Die Wirklichkeit durchscheinen lassen
Der spirituelle Lehrer Arjuna Ardagh über den praktischen Umgang mit dem Erwachen
Was früher nur wenigen „Erleuchteten“ vorbehalten schien, haben heute bereits Millionen von Menschen erfahren: eine ichlose Einheit mit dem Ganzen. Arjuna Ardagh nennt diese Menschen und ihre Beziehung zur Welt transluzent, lichtdurchlässig, und beschreibt Wege, die transzendente Erfahrung in das tägliche Leben zu integrieren.
Die Lautlose Revolution
1980 wurde das Buch „Die sanfte Verschwörung“ von Marilyn Ferguson ein Bestseller. Sie skizzierte darin den Beginn einer geistigen Wende hin zu mehr Selbstverantwortung und Werten wie Achtsamkeit und Mitgefühl. Der Bewusstseinswandel galt als Zeichen für den Eintritt in das „Zeitalter des Wassermanns“.
Heute, ein Vierteljahrhundert später, scheint die politische und ökologische Situation in der Welt von diesem Bewusstseinswandel nach wie vor unberührt. Fundamentalismus und rücksichtslose kapitalistische Ausbeutung der Natur und der menschlichen Arbeitskräfte beherrschen das Bild. Doch der äußere, von den Massenmedien vermittelte Eindruck täuscht. Untergründig wächst schon längst eine heilsame Gegenkraft, und zwar aus dem innersten, verborgenen Kern des Menschen heraus.
Der amerikanische Psychologe Nick Arjuna Ardagh hat für sein aktuelles Buch „Die lautlose Revolution“ 170 Menschen in den USA und Europa interviewt. Die meisten bestätigten, Einblick in ihre wahre Natur erhalten, das heißt über die Grenzen ihrer Person und ihres Verstandes geschaut zu haben. Diese Einsicht habe ihre Einstellung zum Leben und zu sich selbst grundlegend verändert.
„Mehr als 95 Prozent derjenigen, die für dieses Buch über das Erwachen gesprochen haben und über das Verinnerlichen davon, beschrieben eine Veränderung, die sich seit 1990 ereignet. Das bedeutet, dass wir von da an eine Veränderung des kollektiven Bewusstseins beobachten, die weniger als zwei Jahrzehnte alt ist.“
Einige führende Soziologen wie Paul Ray und Duane Elgin, die sich mit der Veränderung des kollektiven Bewusstseins befassen, schätzen aufgrund ihrer Umfragen die Zahl der „Kulturell-Kreativen“ in den USA auf 50 und in Europa auf über 80 Millionen. Innerhalb dieser erstaunlich großen Gruppe von Menschen, für die Lebensqualität wichtiger ist als Quantität, gibt es laut Ray als Kern eine wachsende spirituelle Gruppe – in den USA 1-2 Millionen –, die von einer Erkenntnis des unbegrenzten oder göttlichen Selbst geprägt ist. Dies sind die Menschen, die Ardagh als „transluzent“ bezeichnet.
Wer oder was ist transluzent?
Ein transluzentes Objekt ist nicht völlig durchsichtig wie Glas, sondern eher durchscheinend wie eine Skulptur aus Milchglas. Der Begriff ist dehnbar und lässt verschiedene Grade und Relativierungen zu – im Unterschied zu „absoluten“ Begriffen wie „verheiratet“, „französisch“ oder „tot“. Man kann mehr oder weniger durchscheinend sein, nicht aber mehr oder weniger französisch oder tot. Und so ist Transluzenz auch flexibler als die so genannte Erleuchtung, von der meist behauptet wurde und wird, sie sei entweder da oder nicht. In einer ersten, vorläufigen Definition heißt es bei Ardagh:
Transluzent ist
- ein Individuum, das ein spirituelles Erwachen erfahren hat, welches tief genug war, um dauerhaft seine Beziehung zu sich selbst und zur Realität zu transformieren, das ihm aber gleichzeitig erlaubt, weiterhin am täglichen Leben teilzuhaben, in einem Prozess, der eine Entwicklung beinhaltet, aber kein Ende.
- ein Individuum mit einer strahlenden Erscheinung, so als ob Licht durchscheinen würde.
Es gibt eine Weiterentwicklung, die über den Begriff des Suchens hinausgeht dahingehend, Erfahrungen des Einsseins gehabt zu haben, die transformieren. Eine riesig Anzahl von Leuten weiß, dass dies nicht länger eine Vernarrtheit ist.
(Jon Kabat-Zinn)
Ardagh findet in seinem 460 Seiten starken Buch stets weitere, ergänzende Charakterisierungen, stellt einzelne Transluzente vor und gibt Anregungen zu Übungen, die Seinserfahrung zu vertiefen und in den Alltag zu integrieren. Einerseits lassen sich die Menschen nicht über einen Kamm scheren – jeder ist einzigartig und bejaht seine Eigenheit –, andererseits schält sich aber doch so etwas wie ein Profil heraus. Schließlich soll sich ja der Leser möglichst selbst als transluzent erkennen.
Erwachen aus der „Jago-Trance“
Ein grundlegendes Merkmal ist, eine gewisse innere Distanz zum Ego zu haben. Ardagh nimmt als treffendes Modell für das Ego die Figur des Jago aus Shakespeares „Othello“. Jago ist der Intrigant am Hofe des Königs und führt Othello durch seine bösen Einflüsterungen und Gerüchte zur unheilvollen Eifersucht. So funktioniert der Ego-bestimmte Verstand. Er kann die Wirklichkeit nicht sehen, verzerrt und verfälscht alles, bildet ein Bewusstsein von Mangel, Furcht, Abgrenzung etc. Er ist die übliche, konditionierte Sicht der meisten Menschen – und nur ein „radikales Erwachen“ kann die Wahrheit offenbaren.
Dieses Erwachen ist für jeden anders. Die herkömmlichen Methoden – Meditation, Yoga, Selbsterforschung, Bhakti – scheinen nur bei relativ Wenigen zum Erwachen geführt zu haben. Und es ist überhaupt die Frage, ob es da einen kausalen Zusammenhang gibt. Deutlich ist jedoch: Erwachen geschieht immer mehr Menschen, auch ohne langjährige spirituelle Praxis.
Beispiele
Manche, wie Eckhart Tolle, waren vorher besonders verzweifelt. Der Gedanke „Ich kann mit mir selbst nicht mehr leben“ brachte ihn zu der Frage: Bin ich eins oder zwei? Wer ist das Selbst, das nicht leben kann, und wer bin ich, derjenige, der das nicht tolerieren kann?“ Er sagt: „Ich hatte keine Antwort; da war nur eine überwältigende Stille. Dann fühlte ich mich in irgendeine Leere gezogen, mit großer Furcht. ‚Leiste keinen Widerstand.’ Das hörte ich als letzten Gedanken, der mir ins Gedächtnis kam, so, als würde er aus dem Körper herauskommen, aus der Brust. ‚Leiste keinen Widerstand.’ Dann war es wie ein Verschwinden in eine Leere. Am nächsten Morgen wachte ich auf, und das Erste, was ich bemerkte, war, dass alles sehr schön war, das Singen der Vögel… Ich dachte, dass dieser Zustand mich eventuell wieder verlassen würde. Aber er ging nicht weg. Ich gewöhnte mich an ihn, so ist es jetzt nichts Ungewöhnliches mehr. Das Leben selbst ist bemerkenswert.“
Byron Katie erwachte, als ihr morgens beim Aufwachen ein Kakerlake über den Fuß lief, Shanti Mayi realisierte das Einheitsbewusstsein in der Küche beim Töpfeschrubben und Satyam Nadeen als Insasse eines Gefängnisses. Die Frage ist hier nicht: Wie kann ich die Situation oder die Geschichte irgendeines Erwachten imitieren, um selbst zu erwachen? Der Punkt ist zu sehen, was da geschieht: ein Loslassen in eine Leere, ins Nichts, ins Unbekannte, ein Loslassen vom gewohnten Ich. Es kann zunächst von Angst begleitet sein, muss aber nicht.
Allerdings geht auch das Erwachen vorüber. Und nun gilt es, die Einsicht zu nähren, zu vertiefen und nicht wieder in die „Jago-Trance“ zurückzufallen. „Da die Anzahl und Tiefe des radikalen Erwachens zunimmt, wird das, was wir mit diesem Durchbruch im Bewusstsein anfangen, wichtiger als das Erwachen selbst. Wird ein kleiner Einblick in unsere wirkliche Natur zur Erinnerung im Sammelalbum oder wird er zur Grundlage dafür, wie wir unsere Freunde behandeln, wie wir unsere Kinder ins Bett bringen, wie wir zur Arbeit fahren oder wie wir ein Rührei machen? Kann ein Erwachen in die Zeitlosigkeit unser Leben in der Zeit transformieren?“
Zehn Merkmale der Transluzenten
Außerhalb traditioneller Rahmen leben
Heutzutage leben Transluzente meist nicht im Umfeld einer organisierten Religion oder Hierarchie. Sie brauchen nicht länger einen Lehrer oder eine Lehre, sondern haben eher viele Lehrer oder erfahren das ganze Leben selbst als Lehrer.
Über die Erleuchtung hinausschauen
Die meisten Transluzenten suchen nicht mehr länger einen Zustand von Erleuchtung, obwohl viele das davor getan hatten. Sie sagen, dass sie keine Idee mehr haben, was das Wort Erleuchtung bedeutet. Die Stille ist weder erleuchtet noch unerleuchtet, sie kann keiner Veränderung unterliegen. Der affengleiche, veränderliche Geist-Körper-Organismus dagegen ist nicht erleuchtbar.
Eine Reise ohne Ende
Transluzente sprechen vom Leben als einem „fließenden“ Prozess ohne Ende. Es gibt da keinen Versuch, ein Problem zu lösen oder einen endgültigen höheren Zustand zu erreichen. Transluzenz ist eher eine Richtung als ein Endziel. Es ist ein Entspannen, ein Zulassen, so dass immer mehr Liebe, mehr Präsenz und mehr Kreativität fließen.
Die Selbstverbesserung transzendieren
Transluzente entwickeln sich immer weiter, aber sie zeigen auch eine außergewöhnliche und oft humorvolle Akzeptanz sich selbst gegenüber, so wie sie sind. Sie haben ihren Vertrag mit der Industrie für Selbstverbesserung gekündigt.
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