Die Freiheit des Narren in uns
Inneren Figuren Spielraum geben
WER BIN ICH?
Diese Frage haben wir uns vermutlich alle schon mal gestellt. Sie mag profan klingen: Wir alle wissen doch mehr oder weniger, wer wir sind, oder? Wir haben einen Personalausweis, schreiben für Bewerbungen möglichst vorteilhafte Lebensläufe und stellen in Online-Foren unser Profil aus. Ein Mensch hat von sich und seinen Mitmenschen ein Bild im Kopf: „Ich bin eine Frau, bin natürlich, familienorientiert, kein 0/8/15-Typ, nicht aggressiv, alles andere als faul…“ Aber: Sind diese mehr oder weniger akzeptierten Rahmen-Daten und Eigenschaften wirklich „ich“? Ist die Person, die aus meinen Augen schaut, damit ausreichend charakterisiert?
Die amerikanische Psychologin Carol S. Pearson sieht den Archetyp des Narren als eine Schlüsselfigur: „Außer in kurzen, transzendenten Augenblicken der Einheit lebt jeder von uns mit innerer – oft nicht einmal integrierter – Pluralität. Wir können dies, weil wir im Allgemeinen das Wissen von den nicht zu unserem Selbstbild passenden Teilen verdrängen. Oder wir machen uns an Selbstverbesserungsprojekte, damit sie passend werden. Aber es gehört zum Menschsein, dass wir im Leben immer Pluralität erleben: Verschiedene Teile von uns wollen verschiedene Dinge. Der Narr lehrt uns, dies nicht mehr zu leugnen, sondern zu genießen.“
Im Alltag vernachlässigen wir nur allzu oft Seiten von uns, die nicht ganz konform sind mit dem Bild, das wir von uns haben: Gegensätzliche Kräfte, die sich zu widersprechen scheinen, werden oft nur – wenn überhaupt – als „ich weiß nicht“ oder Entscheidungsschwierigkeit erkannt, nicht aber als konträre Meinungen zweier Teilpersönlichkeiten. Unser Schatten wird auf die Außenwelt projiziert, und ebenso wird leider auch ein großer Teil unseres Potentials an andere delegiert. Vernachlässigte Persönlichkeitsanteile hinterlassen bestenfalls ein Gefühl der Leere. Nicht ausgedrückte oder sogar unbewusste Emotionen können aber auch zu inneren und äußeren Konflikten, Lebenslügen, schweren Krisen, psychischen oder auch somatischen Krankheiten führen.
„Es gehört zum Menschsein, dass wir im Leben immer Pluralität erleben: Verschiedene Teile von uns wollen verschiedene Dinge. Der Narr lehrt uns, dies nicht mehr zu leugnen, sondern zu genießen.“ (Carol S. Pearson)
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