Vom sanften Umgang mit Pferden
Mensch und Tier - eine besondere Beziehung
Verändert die Arbeit mit Pferden einen Menschen?
Ja. Man entwickelt eine andere Lebensphilosophie, in der Gewalt keinen Platz mehr hat. Damit meine ich nicht unbedingt ausschließlich die körperliche Gewalt, sondern vielmehr die Aggression, die oft im Umgang mit einem Tier eingesetzt wird, wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht – wenn man glaubt, gleich explodieren zu müssen vor überschäumender Wut, die eine Situation dann irgendwann eskalieren lässt. Das habe ich früher häufig empfunden. Ich hatte eine sehr geringe Reizschwelle. Das hat sich absolut verändert. Ich versuche nun zu vermitteln, wenn das Gegenüber mich nicht versteht, und ich suche die Schuld nicht mehr bei anderen. Stattdessen bemühe ich mich, meine Botschaft besser verständlich zu machen, indem ich einen neuen Weg einschlage. Das verändert einen mit der Zeit. Man verliert nicht mehr so viel Energie dadurch, dass man in dieser Wut feststeckt.
Wenn man Sie bei der Arbeit beobachtet, fällt als erstes auf, wie konzentriert Sie bei der Sache sind; es gibt nur Sie und das Pferd. Was tun Sie, wenn Sie merken, dass Sie mit Ihren Gedanken woanders sind?
Wenn ich mal in einer Situation nervös werde,´versuche ich einen anderen Weg einzuschlagen, der mir erlaubt, die Situation ruhiger zu meistern. Diese Rückbesinnung auf die Ruhe ist dann auch besser und erfolgreicher fürs Pferd. Nehmen wir einmal das Beispiel eines scheuen Arabers. Mit so einem Pferd gehe ich nicht ins Round Pen (Anmerkung: ein durch Gitterelemente begrenzter großer Kreis), um gleich einen Reiter draufzusetzen, wenn das Pferd sehr nervös ist. Denn man kommt schnell in eine Gefahrensituation. In solchen Momenten habe ich kein Problem damit zu sagen, ich wollte zwar ursprünglich einen Menschen draufsetzen, aber nun ändere ich diesen Plan. Ich mache dafür vielleicht erst einmal nur aus Baumwolle genähte Beine an den Sattel oder finde eine andere Lösung. Ich versuche immer den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, der es mir erlaubt stress- und angstfrei zu arbeiten. Damit gebe ich dem Pferd die gleiche Möglichkeit. Deshalb verschwindet anfängliche Nervosität sehr schnell aus diesem Szenario. Wenn ich an einem Pferd arbeite und mein Kopf noch angefüllt mit anderen Gedanken ist, verändert sich das in dem Moment, in dem das Tier neben mir steht und ich in den Dialog mit ihm trete.
Kommuniziert man anders mit Menschen, weil man um die Wirkung der Körpersprache weiß?
Ja. Wenn ich arbeite, verschwindet alles um mich herum, und es gibt nur das Pferd und mich. Dabei muss man einfach voll konzentriert sein, und das geht nur, wenn man das gesamte Szenario drum herum eliminiert. Nur der Dialog mit dem Pferd spielt eine Rolle. Viele haben mich eine zeitlang als arrogant bezeichnet. Wenn ich mit einem Pferd kommuniziere, kann ich mich nicht mit jemand anderem unterhalten. Ruft mir jemand dabei etwas zu, ist es so, als würde ich in einem angeregten Gespräch unterbrochen. Unterhält man sich mit einem Menschen, unterbricht man ja auch nicht gleich die Unterhaltung, sondern lässt die Person erst ausreden und fragte dann: „Entschuldigung, hast du gleich mal eine Minute?“ Dann kann man sagen: „Später.“ Wenn der andere aber gleich los plaudert, kann ich darauf nicht reagieren, weil ich beschäftigt bin.
Dieses Bewusstsein haben viele Menschen nicht, wenn sie mit einem Pferd arbeiten. Wenn ein anderer dazukommt, unterhalten sie sich gleich. Ich aber sage in diesen Situationen: „Moment – ich bin bereits in einer Unterhaltung, sie ist für dich nur nicht so offensichtlich.“ Das habe ich mir auch im Umgang mit Menschen angewöhnt. So wie ich mit Ihnen jetzt im Gespräch bin, spielt es keine Rolle für mich, wie viele Termine noch auf mich warten oder wie vorangegangene Interviews verlaufen sind. Ich konzentriere mich ganz auf den Moment.
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