Mythos Jungbrunnen
1 Bilder und Geschichten
Alexander
Das Bild vom Jungbrunnen hat etwas so Einfaches und Überzeugendes! Wir betreten ein Wasserbecken, einen erfrischenden Whirlpool, lassen uns tragen und tief entspannen und steigen heraus wie neu geboren. Der Maler Lucas Cranach der Ältere hat das im 16. Jahrhundert anschaulich und typisch für seine Zeit dargestellt. Alte Frauen steigen auf der einen Seite (links) ins Becken und kommen auf der anderen Seite (rechts) verjüngt heraus. Den Maler hat nicht nur die damalige Badekultur inspiriert, sondern ein Buch, das im Mittelalter fast so bekannt wie die Bibel war: der so genannte Alexanderroman.
Darin werden die Heldentaten von Alexander dem Großen geschildert. Auf seinen abenteuerlichen Feldzügen, die ihn bis nach Indien brachten, soll er, nur von seinem treuen Diener begleitet, ein „Land der Finsternis“ durchquert haben und schließlich an eine wundersame Quelle gelangt sein, die jedem, der davon trinke, Unsterblichkeit verleihe. Alexander selbst hat das Wasser entweder nicht gekostet oder es hat bei ihm wenig genützt, denn er starb mit 33 Jahren. Die Geschichte von Alexander und dem Jungbrunnen war bereits seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. im Umlauf, wurde aber anscheinend erst Jahrhunderte später auf lateinisch und arabisch niedergeschrieben und inspirierte seitdem Ärzte, Dichter, Maler und Abenteurer.
Ponce de Lèon
Der spanische Eroberer Ponce de Lèon landete am Palmsonntag des Jahres 1513 als erster Europäer in Florida und gilt somit (abgesehen von den Wikingern um Erik den Roten) als Entdecker des nordamerikanischen Kontinents. Er gab Florida den Namen: „Die Blühende“. Laut seinen Biografen soll er besessen gewesen sein von der Idee, auf einer sagenumwobenen Insel namens Bimini Gold und eben auch die „Quelle der Ewigen Jugend“ zu finden. Angeblich hätten Eingeborene von einem reinen Wasser gesprochen, das alle körperlichen und seelischen Leiden sofort heile und die Menschen um Jahrzehnte verjünge. Die Insel wurde nie gefunden.
Doch dort, wo Lèon gelandet sein soll, im heutigen Städtchen St. Augustin, werden seit hundert Jahren Kostproben aus der „Quelle der Ewigen Jugend“ angeboten. Hunderttausende von Amerikanern pilgern seit vielen Jahrzehnten dorthin. 80-Jährige, die in jungen Jahren von der Quelle getrunken haben, lassen sich mit ihren Enkelkindern ablichten. Eine ganz praktische Umsetzung der Jungbrunnenlegende.
Und die Suche nach Bimini scheint immer noch weiterzugehen. Erst kürzlich kaufte der weltbekannte Zauberer David Copperfield vier Inseln in den Bahamas für 50 Millionen Dollar, überzeugt, das Wasser dort habe eine ganz besonders belebende Kraft. Wissenschaftler sollen das bestätigt haben.
Die „Fünf »Tibeter"
Eine andere Legende, die sich in den 30er Jahren von Hollywood aus verbreitete, vermutet den Jungbrunnen in den abgelegenen Tälern des Himalajas. In James Hiltons Roman „Der verlorene Horizont“, Weltbestseller und ebenso erfolgreich verfilmt, verirrt sich eine Reisegruppe in ein abgelegenes Tal in West-Tibet. Von dort, so erklären die freundlichen Lamas, gebe es kein Zurück mehr. Die Westler begegnen Menschen aus verschiedenen Ländern. Und das Erstaunliche ist: Die leben hier schon seit Jahrhunderten, ohne zu altern!
Peter Kelder, ein junger Amerikaner holländischer Abstammung, schrieb im Fahrtwind der Shangrila- und Shambala-Begeisterung ein kleines Buch, das erst 50 Jahre später, und zwar in Deutschland, zu einem sensationellen Erfolg werden sollte. „Die Fünf »Tibeter«“ verkaufte sich seit seinem Erscheinen 1989 im deutschsprachigen Raum bisher weit über 1,5 Millionen Mal. Von der bürgerlichen Presse zwar immer wieder lächerlich gemacht, hat es doch auch renommierte Mediziner überzeugt.
Ich habe Ende der 90er als Pressemann für den Scherzverlag die „Fünf »Tibeter«“ (eine geschützte Marke) vertreten und auch die „Hotline“ betreut, wo viele Menschen von den heilenden Wirkungen der Übungen berichteten. In einem Interview erklärte mir Prof. Dr. Magyarosi von der Rehabilitationsklinik in Großhadern, München: „Es ist nicht so leicht, Menschen dazu zu motivieren, regelmäßig bestimmte Körperübungen durchzuführen. Bei den Fünf »Tibetern« ist die Motivation erstaunlich hoch. Offenbar bewirkt die Geschichte von der „Ewigen Jugend“, auch wenn sie nicht buchstäblich geglaubt wird, bei vielen Menschen ein Gefühl der Zuversicht und den Impuls, etwas für die Gesundheit zu tun.“
In Kelders Geschichte gelangt ein britischer Offizier in das geheimnisvolle Shangrila und wird dort von den tibetischen Mönchen in die Kunst der Verjüngung eingeweiht. Bestimmte einfache Yogaübungen, regelmäßig ausgeführt, dazu die richtige Ernährung und innere Einstellung, wirken wie das Elixier des ewigen Lebens. In Deutschland wurde Kelders Vorschlag, einen Verein zur Verjüngung zu gründen, ernst genommen. Tausende haben an Trainingskursen teilgenommen, Hunderte von Trainern sind im Rahmen des Dachverbandes der Fünf »Tibeter« e.V. nach wie vor im Einsatz.
In zweierlei Hinsicht kehrt diese aktuelle Adaption des Jungbrunnenmythos zu ihren geschichtlichen Quellen zurück: Sehr wahrscheinlich bezieht sich der Alexanderroman auf indische Quellen des Yoga und Ayurveda. Das heißt: Wer jung und gesund bleiben möchte, muss die Yoga-Sadhanas machen, sich innerlich neu orientieren und richtig ernähren. Diesen Punkt der Selbstverantwortung hat Kelder in den Mythos neu eingebracht. Doch auch das Element Wasser erhält in manch einem Kelder-Nachfolgebuch seinen Jungbrunnenaspekt. Der Schweizer Tibeter-Trainer und Buchautor Arnold Lanz befasst sich mit dem tibetischen Volk der Hunza, wo es erstaunlich viele Überhundertjährige gibt. Einer der Schlüssel zu diesem Geheimnis soll das besonders reine Quellwasser sein, das die Hunza täglich in großen Mengen trinken.
2 Heutige Altersmedizin
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