Jüngsten Gericht. Das macht diesen Mythos so attraktiv, so sehr zur Projektionsfläche für alle möglichen Hoffnungen, Spekulationen und Phantasien.
Platos Atlantis
In einem Punkt sind sich alle Atlantisforscher einig: Die erste uns erhaltene schriftliche Überlieferung der Atlantis-Geschichte findet sich in zwei Schriften von Plato (427-347 v. Chr.). Im naturwissenschaftlich orientierten Spätwerk „Timaios“ wird vom heldenhaften und siegreichen Kampf der Ur-Athener gegen die Seemacht Atlantis berichtet. Solon (einer der „Sieben Weisen“, griech. Staatsmann, 640-559 v. Chr.) habe die Geschichte in Ägypten von einem Priester aus Jahrtausende alten Schriften übersetzt bekommen. Sie soll sich 9.000 Jahre vor Solons Zeit abgespielt haben. Bald darauf sei Atlantis wie auch das Ur-Athen durch eine Naturkatastrophe vernichtet worden. „Indem aber in späterer Zeit gewaltige Erdbeben und Überschwemmungen eintraten, versank, indem nur ein schlimmer Tag und eine schlimme Nacht hereinbrach, eure (die griechische) Heeresmacht insgesamt und mit einem Male unter die Erde, und in gleicher Weise wurde auch die Insel Atlantis durch Versinken in das Meer den Augen entzogen.“
„Er, der diese Insel erfand, ließ sie auch verschwinden“ (Aristoteles über Platon)
In einem anderen Werk, „Kritias“, geht der Erzähler ausführlich auf die Geschichte, Kultur und Geografie von Atlantis ein. Gründer sei der Meeresgott Poseidon gewesen. Er habe mit Kleito, seiner menschlichen Geliebten, einen Sohn gezeugt, nämlich Atlas, den ersten König von Atlantis. Poseidon schuf auch die ringförmige Struktur der Hauptstadt mit den Wassergräben und Erdwällen. Später wurden Kanäle zum Meer und Brücken gebaut.
Insgesamt zeugte Poseidon fünf Zwillingspaare, deren nachfolgende Generationen sich über verschiedene Inseln ausbreiteten. Reiche Bodenschätze und fruchtbare, durch Kanäle bewässerte Böden ließen die Kultur gedeihen und stark werden. Sogar die „gefräßigen“ Elefanten konnten gut leben. Seitenlang werden die vergoldeten Mauern und Tempel in ihren genauen Ausmaßen beschrieben, doch dann bricht die Erzählung abrupt ab. Der „Kritias“ ist nur als Fragment erhalten.
Nur ein ideeller Ort?
In der Antike wurde die Geschichte von Atlantis interessiert aufgenommen, galt aber vor allem als Veranschaulichung einer Idee. Auch heute sehen die Altphilologen Atlantis als eine literarische Fiktion. „Timaios“ und „Kritias“ werden als Ergänzung zur „Politeia“ aufgefasst, in der Platon den „Idealen Staat“ beschreibt. Mit Atlantis und Ur-Athen könnten zwei gegensätzliche Modelle dargestellt sein. Die expandierende Seemacht Atlantis verliert gegen die kleine Landmacht Athen. Womöglich wollte Platon seine Mitbürger davor warnen, sich wieder auf Seeschlachten einzulassen wie im verlorenen Peloponnesischen Krieg um 404 v. Chr.
Das Atlantisbild scheint zeitgenössische Vorbilder zu enthalten, zum Beispiel die Herrschaftsstruktur der Perser, die Hafenanlage von Karthago usw. In jedem Fall scheitert diese Kultur. Nach dem Sieg der Ur-Athener beraten die Götter über eine weitere Bestrafung von Atlantis, die seine Herrscher demütiger machen soll.
Wo liegt Atlantis?
Ideologische Auffassungen
Es gab immer wieder einzelne Forscher, die Atlantis nicht für reine Fiktion hielten, sondern das versunkene Reich geografisch aufspüren wollten. Die heute plausibelsten Theorien konzentrieren sich dabei auf den Mittelmeerraum bzw. das Schwarze Meer. Es ist allerdings interessant, wie unterschiedlich die Atlantislegende im Laufe der Jahrhunderte geografisch gedeutet wurde – nicht zuletzt auch verbunden mit einer bestimmten Ideologie.
Nach Kolumbus’ Entdeckung von Amerika erschienen etliche Bücher, in denen der noch unbekannte Kontinent mit den Überresten von Atlantis gleichgesetzt wurde. Mit der Entdeckung ferner Länder lebte auch die Fiktion eines Idealstaates oder eines Paradieses auf Erden wieder auf. Der Dominikanermönch Tommaso Campanella siedelt 1604 seinen „Sonnenstaat“, eine katholisch-sozialistisch orientierte Gemeinschaft, auf Sri Lanka an – mit deutlichen Anleihen bei Platos Atlantis.
Die bekannteste Utopie seiner Zeit verfasste der englische Philosoph Francis Bacon (1561-1624) mit seinem Werk „Das Neue Atlantis“, das sich ausdrücklich auf Platon bezieht. Bacon, dem der Ausspruch „Wissen ist Macht“ zugeschrieben wird, lokalisiert das alte, zerstörte Atlantis in Amerika und das neue, von den Überlebenden der Katastrophe gegründete monarchische Atlantis auf der fiktiven Südseeinsel Bensalem. Er plädiert in seinem (unvollendeten) Buch für eine neue Art von Wissensvermittlung.
Im 17. Jahrhundert sahen immer mehr Wissenschaftler in Atlantis die Wiege menschlicher Kultur. Kurzerhand erklärte Olof Rudbeck, Rektor der Universität Uppsala, in einem vierbändigen Werk (1672-1702) Schweden zu Atlantis und Uppsala zu dessen Hauptstadt. Nicht Israel sei das auserwählte Volk, vielmehr stammten alle europäischen und asiatischen Völker von Atlas, dem König von Atlantis ab, der sich in Schweden niedergelassen und die Runen als erste Schrift benutzt habe.
Diese ideologische Vereinnahmung des Atlantis-Mythos findet ihre konsequente Fortsetzung bei den Nazis. Chefideologe Alfred Rosenberg, in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zum Tode verurteilt, lokalisierte Atlantis im Ostseeraum auf der mysteriösen Insel Thule. Hier sei der Ursprung der arischen Rasse zu finden.
Heutige Theorien
Ob mit oder ohne ideologischen Hintergedanken: Atlantis wurde auf den Kanaren, auf der griechischen Insel Santorin, auf Malta, Kreta, Helgoland, auf Irland, den Bahamas, ja sogar in Südamerika, Indien und der Antarktis vermutet. Lässt man sich überhaupt darauf ein, einen realen Ort für Atlantis zu suchen, dann ist die nähere Umgebung von Athen, bis zu 1000 km im Umkreis, am wahrscheinlichsten. Bisher ist keine der Lokalisierungsversuche wissenschaftlich anerkannt. Doch drei der heutigen Theorien möchte ich im Folgenden als besonders interessant oder zumindest originell vorstellen.
Intuitiv: Atlantis bei Sizilien
Winfried Huf aus Südtirol befasst sich seit über 20 Jahren mit archäologischen Rätseln, indem er Zugang zum kollektiven Unterbewussten sucht. Er ist überzeugt, dass nicht nur in verborgenen Schichten der Erde, sondern auch in verborgenen Schichten des Geistes nach Antworten gesucht werden sollte. Tatsächlich ist seine Analyse aber rational gut nachvollziehbar auf Platos Texte bezogen. Die oft zitierte Lagebeschreibung von Atlantis „westlich der Säulen des Herakles“, auch als Grenze der damals bekannten Welt verstanden, sei ursprünglich die Meeresenge von Messina gewesen, nicht die von Gibraltar.
Im Zentrum seiner Atlantissuche steht der Vulkan und das von Platon beschriebene, bisher nicht eindeutig identifizierte golden glühende Erz (Oreichalkos). Es handelt sich laut Huf um Eisenerzvorkommen in Form von Hämatit und Pyrit (Schwefeleisen), das auf den Äolischen Inseln nördlich von Sizilien abgebaut wurde und der ansonsten steinzeitlichen Kultur wirtschaftliche Macht brachte. Der alles überragende Vulkan Ätna war das große Heiligtum und zugleich Tabuzone. Sein Ausbruch zerstörte um 10.000 vor Chr. die Hauptinsel. Die Überlebenden flohen nach Ägypten und andere Mittelmeerländer und überlieferten den Mythos der Zerstörung.
Sonar: Atlantis bei Zypern
Eine andere Theorie und Methode bietet der Amerikaner Robert Sarmast. Er hat sich auf die Untersuchung von Meeresböden mit Hilfe von Sonargeräten spezialisiert und behauptet, ein Großteil der heutigen Insel Zypern sei vor Jahrtausenden durch den Anstieg des Mittelmeeres versunken und dort, im versunkenen Teil, sei Atlantis zu finden. Seine bisherigen Forschungen haben immerhin Strukturen auf dem Meeresgrund aufgezeigt, die von Menschen erschaffen sein könnten. Weitere Untersuchungen mit Tauchrobotern etc. sollen demnächst folgen.
Seriös: Atlantis am Schwarzen Meer
Prof. Dr. Siegfried Schoppe, Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hamburg, und sein Sohn Christian, ebenfalls Ökonom in den USA, vertreten in ihrem Buch „Atlantis und die Sintflut“ die These, dass um 5600 v. Chr. eine hochentwickelte Kultur am Schwarzen Meer gleichsam „überflutet“ wurde. Auf ihrer Internetseite heißt es:
„Vor etwa 7500 Jahren trennte eine Landbrücke zwischen Asien und Europa das Weltmeer von einem Frischwassersee, der uns heute als Schwarzes Meer bekannt ist. Da nach der letzten Eiszeit die Eispanzer abschmolzen und der Spiegel des Weltmeeres stetig stieg, brach der natürliche Damm, wodurch eine gewaltige Sintflut entstand. An dem Frischwassersee hatten sich zuvor jungsteinzeitliche Siedlungen gebildet, welche Opfer der katastrophalen Flut wurden. Wir meinen, dass es auf dem nordwestlichen Kontinentalschelf des heutigen Schwarzen Meeres eine relativ große und vergleichsweise weit entwickelte Kultur gab, die Eingang in den Atlantisbericht des Plato fand. Wir nennen diese Kultur Pontopolis, da der Begriff Atlantis nach 2500jähriger Geschichte extrem belastet ist und sämtliche Betrachter der Materie voreingenommen sind. Diese Kultur ist nicht weniger als die gemeinsame Grundlage der europäischen Identität, quasi die kulturelle Wurzel Europas.“
Prof. S. Schoppe meint, man müsse nur an der sogenannten Schlangeninsel im Schwarzen Meer in 40 Meter Tiefe nachforschen, und man würde die Spuren von Atlantis finden. Auf der „Atlantis-Konferenz 2005“ auf der griechischen Insel Milos mit über 100 Forschern aus aller Welt wurde der Ansatz der Schoppes jedenfalls als besonders überzeugend gewertet, und er gilt zur Zeit als eine der „seriösesten Versionen“ zur Atlantisforschung.
Was bedeutet Atlantis heute, für uns?
Die Berichte von Plato über Atlantis sind eigentlich ziemlich dürr und trocken. Abgesehen von der Katastrophe gibt es wenig Sensationelles. Und doch hat der Mythos von Atlantis über die Jahrtausende die Menschen bewegt. Warum?
Der wichtigste Aspekt scheint mir die Frage nach dem Ursprung der Menschheit und der Kultur. Es ist sehr bedeutsam, dass schon bei Plato keine eindeutige Antwort darauf gegeben wird. Wir wissen nicht, woher wir kommen. Immerhin war Platos Lehrer der berühmte Sokrates, der vom Delphischen Orakel als Weiser erkoren wurde aufgrund seines Ausspruch: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“
Atlantis wurde von vielen Philosophen, Schriftstellern und Filmemachern, auch spirituellen Lehrern und Medien als eine Art Projektionsfläche genutzt, um Botschaften der unterschiedlichsten Art zu übermitteln. Einerseits ist es spannend, nach einem geheimnisumwobenen Reich wie Atlantis, Shambhala etc. zu suchen – es hat etwas von der abenteuerlichen Schatzsuche unserer Kindheit. Andererseits sollte die Frage erlaubt sein: Was gibt mir das wirklich? Selbst wenn Taucher etwa im Mittelmeer zweifellos genau die von Plato beschriebenen Strukturen fänden – ja, das war Atlantis! – na und? Was bedeutet das für mich, für mein Leben?
Möglicherweise ist Atlantis ein Sinnbild für die vergebliche Suche nach einem endgültigen Sinn in unserem Leben. So zumindest scheint es der Philosoph Amihud Gilead von der Universität Haifa zu sehen. Atlantis sei ein Sinnbild Platons dafür, dass uns die Erkenntnis der Wahrheit unmöglich sei.

