Leonardo da Vinci - Kirchenkritiker und Freidenker
Er schuf so unvergleichliche Werke, wie die Mona Lisa oder Die Dame mit dem Hermelin. Sein Abendmahl inspirierte Dan Brown zu einem internationalen Bestseller. Seine anatomischen Studien haben bis heute nichts von ihrer Symbolkraft verloren, und als Erfinder fantastischer Maschinen war er seiner Zeit weit voraus. Leonardo da Vinci war eine facettenreiche Persönlichkeit. Er probierte sich in vielen Bereichen aus, malte, schrieb, erfand technische Apparaturen oder studierte die Natur. War Architekt, Bildhauer, Naturphilosoph und Wissenschaftler.
Konstrukteur und Ingenieur
So präsent Leonardo da Vinci in der Gegenwart zu sein scheint, so unbeachtet blieb er rund 200 Jahre lang. Nach seinem Tod am 2. Mai 1519 geriet das Gesamtwerk des 67-Jährigen in Vergessenheit, seine Aufzeichnungen und Skizzen verschwanden in Bibliotheken und Sammlungen weltweit. Erstmals 1797 erkannte man in naturwissenschaftlichen Kreisen den Wert seiner Arbeit. Doch erst 1874 begann eine Erschließung seines Nachlasses als ernstzunehmende geschichtliche Quelle für Wissenschaft und Technik. Hatte man bis dahin seine Erfindungen für Spinnereien gehalten, erkannte man nun, wie sehr Leonardo seiner Zeit als Konstrukteur, Ingenieur, Physiker, Mathematiker und Mechaniker voraus war.
„Die Liebe zu einem jeden Ding ist die Tochter des Wissens“
Mann ohne Bildung
Bedenkt man, wie sich da Vinci in den verschiedenen Disziplinen auslebte, überrascht es schon, dass er eigentlich „ein Mann ohne Bildung“ war, wie er selbst einmal feststellte. Sein Schulwissen war lückenhaft, mit der lateinischen Grammatik stand er auf Kriegsfuß, und mit Rhetorik tat er sich schwer. Sein Interesse an Poesie, Geschichte und Moralphilosophie war nicht besonders ausgeprägt. Und doch nennen ihn seine Biografen einen „typischen Renaissance-Menschen“, voller Wissensdurst.
Als unehelicher Sohn des Notars Ser Piere wurde Leonardo am 15. April 1452 im Dorf Vinci rund 40 Kilometer westlich von Florenz geboren. Der Kleine wuchs bei seinen Großeltern auf. 1469 ging er bei dem Maler Andrea del Verrocchio in die Lehre, einem Hoflieferanten der Medici. Da er unehelich geboren wurde, war ihm der Weg des Studiums und damit einer humanistischen Bildung verwehrt. Er konnte weder Notar werden, wie sein Vater, noch Arzt, Apotheker oder Richter. Der einzige Weg, der ihm offen blieb, war die Kunst.
Der Künstler
Leonardo war hauptberuflich Auftragskünstler für Fürsten und wohlhabende Persönlichkeiten wie Lorenzo de Medici (il Magnifico) und später Ludovico Sforza (il Moro). Letzterer gab in den 1490er Jahren das berühmt gewordene Abendmahl in Auftrag. Das bis heute im Refektorium des Mailänder Klosters Santa Maria delle Grazie hängt und dort, wie viele Kunstkenner bemängeln, langsam verrottet. Da Vinci entwarf Gebrauchs- und Ziergegenstände für Mailands feine Gesellschaft oder organisierte für sie prunkvolle Feste und Theateraufführungen. Später trat er in die Dienste Cesare Borgias als Militäringenieur und Guiliano de Medicis als Hofbaumeister. Leonardos jüngere Biografen mutet es seltsam an, dass „der sanfte Tierfreund und Vegetarier“ offenbar keine Gewissensbisse gehabt zu haben scheint, wenn es darum ging, für Borgia Waffen zu entwerfen und ihn sogar auf Feldzügen zu begleiten. Was sich vielleicht damit erklären lässt, dass da Vinci kein allzu gutes Verhältnis zu seinen Mitmenschen gehabt zu haben scheint.
Da Leonardo seine Werke durchweg im Auftrag schuf, lässt sich aus den biblischen Motiven seiner Gemälde für den Biografen Giorgio Vasari (16. Jahrhundert) nicht zwangsläufig eine tiefe Religiosität ableiten. Er sei „von keiner Religion mehr abhängig“, meint Vasari. Zu sehr war der Meister mit seiner Arbeit verbunden, um sich Gedanken über Glaube und Ideologie zu machen. Ob Dan Brown das wusste, als er sich von Leonardos Abendmahl zu seinem Roman The Da Vinci Code inspirieren ließ?
Diesen Code gab es tatsächlich, er bezeichnet die Eigenart Leonardos, Spiegelschrift zu verwenden. Eine andere Eigenart war, seine Werke nicht immer zu vollenden. Viele seiner als Buch angelegten Codizes beispielsweise wurden zu seinen Lebzeiten nie in gebundener Form veröffentlicht. Ein Großteil seiner Skizzen von Maschinen oder einer Stadt blieben Utopien auf Papier. Auch das große Reiterstandbild, an dem er im Auftrag Sforzas über Jahre arbeitete, blieb unvollendet. Der große Künstler sah sich vor allem als Denker: „Nachdenken ist ein echtes Werk, Ausführen ein unterwürfiges“, befand er.
Mona Lisa
Wenn der Name Da Vinci vor der Brownschen Medialisierung genannt wurde, stellte jeder gleich die Verbindung zu seinem berühmtesten Gemälde her: die Mona Lisa. Fünf Jahre brauchte er, um das Werk zu vollenden. Darüber, wer nun die geheimnisvolle Schöne mit dem unergründlichen Lächeln war, die jährlich Tausende in den Pariser Louvre zieht, gehen die Spekulationen weit auseinander. Während die einen behaupten, es handelt sich um Pacifica Brandano, eine Geliebte Giuliano de Medicis, oder um eine der Mätressen Charles d’Amboise, sind andere davon überzeugt, die Abgebildete sei die Marquise de Mantua, Isabelle d’Este. Einige Kunsthistoriker mutmaßen, Leonardo hatte seine Mutter gemalt. Wieder andere sind davon überzeugt, die Mona Lisa sei da Vincis Idealvorstellung einer Frau. Der Meister selbst hat dazu keine Hinweise hinterlassen. Nicht eine Andeutung in seinen Schriften könnte dabei helfen, das Geheimnis der Schönen zu lüften.
„Jeder Teil eines Dings enthält etwas von der Natur des Ganzen.“
Naturverbunden
„Wer sehen will, wie die Seele in ihrem Leib wohnt, sehe nach, wie dieser Leib seine alltägliche Behausung benützt; das heißt, wenn dort Unordnung und Wirrwarr herrschen, dann wird der Leib von seiner Seele unordentlich und verwirrend gehalten“, schreibt da Vinci in einer seiner Aphorismen. Genau nachgesehen hat er tatsächlich. Er studierte ab 1472 die Anatomie von Mensch und Tier, indem er selbst sezierte. Sein Drang, bis ins Innere des Körpers vorzudringen, ging so weit, dass er um 1510 Föten im Uterus skizzierte, und zwar so detailliert, dass die Zeichnungen als Lehrmaterial für angehende Ärzte hätten verwendet werden können. Maßgeblich beeinflusst hat ihn dabei wohl Marcantonio della Torre, ein Mediziner von der Universität Pisa. Der Kirche waren solche Forschungen ein Dorn im Auge. Sie verbot daher die Autopsien und schürte den Aberglauben. Leonardo, der ohnehin auf keinem guten Fuß mit den Klerikern stand, ließ sich trotzdem nicht davon abhalten, das Innere des Menschen genauestens zu studieren und zu dokumentieren.
Wie kein anderer vor oder nach ihm, verstand es Leonardo da Vinci Kunst und Wissenschaft miteinander zu verbinden. Ganz nebenbei schuf er durch seine genauen Aufzeichnungen der Pflanzen und Bäume auch noch wertvolle Grundlagen für das Studium der Botanik. Er liebte die Natur, Tiere und Pflanzen. Stundenlang beobachtete und zeichnete er die Blattstellung von Blumen, sich im Wind bewegende Gräser oder die Färbung des Laubs. Seine so gewonnene Erkenntnis über die Wirkung von Licht und Schatten oder Farben ließ er in seine künstlerische Arbeit einfließen.
Der Kritiker
Obwohl da Vinci gern als Magier bezeichnet wird, hatte er selbst für Okkultisten nur Spott übrig. Zu dieser Überzeugung kommt Marianne Schneider, die sich lange mit dem Künstler und seinen Schriften auseinandersetzte. „In Leonardos Prophezeiungen ist gewiss auch eine polemische Geste gegen die Wahrsager, Magier und Schwarzkünstler seiner Zeit enthalten“, so Schneider. „Seine Entrüstung gegen diese Pseudowissenschaftler, die sich damit brüsten, der Natur Gewalt anzutun, verwandelt sich in Spott, indem er seine zur höfischen Unterhaltung verwendeten Rätsel in den pompösen Ton der Wahrsager kleidet“, meint Marianne Schneider.
Auch die Kleriker bekommen ihr Fett weg: „Ich sehe Christus aufs Neue verkauft und gekreuzigt und seine Heiligen gemartert“, heißt es beispielsweise in einer seiner Prophezeiungen. Gemeint war damit der Verkauf von Kruzifixen, der ihm offenbar gegen den Strich ging. Für kirchliche Zeremonien hatte der Maler nicht viel übrig, erschienen sie ihm doch sinnentleert. Mit Mönchen und Gottes Vertretern auf Erden, die ihr Werk in pompös ausgestatteten Kirchen und Klöstern verrichten, ging er ebenfalls nicht zimperlich um: „Viele wird es geben, die Andachtsübungen, Mühen und Armut in Lebenshaltung und Besitz aufgeben werden, um in Reichtum und prunkvollen Bauten zu leben, denn sie wollen zeigen, dass dies der Weg ist, um ein Freund Gottes zu werden“, wetterte er. Klosterbrüdern, die die Beichte abnehmen, unterstellte er gar, sich aus purer Neugier voyeuristisch für die Verfehlungen besonders des weiblichen Geschlechts zu interessieren: „[…]die armen Frauen müssen alle ihre heimlichen Schandtaten bekennen und die Zuhörer mit ihrem Elend und ihren frevlerischen Missetaten belohnen.“ Marianne Schneider vermutet, dass er seine „antiklerikale Polemik“ aus der zur Veröffentlichung angelegten Sammlung ausschließen wollte, da er die besonders heiklen Sätze später wieder durchstrich.
Aktualität
„Ein Heilmittel besteht darin, dass aus dem Gleichgewicht geratene Elemente wieder ins Gleichgewicht gebracht werden“, notierte der Meister in seinen Aufzeichnungen. Wie aktuell Leonardos Überlegungen heute noch sind, zeigt ein Satz, den er über Ärzte aufschrieb, die von den Kranken leben: „Die Menschen werden so feige werden, dass sie dankbar hinnehmen werden, dass andere über ihre Leiden oder über ihren verlorenen wahren Reichtum triumphieren: nämlich über ihre Gesundheit.“ Es wäre interessant, seine Meinung zur Gesundheitsreform der Bundesregierung zu hören.
„Keine Wirkung ist in der Natur ohne Ursache; verstehe die Ursache, und du brauchst keine Erfahrung.“
Als das Universalgenie im Alter von 67 Jahren 1519 in Amoise stirbt, gehören über 6000 wissenschaftliche und technische Manuskriptseiten zu seinem Nachlass. Hätte Leonardo ausschließlich durch seine Bilder von sich reden gemacht, er wäre zweifellos als größter Maler der Renaissance in die Geschichte eingegangen. Doch durch sein umfassendes Wissen in vielen Bereichen, seine Ideen, die er in Codizes zusammenfasste, und die genaue Beobachtungsgabe sprengte der Mann aus dem toskanischen Bergdörfchen Vinci die Grenzen seiner Zeit und fasziniert die Wissenschaft und Kunstwelt bis heute.
Eins wird dabei deutlich: Wenn unsere schnelllebige Zeit Dan Brown und die Hollywood- Version seines Verschwörungskrimis längst vergessen hat, wird die Mona Lisa immer noch unergründlich lächeln und nicht nur die Kunstwelt das Andenken an Leonardo da Vinci hochhalten.

