Die romantische Liebe ist eine Fiktion
Im Gespräch mit Richard David Precht
Richard David Precht (Portaitfoto von Jens Komossa)
In Ihrem aktuellen Buch vertreten Sie die These, dass die Liebe entwicklungsgeschichtlich unnötig ist. Dass die Menschheit nicht dank ihr, sondern trotzdem zu dem wurde, was sie ist. Leistet sich die Natur da gewissermaßen einen Luxus?
Ja. Es ist ein Luxus der Natur, allerdings genauso wie beispielsweise die Religion oder die Kunst. Auch die sind nicht für ein Überleben notwendig. Man kann sagen, alles Schöne und Große kommt ins menschliche Leben, wenn es nicht überlebensnotwendig ist. Dieser Luxus ist psychologisch unverzichtbar, aber evolutionsgeschichtlich unnötig. Es bringt einem Affen keinen Überlebensvorteil, wenn er an Gott glauben kann. Ich meine auch nicht, dass es einen Überlebensvorteil gebracht hat, dass sich Männchen und Weibchen ineinander verlieben konnten oder gelegentlich sogar Männchen in Männchen und Weibchen in Weibchen.
Kunst und Religion als Luxus. Besonders letztere gibt den Menschen Halt, neuerdings vor allem die östlichen Ausrichtungen. Also ein notwendiger Luxus oder verzichtbar?
Psychologisch auf jeden Fall notwendig. Ein Leben ohne wäre ein sehr großes Problem.
In Ihrem Buch habe ich folgenden Satz gelesen: „Es geht in der Liebe darum, sich als Ganzes zu erfahren.“ Heißt das, unser Partner ergänzt im günstigsten Fall unser Selbstbild?
Ja, und zwar so, dass er mir zumindest den Eindruck vermittelt, etwas wert zu sein. Nicht weil ich irgendwas kann oder weil ich schöne blaue Augen habe, sondern als gesamter Mensch. Jemand, der das ganze Paket abnimmt, das wir darstellen.
Liebe ist ein Konzept, kein Gefühl.
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