Teil 1: Willigis Jäger über die Bedeutung der Mystik für uns heute
IM BENEDIKTUSHOF
Seit unserer ersten Begegnung vor zehn Jahren anlässlich eines Interviews in München haben wir uns immer wieder getroffen. Damals schenkte mir Willigis Jäger eine große rote Rose, und ich fühlte mich nach dem langen Gespräch wunderbar beflügelt. Irgendwie – so schien mir – hatte er mich in sein Herz geschlossen. Nun besuche ich ihn zum ersten Mal im Benediktushof, in seinem Domizil, „seinem Kloster“ in dem kleinen Ort Holzkirchen bei Würzburg. Das ehemalige Benediktinerkloster ist beeindruckend groß, es scheint die Hälfte des Dorfes auszumachen, liegt zugleich aber auch gleichsam abgeschieden im Tal. Die runde Kuppel der Kirche dominiert visuell das Klostergelände mit seinen vielen Gebäuden, das durch ein lebhaft sprudelndes Flüsschen von dem Dorf getrennt ist. Auf der Website zum Benediktushof heißt es: „Als Seminar- und Tagungszentrum bietet er ein breites Spektrum an Kursen und Veranstaltungen mit einem spirituellen, religiösen Hintergrund, daneben Management- und Führungskräfte-Seminare sowie Tagungen zu Themen der Philosophie, Theologie, Psychologie und Naturwissenschaften. Der Benediktushof vermittelt eine integrale Spiritualität. Er ist keine konfessionsgebundene Institution, sondern ein Haus, das allen Suchenden eine Heimat bieten möchte. Durch die spirituelle Arbeit von Willigis Jäger entwickelte sich der Benediktushof zu einem der bekanntesten und größten Zentren dieser Art in Europa.“
Tatsächlich finden hier pro Jahr fast 3000 Veranstaltungen statt. Ich fahre mit dem Auto über die Brücke, den anscheinend einzigen Zugang zum Klostergelände. Alles liegt unter einer dicken Schneedecke an diesem Dienstag Nachmittag Ende Januar. Zunächst frage ich im Café, das die Besucher gleich hinter der Brücke empfängt, wo ich Willigis finden könne. Zugleich will ich mich hier aber auch mit dem spirituellen Lehrer Christian Meyer und dem Astrologen Karl Georg Breit treffen, die zum Austausch mit Willigis hierher gekommen sind. Und so treffe ich zunächst auf diese beiden, die mich im Haupthaus empfangen und mir im riesigen Speisesaal Kaffee und Kuchen anbieten.
GESCHICHTE
Wir ziehen uns über steinerne Wendeltreppen in die Bibliothek zurück. Die Stufen sind von den Schritten zahlloser Menschen über die Jahrhunderte vor allem an den äußeren Seiten tief eingebogen – innen, am Zentrum der Wendeltreppe, gehen offensichtlich nur Wenige. Christian Meyer und Karl Georg Breit hatten bereits mit Willigis und Alexander Poraj gesprochen, der gemeinsam mit Doris Zölls als sein offizieller Nachfolger gilt. Schon bald kam Willigis herein, begrüßte mich herzlich und sagte, er sei in seinem Zimmer, wenn wir ihn bräuchten. Nach meinem Interview mit Christian Meyer, wo es um bestimmte Methoden des Erwachens geht (es erscheint demnächst auch in VISIONEN), bat ich Willigis, sich uns aus seinem Arbeitszimmer, das mit Büchern wohl ebenso prall gefüllt ist wie die Bibliothek, zu einem Gespräch zuzugesellen. Ich habe ihn oft wegen seiner unglaublichen Energie bewundert – wie er etwa auf den Sommer-Akademien in Hombroich eine ganze Nacht hindurch Rituale anleiten und um 7 Uhr gleich wieder das Tagesprogramm weiter mitgestalten konnte. Nun erscheint er mir viel feiner, auch gebrechlicher. Doch wie er lacht mit seinen hellen blauen Augen in dem spaniengebräunten Gesicht! Alterslos.
Lachend und freimütig wie ein Kind erzählt er von der aktuellen Situation hier und kommt dann auf die Geschichte des Benediktushofs zu sprechen: „Das gehört ja nicht uns, sondern Frau Gruber, die acht Millionen in den Ausbau investiert hat, Zimmer sind noch frei.“ Und er kommt auf die Geschichte des Benediktushofs zu sprechen: „Diese Benediktiner-Abtei ist mehr als 1200 Jahre alt. Die irischen Mönche haben damals versucht, die Deutschen zu bekehren. Ist ihnen ja wohl auch gelungen. Der Bonifatius (um 672-754) ist in Fulda beerdigt, die heilige Lioba (um 710-782) liegt in Tauberbischofsheim. Das war eine Linie damals. Doch das Kloster kam nie wirklich zur Blüte. In den Bauernkriegen wurden viele Mönche umgebracht, dann im 30-jährigen Krieg. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden durch Napoleons Einfluss alle bayerischen Klöster säkularisiert, und jetzt ist es wieder entstanden.“
„Die spirituellen Wege führen uns aus unserer Personalität und unserer engen rationalen Sicht heraus.“
Willigis Jäger
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