DER STREITBARE SEILTÄNZER

DER STREITBARE SEILTÄNZER

Im Gespräch mit Professor Michael Göring über sein Roman-Debüt „Der Seiltänzer“

Empört und besorgt fordert ein katholischer Priester in einer mutigen Predigt, Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen zu ziehen, den Zölibat abzuschaffen und sich auch der gleichgeschlechtlichen Liebe zu öffnen. Kurz darauf gerät er selbst unter Verdacht, sich einem Jungen unsittlich genähert zu haben. In seinem Romandebüt Der Seiltänzer kombiniert Professor Michael Göring den klassischen Entwicklungsroman am Beispiel einer lebenslangen Freundschaft zwischen dem Akademiker Thomas und dem Geistlichen Andreas mit der aktuellen Debatte um die Reformunfähigkeit der Institution Kirche und ihre Doppelmoral im Umgang mit Missbrauchsvorwürfen und Zölibat. Im Gespräch mit VISIONEN-Redakteurin Claudia Hötzendorfer bringt der Leiter der Zeit-Stiftung seine Enttäuschung über den Papstbesuch zum Ausdruck und hofft, dass seine positive Kritik die Kirchenoberen zu Veränderungen inspiriert.

Vom Deutschlandbesuch des Papstes haben sich nicht nur Katholiken viel versprochen. Nach seiner Abreise erfuhren nicht wenige eine Ernüchterung. Hat es Sie enttäuscht, dass Benedikt XVI. nicht einmal den Hauch einer Reform in Erwägung zu ziehen scheint?

Ja, ich muss sagen, das hat mich sehr enttäuscht. Ich hatte ein wenig die Hoffnung, dass der Papst 500 Jahre nach Luthers Thesen 2017 ein Konzil einberufen würde, um zu überlegen, welche Reformen in der katholischen Kirche durchgeführt werden können, ohne dass es von außen eine Spaltung braucht. Denn das ist es doch, was wir rund 500 Jahre nach Luthers Thesen gelernt haben, nämlich dass man sich aus sich selber heraus reformieren kann. Insofern war ich schon enttäuscht von seiner Rede im Bundestag.

Die Entscheidungsträger im Vatikan sind in der Regel im letzten Lebensdrittel und der für Reformen aufgeschlossene Nachwuchs braucht zu lange, um deren Positionen einzunehmen. Mir erscheint es vergleichbar mit der Besetzung von Schlüsselpositionen in der Politik. Junge und hoch motivierte Nachwuchskräfte verlieren im Laufe ihrer politischen Karriere ihre Anliegen aus den Augen, weil sie erkennen müssen, wie langsam sich die Mühlen drehen.

Als Entschuldigung würde ich das aber nicht gelten lassen. Denn ich denke, auch jemand, der heute Mitte 70 ist weiß, dass bei uns im Westen in den letzten 30 Jahren die Schere zwischen dem Dogma der katholischen Lehre und dem gelebten Glauben immer größer wird. Vorehelicher Geschlechtsverkehr und Homosexualität werden in der Enzyklika Humanae Vitae als Teufelswerk beurteilt, obwohl die katholische Praxis ganz anders aussieht. Ich sehe langfristig darin eine Gefahr, wenn die Lehre sich immer mehr von dem entfernt, was tatsächlich gelebt wird. Denn so verlieren die Menschen das Vertrauen in die Einrichtung Kirche. Ich denke, auch jemand, der sich im letzten Lebensdrittel befindet erkennt, dass man da eigentlich etwas tun müsste, dass man die Lehre ein Stück weit wieder an den gelebten Katholizismus annähern muss.

„Ich sehe langfristig eine Gefahr, wenn sich die Lehre immer mehr von dem entfernt, was tatsächlich gelebt wird. So verlieren die Menschen das Vertrauen in die Einrichtung Kirche.“

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