Nahtoderfahrungen: Reisen in das innere Land

Nahtoderfahrungen: Reisen in das innere Land

In der Nähe des Todes haben viele Menschen das Gefühl, ihren Körper zu verlassen und jenseitige Landschaften wahrzunehmen. Sind diese Visionen besondere Träume oder verweisen sie auf eine andere Wirklichkeit? In einem überaus spannenden Buch geht der Journalist Joachim Faulstich diesen Fragen nach und gelangt dabei zu interessanten Erkenntnissen.

Unterliegen Jenseitsberichte nicht unbewussten Manipulationen? Oder anders gefragt, wie unterscheidet man Halluzinationen von der Wirklichkeit?

Diese Frage habe ich mir natürlich gestellt. Es könnte ja sein, allein aufgrund der Tatsache, dass es inzwischen eine weit gefächerte Literatur zu dem Thema gibt, dass die Menschen sich Sachen einbilden oder nur deshalb dasselbe zu sehen glauben, weil sie irgendwo davon gelesen haben, dass andere auch diese Erfahrung gemacht haben. Deshalb habe ich versucht Menschen zu finden, die diese Erlebnisse zu einer Zeit hatten, als es noch keine ausführliche Literatur dazu gab.

Wie präsent bleiben die Erinnerungen an solche Erlebnisse im späteren Leben?

Aus den Gesprächen, die ich geführt habe, weiß ich, dass in dem Moment, in dem man diese Erfahrung macht, die Bilder von einer ganz großen Klarheit sind. Man nennt das Hypermnesie. Das heißt, etwas bleibt besser im Gedächtnis als normale Alltagserlebnisse. Die Erinnerung daran bleibt sehr lange präsent. Ich habe aber auch einen Fall gefunden, der einen Autounfall hatte und deutlich sehen konnte, was die Ärzte im Notarztwagen gemacht haben. Die den Wagen dann anhielten, weil eine Weiterfahrt zu gefährlich gewesen wäre. Er konnte draußen Balkone erkennen. Als er später im Krankenhaus aufwachte, konnte er sich an nichts mehr erinnern. Weder an diese Erfahrung noch an den Unfall selbst. Ein Neurologe begann mit ihm zu arbeiten und das erste, an das er sich wieder erinnern konnte, waren diese Balkone und die Situation im Rettungswagen. Der Neurologe meinte, das hätte er gar nicht sehen können, schließlich wäre er da bewusstlos gewesen. Der Notarzt bestätigte jedoch später die Geschichte und auch, dass der Patient die Balkone optisch gar nicht hätte wahrnehmen können, weil sein Kopf in der anderen Richtung lag.

Im Moment einer Nahtoderfahrung sind die Bilder von einer ganz großen Klarheit

Zeit und emotionale Wertungen scheinen bei Jenseitserfahrungen aufgehoben zu sein?

Man verliert das Zeitgefühl in jeder Beziehung, das heißt, es kann alles sehr lange scheinen oder extrem kurz. Meistens ist der Zeitraum des komatösen Zustandes oder der Bewusstlosigkeit gar nicht so lang, aber vom Gefühl her spielen sich in dieser Zeit lange Geschichten ab. Das kennt man auch aus Träumen. Man kann in relativ kurzen Traumphasen sehr lange Geschichten erleben.

Die Tatsache, dass sich das Zeitempfinden verschiebt, ist außerdem typisch für alle Trancezustände. Die Zeit hat eine ganz andere Dimension als man sie im Wachbewusstsein erlebt. Bei einer Nahtoderfahrung ist es dann noch viel extremer. Wie überhaupt jede Erfahrung in diesem Zustand extremer ist. Ich glaube, dass die Grenzen fließend sind. Wir können vom Wachbewusstsein langsam eine Ebene tiefer gehen und wir sind im Trancezustand, gehen wir noch eine Ebene weiter nach unten, erleben wir eine Nahtoderfahrung.

Warum werden Ängste vor der Trennung von Körper und Bewusstsein so selten thematisiert?

Dazu ein Beispiel. Die Universität Konstanz hat vor ein paar Jahren eine Untersuchung zum Thema Nahtoderfahrungen durchgeführt. Dafür haben sie eine repräsentative Befragung durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass die Erfahrungen von DDR-Bürgern eher negativ gefärbt waren, im Gegensatz zu den westlichen Befragten. Unter genauerer Betrachtung haben die Leute genau das Gleiche berichtet, dass sie über den Körper schwebten oder ähnliches. Aber sie haben dieses Über-dem-Körperschweben nicht als angenehm, sondern als beängstigend empfunden. Meine Erklärung dafür wäre: Es ist ganz klar, wenn ich im Vorfeld weiß, es gibt im Leben nichts, und dann passiert mir so etwas, sage ich – okay, ich sterbe. Das macht natürlich Angst und dann ist das Schweben mit dem Gedanken verbunden: „Ich will zurück in meinen Körper. Nur schnell hier weg.“

Im Westen ist der Glaube verbreiteter, dass etwas nach dem Tod kommt. Solche Menschen können diese Erfahrung unter Umständen mehr genießen, oder sie empfinden zumindest keine Angst. Im Grunde haben die Menschen in Ost und West dasselbe gesehen, sie haben es nur unterschiedlich bewertet.

Gibt es Erkenntnisse darüber, ob die Jenseitserfahrungen einen Menschen verändern?

Dazu gibt es ganz klare Erkenntnisse. Es gibt eine Studie von Wilhelm von Lommel, der an mehreren Herzkliniken in Arnheim/Niederlande Patienten interviewt hat, die einen Herzstillstand hatten und wieder belebt wurden, ob sie eine Nahtoderfahrung hatten oder nicht. 18 % der Leute, die sie zurückgeholt haben, hatten eine Nahtoderfahrung, 82 % nicht. Das ist eine interessante Erkenntnis, weil man in den retrospektiven Studien davon ausging, dass 20 bis 30 % eine Nahtoderfahrung haben und der Rest eben nicht. Nun ist es nur eine von vielen Studien und man kann nicht sagen, damit ist belegt, dass nur wenige Leute diese Erfahrung haben.

Die eben genannten 18 % wurden über mehrere Jahre immer wieder befragt, wie sich ihr Leben so verändert, und es war ganz klar – andere Studien bestätigen das ebenfalls –, dass sich für diese Menschen ihr Leben verändert hat. Sie haben weniger, bis gar keine Angst mehr vor dem Tod, sie achten das Leben höher als früher, sie sehen es als etwas außerordentlich Wertvolles und sie fühlen sich mehr an das Leben gebunden als vorher. Allerdings nicht im Sinne von: „Ich habe Angst, dass ich es verliere“, sondern dass es sich dabei um etwas sehr Wertvolles handelt, das genutzt werden muss. Diese Menschen haben beispielsweise auch eine wesentlich stärkere Hinwendung zur Natur als früher. Sie haben sich in dem Punkt völlig verändert.

Wir können vom Wachbewusstsein langsam eine Ebene tiefer gehen und wir sind im Trancezustand; gehen wir noch eine Ebene weiter nach unten, erleben wir eine Nahtoderfahrung.

Kann es sein, dass die Wertung dieser Erfahrung von der Einstellung der Person abhängt? In Ihrem Buch habe ich gelesen, dass Sterbebettvisionen von Menschen, die im Leben bestimmten Glaubensgrundsätzen einer Religionsgemeinschaft folgen, Grundlegenden und Überzeugungen nicht bestätigt fanden. Was bedeutet das für ihren Glauben?

Wenn man strenggläubiger Christ oder Moslem ist, oder welcher Religion man auch immer angehört, ist es unheimlich verwirrend, dass die Erfahrungen nicht mit den Glaubensvorstellungen übereinstimmen. Das hat diese Menschen meist geängstigt. Wobei es umgekehrt sein kann, dass man eine Erfahrung macht und die abgeglichen wird mit Bildern, die man im Gedächtnis gespeichert hat und die zu den jeweiligen Glaubensvorstellungen passen. Man kann beispielsweise sagen, ich habe mit Jesus gesprochen, und man hat tatsächlich eine Lichterfahrung gemacht. Doch für die Person war völlig klar, das ist Jesus oder Gott.

Ein Moslem würde vielleicht sagen, mir ist Allah begegnet oder sein Prophet. Muslime machen sich ja normalerweise kein Bild von Allah, was möglicherweise dazu führt, dass sie weniger verwirrt sind, wenn sie eine Lichterfahrung machen. Christen machen sich jedoch ein Bild und erwarten demzufolge ein Bild, das sie aus einem Buch oder von Gemälden kennen. Wenn das nicht übereinstimmt, macht ihnen das Angst. Weil das, was sie erleben so ganz anders ist, als sie es sich vorgestellt haben. Allerdings, die meisten Menschen, die so eine Erfahrung gemacht haben, hatten keine Probleme, weil sie einfach das Göttliche im Moment spüren.

Hinterher ändert sich jedoch ihre Einstellung zu ihrer Religion. Sie können nicht mehr so einfach dem folgen, was sie in der Religion erfahren oder lernen, weil sie sagen, ich habe einen Blick in die Richtung geworfen, in die es später geht, und irgendwie ist Gott völlig anders. Demzufolge ist das Jüngste Gericht keine Strafaktion, sondern vielmehr ein Miterleben, was man bis dahin gemacht hat. Und zwar ohne dass jemand sagt, du hast dir jetzt soundso viele Plus- oder Minuspunkte eingehandelt.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Claudia Hötzendorfer

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