DIE MACHT DER AUFMERKSAMKEIT
Ökonomische, kulturelle und spirituelle Aspekte eines Phänomens
Von all dem, was in jedem Moment an Eindrücken auf uns einströmt, nehmen wir nur einen kleinen Teil bewusst wahr. Das Gehirn verarbeitet sehr viel mehr, als wir erleben. Und von dem Erlebten gerät wieder nur ein kleiner Teil in den Bannstrahl unserer Aufmerksamkeit. Beispiel: Wir gehen auf einer belebten Einkaufstraße. Hunderte von Gesichtern tauchen auf und verschwinden. Und plötzlich sticht ein Gesicht heraus, fasziniert uns, vielleicht durch einen kurzen Augenkontakt. Von Hunderten bekommt dieser Mensch unsere besondere Aufmerksamkeit und bleibt zumindest für eine gewisse Zeit in Erinnerung.
Aufmerksamkeit hat einen hohen Wert: subjektiv für das Leben jedes Einzelnen und objektiv für das Gemeinwesen, die Kultur und die Wirtschaft. Sie hat ideellen und materiellen Wert. Und diese beiden Bereiche berühren und beeinflussen sich. Was unsere Beachtung findet, lässt sich meist auch gut verkaufen. Je mehr Beachtung, desto besser.
Mentaler Kapitalismus
Georg Franck, Professor für digitale Methoden in Architektur und Raumplanung an der Technischen Universität Wien, ist überzeugt, dass Aufmerksamkeit im 21. Jahrhundert stärker umkämpft sein wird als unmittelbarer materieller Gewinn und Reichtum. Wem es gelingt, für sich und seine Produkte die größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen – ohne sich dabei zu sehr zu „verausgaben“ – der hat gute Karten im Spiel des globalen Kapitalismus.
Aufmerksamkeit hat eine wichtige Eigenschaft mit Geld gemeinsam: Man kann sie jeweils nur für eine Sache ausgeben. Worauf sie sich richtet, tritt zwangsläufig in den Vordergrund, alles andere in den Hintergrund. Ebenso kann ich mit zehn Euro nur einen Artikel kaufen, der soviel kostet, nicht drei oder zehn Artikel dieser Preisklasse gleichzeitig. Welcher Artikel gewinnt nun soviel Aufmerksamkeit, dass er gekauft wird? Das ist die Frage. Damit befassen sich Werbepsychologen, Marketingexperten, Produktmanager, ganze Wirtschaftszweige.
„Werbung ist die käufliche Dienstleistung der Attraktion von Aufmerksamkeit“ (Georg Franck)
Der wohl simpelste Verkaufstrick ist das supergünstige Preisangebot. Doch die Spielregeln im heutigen Kapitalismus lassen sich nicht an denen eines gewöhnlichen Supermarkts festmachen. Es gibt viele Märkte. Schon in einem Kaufhaus, erst recht in einer Modeoder Geschenkboutique wird die Aufmerksamkeit des Konsumenten mit ganz anderen Mitteln als bei Aldi, Lidl oder Penny geweckt. Da zählen Markennamen, Präsentation, Verpackung, Service.
Im Kapitalismus wird schließlich alles zur Ware. Kultur, Kunst, Wissenschaft, Ansehen, Prestige – alle Werte lassen sich funktionalisieren und im Sinne des Systems optimieren, das heißt: zu mehr Gewinn machen. Und überall geht es darum, Aufmerksamkeit zu gewinnen – wenn auch nicht immer die der Massen. Ein Politiker braucht in der Demokratie die Zustimmung des Volkes. Ein Wissenschaftler, Adliger oder Multimilliardär nicht unbedingt. Letztere erhalten Aufmerksamkeit und Anerkennung zunächst oft im Rahmen ihresgleichen, in elitären Kreisen, die gesellschaftlich einflussreich genug sind, um den materiellen Profit sicherzustellen.
Gewinner und Verlierer
Besonders deutlich wird der „mentale Kapitalismus“ laut Franck in der Wissenschaft. Hier ist viel Geld und Prestige im Spiel. Da werden Forschungsaufträge und Gelder in Milliardenhöhe vergeben. Wer bekommt die, und wodurch? Es ist ein komplexes Spiel. Bevor ein junger Wissenschaftler überhaupt eine gewisse Anerkennung erringen kann, muss er renommierte Universitäten absolvieren, bei berühmten Lehrern studieren und erste Aufsätze in einschlägigen Fachzeitschriften veröffentlichen. Je mehr er von Fachkollegen anerkannt und in anderen Journalen zitiert wird, desto mehr steigt sein Wert im Sinne des mentalen Kapitalismus. Zitate sind sein geistiges Kapital. Sie summieren sich wie auf einem Bankkonto. Die Anerkennung in Fachkreisen genügt, um zum Beispiel als Molekularbiologe lukrative Forschungsaufträge von der Pharmaindustrie zu erhalten. Die Medien können als zusätzliche Einkommensquelle dienen. Ein in der Fachwelt anerkannter Wissenschaftler kann über Fernsehauftritte und allgemeinverständliche Bücher zusätzlich für sich Kapital schlagen.
Aus der Bekanntheit des Namens Geld zu machen ist heute gang und gäbe. Wissenschaftler nehmen dabei keine Spitzenstellung ein. Eher sind es Schauspieler, Sportler, Musiker, Modeschöpfer, Schriftsteller oder Adlige, die über die Medien Aufmerksamkeit erregen und sich und ihre Produkte dementsprechend gut verkaufen können. Das schlecht geschriebene Buch eines Medienstars geht fast immer ungleich besser als das gut geschriebene eines relativ unbekannten aber versierten Schriftstellers. Wer für seine Bekanntheit bekannt ist, braucht eigentlich nicht mehr zu tun, als sein Gesicht in die Kamera zu halten und sich mit jedem beliebigen Produkt von Seife bis Telekommunikation über alle möglichen Medien präsentieren zu lassen. Das entspricht dem von Marx kritisierten „Kapital“, das ohne jede kreative Arbeit Gewinn bzw. Zinsen bringt.
Den Wenigen, die von den Massen Aufmerksamkeit im Überfluss bekommen, stehen die Vielen gegenüber, die nur Aufmerksamkeit ausgeben, aber keine oder wenig erhalten. Das sind die Verlierer, das ist die „ausgebeutete Klasse“ – im mentalen wie im materiellen Kapitalismus.
Aufmerksamkeit, Achtung und Anerkennung unserer Mitmenschen sind für uns wichtig. Wer zu wenig bekommt, leidet psychisch und physisch. Die Fälle häufen sich, wo diese Aufmerksamkeit nicht mehr im alltäglichen Miteinander, sondern in den Schlagzeilen der Medien gesucht und gefunden wird. Im Extrem: andere und sich selbst massakrieren, um berühmt zu werden!
Das ist – wie der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in einem „Spiegel“-Essay vermutet – auch das Verzweiflungsmotiv für die islamischen Terroristen, die sich und möglichst viele andere mit ihrer Bombe in die Luft sprengen. Sie erhalten von ihresgleichen Anerkennung („elitärer Zirkel“) und setzen ihr Leben und das vieler Anderer aufs Spiel, um für kurze Zeit Schlagzeilen zu machen. Die Botschaft ist die des totalen Verlierers: „Das Leben ist nicht lebenswert, weder für mich noch für alle anderen. Es muss zerstört werden.“
In der Werbung zuhause
Unser Wohnort, unsere gesamte Umgebung wird zunehmend zur Werbefläche umfunktioniert. Wer sich in einer Großstadt umschaut, wird mit fast jedem Blick auf Werbung stoßen. Hausgroße Werbeplakate nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land entlang der Verkehrsadern. Sind wir im Marlboro Land zuhause?
Im Mittelalter stand die Kirche im Zentrum des Wohnorts. Sie ragte weit über alle anderen Häuser empor, konnte nicht übersehen werden. Nicht nur das zum Himmel strebende Gotteshaus, auch die gesamte, darum herum gruppierte Ortschaft ist architektonischer bzw. raumplanerischer Ausdruck einer Werbung um Aufmerksamkeit. Der Name des werbenden Unternehmens: Kirche. Die Botschaft an die Menschen: „Ihr steht mit euren kleinen Häuschen und kleinen Leben in unserem Schutz, im Schutz der heiligen Kirche.“ Sie ist das Zentrum, der Magnet, räumlich wie geistig.
„Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt: Ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern, und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten; und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern. Frage dich, ob unsere Sprache vollständig ist; ob sie es war, ehe ihr der chemische Symbolismus und die Infinitesimalnotation einverleibt wurden; denn dies sind, sozusagen, Vorstädte unserer Sprache.“
Mit seinem Vergleich von Sprache und Stadt – „Wohnstatt“ – machte der Philosoph Ludwig Wittgenstein vor über 60 Jahren auf ein Phänomen aufmerksam, dass uns alle in unserem gesamten Lebensstil betrifft. Alles scheint sich in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten immer schneller in eine bestimmte Richtung entwickelt zu haben, nämlich: das Leben immer effektiver zu kontrollieren und so mehr Komfort, materiellen Wohlstand und Sicherheit zu erlangen. Alles hat zu funktionieren, so effektiv wie möglich, von der Heizung bis zum abendlichen TV-Unterhaltungsprogramm.
Die modernen, geraden Straßen und die Wohnblocks der Vorstädte repräsentieren diese absichernde Funktionalität ebenso wie die modernen Formel- und Computersprachen der Wissenschaft. Der Laie versteht sie nicht, aber er erlebt ihre Auswirkung, zum Beispiel bei einer Suche im Internet. Was da als erstes präsentiert wird und unsere Aufmerksamkeit erhält, ist bereits durch eine bestimmte Programmiersprache vorgegeben. Diese „Meta“- Sprache dirigiert also – uns verborgen – was wir dann konkret als Information mitbekommen.
Mit ihrer „Dekonstruktionistischen Architektur“ wollten Peter Eisenman und andere in den 90ern das Konzept der bloßen Zweckmäßigkeit durchbrechen. Die von ihnen gestalteten Gebäude (Museen, Büros, Kirchen u.a.) sehen seltsam verbogen und deformiert aus, als wäre gerade ein Erdbeben passiert und als könnten sie im nächsten Moment einstürzen. Sie faszinieren und verunsichern zugleich. In jedem Fall erregen sie Aufmerksamkeit. Und – wie könnte es anders sein – sie stehen damit im Dienst der Werbung. Sie werben für den Architekten und für das Unternehmen, das sich ein solches Aufsehen erregendes Gebäude geleistet hat. Ich empfehle, bei einem Bummel durch die Einkaufsstraßen einmal darauf zu achten, was unsere Aufmerksamkeit erregt und ob dieser Gegenstand Werbung für eine Marke, Firma, Institution oder eine bestimmte Ideologie ist.
„Achte darauf, worauf du achtest!“ (Buddha)
Spielregeln in der „Spirituellen Szene“
Die Gesetze des Kapitalismus – und des mentalen Kapitalismus – gelten in jedem Markt, auch in dem der so genannten Esoterik. In der Gesamtkultur ist sie immer noch ziemlich verpönt. Ein Wissenschaftler, Künstler oder Schriftsteller, der öffentlich in die Ecke der Esoterik gerückt wird, hat auf dem „seriösen Markt“ kaum noch eine Chance. Ein Beispiel dafür ist der Biologe Rupert Sheldrake. Je mehr Aufmerksamkeit er in der Esoterikszene erhielt, desto mehr distanzierten sich die distinguierten wissenschaftlichen Kreise. Er nahm das allerdings bewusst in Kauf, nicht zuletzt, um diesen so genannten „seriösen“ Rahmen, der sich vor allem durch Arroganz und Borniertheit auszeichnet, aufzuweichen. Sheldrake und andere Wissenschaftler, auch Schauspieler, nicht zuletzt die Sache selbst sowie die spirituellen Lehrer haben dazu beigetragen, dass die Aufmerksamkeit für viele „esoterische“ Bereiche und Themen in den vergangenen zehn Jahren im positiven Sinne gestiegen ist.
Wellness, Feng Shui, Ayurveda, Yoga, Taiji, Buddhismus, Meditation, Ethnomedizin, Schamanismus, Entspannung – diese und viele andere Begriffe, die in den 80er Jahren über die esoterischen Zeitschriften und Bücher zunächst einem kleinen Insiderkreis bekannt gemacht wurden, sind heute in jeder großen Frauenzeitschrift selbstverständliche Ratgeberthemen.
Innerhalb der nach wie vor relativ kleinen „Eso-Szene“ haben sich längst diverse Untergruppen mit ganz eigenen Symbolen, Begrifflichkeiten und Werten herausgebildet. Wohl kaum eine Szene ist in sich so differenziert und bunt wie diese: Lichtarbeit, Channeling, Astrologie, Geomantie, alternative Heilkunde, östliche, westliche, schamanische und sonstige Weisheitstraditionen, Therapien aller Art, Magie, Tarot etc. etc. Das Prinzip des mentalen Kapitalismus funktioniert hier wie in allen anderen kulturellen Märkten auch. Wer bereits einen Namen hat, kann als Werbefläche für alle möglichen Produkte dienen – sofern er sich darauf einlassen möchte. Gesichter, die in Eso-Magazinen immer wieder auftauchen, scheinen zuverlässiger und lassen einen eher ein Seminar buchen als ein ganz unbekanntes Gesicht. Diese Medienpräsenz macht sich bezahlt.
Und natürlich gibt es die Stars. Wer zu einem einzigen Vortrag tausend Menschen anlockt, muss etwas ganz Besonderes sein! Wenn ein Eckart Tolle in Deutschland zu einem Abendvortrag über 1000 Menschen anzieht, dann entspricht das in der „Normal-Kultur“ einem Auftritt von Robby Williams mit 100.000 Zuhörern.
Der Haken als Lösung
Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied zwischen der „Esoterik“ und dem Gesamtkulturbetrieb, in den sie scheinbar eingebettet ist. In der spirituellen Nische wird die Aufmerksamkeit kritisch hinterfragt, in der Gesamtgesellschaft nicht. Wer oder was braucht überhaupt Aufmerksamkeit? So lassen spirituelle Lehrer und Autoren ihre Schüler und Leser fragen. Antwort: Das Ego. Eine Illusion, die sich durch Bestätigung von außen aufrechterhält.
Aufmerksamkeit wird in der Esoterik wie in jedem anderen Markt geweckt und finanziell genutzt, sie wird aber zugleich auch durchkreuzt und demontiert. Das ist ein äußerst interessantes, paradoxes Phänomen: Der Konsument von spirituellen Zeitschriften, Büchern und Seminaren wird angelockt durch das Versprechen, dass sein Ego zerstört wird. Das allein würde ihn kaum befriedigen. Es würde ja Bedeutungslosigkeit bedeuten. Dahinter lockt die „ich-lose“ Glückseligkeit. Seligkeit für wen oder was? Für mich natürlich!
Alle Strategien zur Überwindung der Ichbezogenheit führen zwangsläufig zurück zu diesem „Ich“, das glaubt, etwas für seine Erlösung tun zu können. Es richtet dabei seine Aufmerksamkeit allerdings nicht mehr auf äußere Konsumgüter, sondern auf sich selbst. Das ist eine entscheidende Kehrtwendung! Insofern bedeutet Spiritualität eine übergeschichtliche, ständige Revolution, nämlich: Die Aufmerksamkeit richtet sich auf sich selbst!
Der erste Schritt dabei ist, darauf zu achten, worauf ich achte. Was zieht meine Aufmerksamkeit an? Und: warum? Hat es damit zu tun, dass so viele andere dieser Sache oder Person Beachtung schenken? Oder liegt es an meiner ganz eigenen Wertschätzung?
Um beobachten zu können, wie Aufmerksamkeit funktioniert und unser Leben bestimmt, muss ich sie erst einmal anerkennen. Das ist gar nicht so leicht. Womöglich stellt sich heraus, dass sie sich viel häufiger und intensiver auf alkoholische Getränke und Sex richtet, als ich es von mir selbst gedacht habe. Die Aufmerksamkeit zu beachten kann bedeuten, dass mein bisheriges Selbstbild in Gefahr ist.
Ursprünglich ist Aufmerksamkeit eine notwendige Funktion des Überlebens. Der Körper zwingt uns durch Schmerzen oder Unwohlsein geradezu Beachtung auf, wenn er krank ist. Das mögen wir vielleicht nicht. Doch es dient unserer Gesundheit. Wir sollten den Wert dieser Aufmerksamkeit anerkennen.
Was fällt uns noch unangenehm auf? Aggressives, boshaftes Verhalten, Bilder des Leids und der Gewalt – in der Realität und in den Medien. Wir sind betroffen, schockiert. Wir wollen das nicht erleben, aber die Aufmerksamkeit ist im Nu gefesselt. Gibt es da einen tiefer verborgenen Wert? Vielleicht wird unser Mitgefühl geweckt? (Auch das kann natürlich kommerziell oder politisch ausgebeutet werden.)
Wer sich auf die Praxis der Meditation eingelassen hat, dem fällt ziemlich bald etwas auf, worauf er vorher kaum geachtet hat: ein schier unerschöpflicher Strom überflüssiger, störender Gedanken und Gefühle. Nun – da innere Stille das erklärte Ziel ist – erwecken die scheinbaren „inneren“ Hindernisse die Aufmerksamkeit. Zugleich hat der Meditierende aber im Hinterkopf (als Anleitung): „Versuche nicht, die Gedanken und Gefühle zu stoppen. Lasse sie vorbeiziehen wie Wolken, ohne Wertung.“ Leicht gesagt!
Aufmerksamkeit gibt einer Sache Energie und ist zugleich eine Art Haken. Die Buddhisten nennen das „Anhaftung“. Was immer ich besonders beachte – sexy Typen, Autos, Suchtmittel, Sorgen, Schmerzen, kreisende Gedanken –, daran hänge ich, wie der Fisch am Haken. Keine Frage: Daraus können andere Kapital schlagen. Doch deshalb die Aufmerksamkeit zu verdammen wäre völlig verkehrt. Sie ist natürlich und „normal“. Der Asket versucht letztlich vergeblich, allen Einflüssen entgegen zu wirken, indem er ihnen die Aufmerksamkeit verweigert. Niemand kann sich aus allem raushalten. Es ist weitaus befreiender, sich dem, was auf das Bewusstsein einströmt, zu öffnen und einfach darauf zu achten, wovon und wie wir uns „fesseln“ lassen. Nichts und niemand ist zu verurteilen. Wir sind als Lebewesen in die Natur und die Welt eingebunden. Und je mehr Aufmerksamkeit wir geben und erhalten, desto lebendiger fühlen wir uns.
Allerdings kann auch dieses so eingebundene, aufmerksame Individuum noch hinterfragt werden: Für wen oder was sind die – in die Aufmerksamkeit einfließenden – Gedanken und Gefühle da? Wer oder was beachtet sie? Wo kommt die Beachtung her? Wohin verschwindet sie? In solchen eher intuitiven Momenten des Nachspürens kann ein unabgrenzbarer Raum des Bewusstseins offenbar werden. Darin tauchen die beachteten Objekte auf wie angestrahlt, der Strahl der Aufmerksamkeit wird sichtbar wie Scheinwerferlicht, und auch der Scheinwerfer lässt sich lokalisieren: „mein“ Standpunkt. Doch was dieser Raum ist, in dem das Objekt der Aufmerksamkeit, der geistige Vorgang und der Aufmerksame selbst erscheinen – das lässt sich nicht sagen und anleuchten. Es leuchtet, wenn überhaupt, aus sich heraus.

