„Der Angst in sich das Große zeigen“
Erhard F. Freitag über Wege in ein selbstbestimmtes Leben
Warum leiden so viele Menschen unter ausgeprägter Angst vor dem Leben und ergeben sich scheinbar widerstandslos in ihr Schicksal?
Vielen Menschen wird immer noch die Demut vor dem eigenen Schicksal als allein selig machend eingetrichtert. Im Volksmund heißt es „den Dingen ihren Lauf lassen“ oder „es kann nur besser werden“. Diese Worte richten sich an einen großen Unbekannten, der irgendwann die „Erlösung“ bringt. Diese Menschen haben meist nicht die Kraft oder den Mut, etwas für sich zu tun und das Leben in die eigenen Hände zu nehmen.
Das Gesetz von Ursache und Wirkung hat längst noch nicht wirklich in den Gemütern der Allgemeinheit Einlass gefunden. Blinder Optimismus herrscht vor und löst bei jenen ein unaufhörliches Zurechtbiegen ihres Weltbildes aus. In der naiven Hoffnung auf ein besseres Leben ist das nur bequem und entbindet zum Glück auch von jeglicher Eigenverantwortung.
Was können Menschen tun, denen der Mut fehlt, ihr Leben eigenständig zu gestalten?
Zunächst ist es wichtig, damit aufzuhören, auf das eigene Heil zu warten, denn es ist schon da. Das eigene Leben ist wie ein Zuhause – es will genossen werden. Es ist die ausführende Instanz in der so genannten Werkstatt unseres Geistes, die abwägt, wenn zwei oder gar mehrere „Meinungen“ zu einem Sachverhalt existieren. Immer ist es die Meinung, an die wir bewusst oder unbewusst glauben, die letztlich unsere Lebensqualität bestimmt. Die stärkere von zwei Meinungen setzt sich stets durch.
Wir müssen uns täglich neu entscheiden, ob wir beseelt und zufrieden “Berge versetzen“ wollen oder aber unserem Unglücklichsein den Vortritt lassen.
Zweifeln Sie denn nie, Herr Freitag?
Nein. Wie uns allen, ist mir der Begriff „ Zweifel“ natürlich nicht fremd. Ich gehe aber anders damit um. Viele erkennen nicht, dass damit im tieferen Sinne zwei Dinge gleichzeitig wirksam werden. Wir glauben nämlich, dass zweierlei möglich ist: Es geht gut, was ich mir wünsche, und zugleich, es geht nicht gut. Zweifel kommen also in unser Gemüt, wenn wir an zwei Versionen glauben. Wenn also tief in uns verborgen, zwei Meinungen zu einer Sache existieren, dann bedeutet das, zwei konträren Möglichkeiten Raum zu geben. Etwas zu glauben und zugleich das Gegenteil zu befürchten bedeutet, die innere Kraft zu neutralisieren und äußeren Einflüssen dann den Ausgang der Situation zu überlassen. Oder aber nicht der Wunsch, sondern unsere stärkere Vorstellung wird durch unseren Glauben verwirklicht werden. Und das ist oftmals eben die Befürchtung, dass es schief geht. Ich habe mir schon lange abgewöhnt zu zweifeln.
Wie kann man damit aufhören?
Wesentlich ist, sich eine klare Vorstellung davon zu machen, was man im Leben will und welche Rolle man darin spielen möchte. Wenn man seinen Geist auf diese wesentliche Sicht der Dinge fokussiert, wird jeder früher oder später zu jenen gehören, die den „Lauf“ der Dinge selbst bestimmen. Dabei ist es auch von Bedeutung, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen.
Nelson Mandela sagte einmal: „Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir einer Sache nicht gewachsen sind. Wir haben Angst, weil wir unermesslich mächtig sind.“ Das bringt es auf den Punkt, denn es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit. Wir fragen uns, wer bin ich denn, dass ich leuchtend, hinreißend, begnadet und phantastisch sein darf? Wer sich klein macht, dient weder sich noch der Welt. Darum ist es höchste Zeit, der Angst in sich das Große zu zeigen.
Herr Freitag, wir bedanken uns für das Gespräch.

