Aufwachen und ausbrechen!
Leben lernen nach Gurdjieff
Georg Iwanowitsch Gurdjieff (1866-1949) hatte die transformierende Suche nach dem wahren, voll erwachten Menschen zu seinem Anliegen gemacht. Die Menschen sind blind für das, was wirklich ist, hatte er festgestellt. Sie gehen schlafwandelnd durchs Leben, ihr Denken und Handeln laufen weitgehend automatenhaft, vorprogrammiert ab. Sie sind nicht wirklich Herren ihrer selbst, sind nicht wirklich präsent an ihrem aktuellen Platz im Leben. Sie schlafen, merken es aber nicht. Deshalb verstand sich und betätigte sich Gurdjieff als unbequemer „Wachrüttler“.
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt der Volksmund. Wie wahr! Unsere Wahrnehmungen, Gefühle, Gedanken und Reaktionen hinterlassen Spuren nicht nur im Bewusstsein, sondern auch in unserem Gehirn. Das Gehirn arbeitet, wie die aktuelle Hirnforschung zeigt, äußerst rationell: Neue Reize werden, wenn sie nicht mit voller Aufmerksamkeit und Neugier aufgenommen werden, automatisch vom Gehirn in Bezug gesetzt zu früheren Reizen mit oberflächlich ähnlichem Muster und in die bereits bestehende neuronale Schublade gepackt, statt den Aufbau neuer neuronaler Vernetzungen anzustoßen. Wie der Psychologe Daniel J. Siegel in Das achtsame Gehirn (Arbor, 2007) einleuchtend zeigt, liegt es in unserer Hand zu entscheiden, ob unser Gehirn andauernd auf Sparflamme arbeitet und lediglich bereits angelegte neuronale Strukturen nutzt oder durch die Praxis des achtsamen Gewahrseins differenzierter zu arbeiten und zu wachsen lernt. Das kreative Potenzial des Gehirns ist also gegeben, und wir sind in Bezug auf unsere Wahrnehmungen und Reaktionen nicht zwingend festgelegt auf einmal angelegte Gehirnstrukturen; aber um „aufzuwachen“ und die Fülle des Lebens in voller Tiefe und Intensität zu erfahren, ist es notwendig, unser Bewusstsein optimal zu nutzen.
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