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Vorsicht, Überförderung

Vorsicht, Überförderung

Was Kinder wirklich kreativ und glücklich macht

Gute Eltern wollen ihren Kindern alles bieten, was sie zu ihrer kreativen Entwicklung brauchen: „Yoga für Kids“, Musikunterricht, Ausdrucksmalen, Theatergruppe... Dabei stülpen sie ihnen oft ihre eigenen Vorstellungen über. In der Regel bringt es mehr, Kinder im ganz normalen Alltag in ihrer natürlichen Entdeckungs- und Experimentierfreude zu unterstützen und anteilnehmend zu begleiten.

Gute Eltern wollen ihren Kindern alles bieten, was sie zu ihrer kreativen Entwicklung brauchen: „Yoga für Kids“, Musikunterricht, Ausdrucksmalen, Theatergruppe... Dabei stülpen sie ihnen oft ihre eigenen Vorstellungen über. In der Regel bringt es mehr, Kinder im ganz normalen Alltag in ihrer natürlichen Entdeckungs- und Experimentierfreude zu unterstützen und anteilnehmend zu begleiten.

Der kreativen Vollendung entgegen

Wir wollen den Kindern alles gönnen, was sie zu ihrer kreativen Entwicklung benötigen! So wird die gute Mutter oder der gute Vater (bleiben wir, der Erziehungs-häufigkeit halber, bei der Mutter) ihr Kind im benzinsparenden Kleinwagen zum „Yoga für Kids“ fahren und es, nachdem sie inzwischen im Bioladen Dinkelsprossen und Vollkornreiswaffeln eingekauft hat, in die Geigenstunde bringen – natürlich ist die Viertelgeige mit reinem kinderfreundlichen Bienenwachs poliert. Nach einigen zwischenzeitlich beim Biofeedback besprochenen Anzeichen von retardierenden Verhaltensweisen, die von der Spielgruppenleiterin in der Elternrunde eingebracht wurden, drängt sich – natürlich in Absprache mit dem leiblichen Vater, der die Stunden auch gerne bezahlt – einmal wöchentlich eine Stunde Ausdrucksmalen auf, welche die (kreative) Entwicklung des Kindes positiv beeinflussen wird, zumal der Homöopath mit einigen Kügelchen Konstitutionsmittel nachhaltige Rückendeckung bietet, potenziert durch die täglichen zwanzig phytotherapeutischen Heilstropfen gegen allfällige Hautrötung. (Nein, das Kind war nicht krank! Warum fragen Sie?)

Unsere Förderung ist für Kinder keine Hilfe, wenn sie nur unsere Vorgaben kopieren sollen. Kinder sind dazu angelegt, selber zu experimentieren.
-Heinrich Jacoby

So schreitet die Entwicklung des Kindes – der Besuch der theaterpädagogischen Freizeitgruppe sei noch nachgetragen – der kreativen Vollendung entgegen, was die Aufstellung nach Hellinger vollumfänglich bestätigt. Einzig dadurch, dass die Wahl zwischen der Rhythmikstunde und dem Judokurs zugunsten der ersteren einige partnerschaftlich-demokratisch-pädagogische Überzeugungsgespräche gekostet hatte, bevor sie mit einem transaktionsanalytischen Vertrag gegenseitig besiegelt werden konnte, nagen in der guten Mutter (der gute Hausmann sei mit eingeschlossen) doch einige vom Brustmeridian ausstrahlende Yin-Zweifel, ob die erwählten Interaktionen wirklich in vollem Umfange montessorikompatibel gewesen seien.

Die „Gute Eltern“-Falle

Worauf die gute Mutter auf Grund des Ratschlages der Fußreflexamazone von Hellinger zur Psychodramagruppe nach Moreno wechselt, wo sie – nachdem sie in erschöpfender Ausdauer auf den zum Kissen mutierten Großvater eingedroschen hat – in einem Rollenspiel in der Rolle ihres Kindes plötzlich laut und anhaltend NEIN! schreit. NEIN SO NICHT! ICH WILL DAS ALLES NICHT! Was die gute Mutter (unter mitfühlender Anteilnahme des per Handy herbeigeeilten leiblichen Vaters) in eine tiefe Verwirrung stürzt, wodurch sie – gut, dass der Patchworkvater inzwischen das Kind von der Mathenachhilfestunde abgeholt hat – ziellos durch die Gassen rennt. Verfolgt von ihrem Kind, den Handys der Väter und im Nacken von einem alten Weiblein, das sie an den Haaren zupft und krächzt: „Warum hast du nie auf mich gehört, ich habe es dir immer gesagt, wie du es machen sollst, aber du wolltest ja nicht hören, jetzt hast du es.“ – „N E I N!“, schreit jetzt die gute Mutter wieder laut auf und stößt in diesem Augenblick mit einem älteren buckligen Männlein zusammen. “Guten Tag“, sagt das Männlein, „wohin so eilig?“ – „Ach“, klagt die gute Mutter, „mein Kind will nicht so, als ich wohl will! Aber“, fragt sie zögernd, als sie um sich schaut und nur weiten Himmel und Wolken sieht, „ich bin doch nicht tot?“ – „Sind Sie da so sicher?“, fragt das Männlein zurück. Da weint die gute Mutter bitterlich. „Wie soll mein Kind ohne meine Hilfe kreativ aufwachsen?“

Weniger ist mehr

So vergehen Wochen und Tage. Nach geraumer Zeit fragt das Männlein, was sie denn am meisten vermisse. „Am Tisch sitzen und Milchreis mit Zimt und Apfelmus essen, zusammen mit meinem Kind“, sagt die gute Mutter. „Ich würde so gerne Zeit mit meinem Kind verbringen.“ Sie legt sich auf eine weiche Wolke und schläft traurig ein. Eine helle Stimme weckt sie. „Mamma, Mamma! – Sie ist wieder wach“, ruft die helle Stimme. Und die gute Mutter sieht in die glücklichen Augen ihres Kindes. Sie umarmen sich herzlich, und von nun an spielen sie zusammen Tennis, rechnen die Hausaufgaben durch, malen ein Bild, gehen zusammen ins Judo, oder das Kind spielt für sich allein oder mit seinen Gespänlein. So leben sie glücklich und zufrieden, bis das Kind groß wird. Vielleicht nicht ganz so kreativ, was denn auch in der Biofeedbackrunde in sorgenvollen Ausführungen zur Kenntnis genommen wird. Aber das kümmert die gute Mutter nicht, denn sie ist ja nicht mehr dabei. Und die Moral von der Geschicht: Störe meine Kreise nicht.

Hilfe, die keine ist

Wir sollten aufmerksam sein, wie weit wir eigene Vorstellungen von Kreativität und Entwicklung auf Kinder überstülpen. Wir Erwachsene – mittlerweile altersgemäß auf Stabilität, auf Wiederholen und Abrufen von Vertrautem und Gelerntem ausgerichtet – haben einen anderen Blickwinkel in Bezug auf Entfaltung, Erneuerung oder Originalität, als ihn Kinder haben. Diese sind, ihrer Lebensphase gemäß, in stetiger Veränderung und Entwicklung begriffen. Für sie ist neugieriges Experimentieren, Entdeckungen machen nicht etwas Besonderes, sondern von Natur aus gegebener normaler und vertrauter Alltag.

„Wenn man meint, kleine Kinder „formen“ zu müssen, ist das stets der Ausdruck eines bewussten oder unbewussten Mangels an Vertrauen, dass das Kind ausreichend ausgerüstet ist. (...) Jedes kleine Kind erlebt so viel und hat eine Fülle von Widerständen und Konflikten zu bewältigen, dass es an anderen Ursachen liegen muss als an ungenügend genährter Phantasie, wenn ein Kind uns phantasielos erscheint.“ (Jacoby, S.262; s. „Zitierte Literatur“)

„Unser gut gemeintes Fördern von Kreativität ist für Kinder somit in der Regel Störung statt Hilfe, denn oft ist unsere Unterstützung verbunden mit einer klaren Zielvorstellung. Wir helfen, damit die Kinder nicht unnötig Umwege machen müssen, es’ von Anfang an richtig lernen! Wir wissen, wie ein Pferd aussieht, wie man Papierschiffchen faltet, wir geben genaue Vorgaben, die zu kopieren sind. Kinder aber sind dazu angelegt, selber zu experimentieren, selber zu erforschen.

Lernen durch „Auch-Machen“

Wie bereit sind Kinder für Ausprobieren! Kinder wollen spontan das auch probieren, was die Erwachsenen tun, und nicht – wie wir gewöhnlich meinen – nachmachen. Dazwischen besteht ein grundsätzlicher Unterschied. Es ist ein großes Missverständnis in der Kleinkinderziehung, dass man meint, das Kind „lerne“ durch Vor-Machen und Nach-Machen. Es lernt in Wirklichkeit – wenn wir hier Lernen im positiven Sinne nehmen wollen – nicht durch Nach-Machen, sondern es erarbeitet sich etwas durch den Versuch, es auch zu machen. Das ist keineswegs ein Spiel mit Worten. Dem Auch-Machen liegt ein anderes erhalten zu Grunde als dem Nach-Machen.“ (Jacoby, S.205)
Der Umweg oder die Annäherung über fehlerhafte Handlungen, über das Falsch-Machen ist dabei ein wichtiger Lernprozess. „Unser Weg baut sich aus Verlusten, die heimlich zu Gewinnen werden.” (Buber, S.25; s. „Zitierte Literatur“) Nur auf diesem Weg ist eine nachhaltige Entwicklung und Ausformung der Fähigkeit für kreative Lösungsstrategien gewährleistet.

Fruchtbar ist nicht die pädagogische Absicht, sondern die begegnende Beziehung. Nur hier können wir spüren, wohin sich das Kind entwickeln will, und es fühlt, dass wir es bestätigen, nicht beeinflussen wollen. (Martin Buber)

Von den Kindern lernen

Statt zu helfen wäre es angebrachter, hier selber von den Kindern zu lernen. Uns wieder auf diese Verhaltensqualität einzulassen: Bekanntes und Gelerntes weniger routiniert zu gestalten, sondern zu versuchen, es immer wieder neu zu erleben, es wieder zu holen statt zu wiederholen. Diese „kindliche“ Fähigkeit zu improvisieren – d. h. auf den Moment reagieren, antworten, sich auf den Moment konzentrieren zu können – birgt letztlich auch die Kompetenz, kreative und zweckmäßige Lösungen für Probleme zu finden. In diesem Sinne wird der biblische Satz „Werdet wie die Kinder!“ wohl gemeint gewesen sein.

„Wo wir als Erwachsene gefordert sind, ist da, wo Kinder ihrer Neugier, ihrem Forschungsdrang nicht nachgehen können, weil das Umfeld dazu nicht geeignet ist. Wo Chaotisches entsteht bei den selbständigen Versuchen des Kindes, hat das nie mit den Gebieten zu tun, auf denen gerade probiert wird, sondern es kommt daher, dass das Kind allgemein gestört und beunruhigt worden ist und deswegen auch kein Vertrauen mehr zu seiner inneren Führung hat.” (Jacoby, S.145)

Förderung durch Anteilnahme

„(Die Frage von Behinderungen und Krankheiten sei hier ausgeklammert. Ihr gebührt eine gesonderte Betrachtung). Die Aufgabe der Erwachsenen besteht darin, nicht einzelne Lösungswege vorzulegen, sondern ein adäquates „Setting“ zu gestalten, das eine angstfreie Atmosphäre für ungestörtes Experimentieren beinhaltet. Mit jedem unnötigen Helfen betrügen wir das Kind um Möglichkeiten seiner Entwicklung und Entfaltung. „Komm, ich will dir zeigen, wie man es machen muss!“, das ist der Beginn des Unproduktivwerdens des Kindes. In welchem Ausmaße wir dem Selbstordnenden im Kinde Vertrauen entgegen bringen dürfen, kann kaum jemand ahnen, der nicht still und offen miterlebt hat, wie ein Kind selber probiert. (...) Es handelt sich nicht um ein bloßes Laisser-faire. Es gilt zwar: Schweigen! Aber als warmer, interessierter Mensch anwesend zu sein, da zu sein!“ (Jacoby, S.145f.) Denn, wie Buber (S.71) sagt, fruchtbar ist nicht die pädagogische Absicht, sondern die pädagogische Begegnung.

„Allein in einer begegnenden Beziehung können wir nachspüren, wo sich das Kind hin entwickeln, womit es sich beschäftigen will. Es fühlt, dass es diesem Menschen vertrauen darf; dass dieser Mensch nicht ein Geschäft an ihm betreibt, sondern an seinem Leben teilnimmt; dass er es bestätigt, ehe er es beeinflussen will. Und so lernt es fragen.“ (Buber, S.70)

Fragen oder etwas „auch“ tun, das wir tun, kann das Kind aber nur, wenn wir mit ihm zusammen sind und eine Konstanz dieser Beziehung anbieten, d. h. auch, eine gemeinsame Zeit mit ihm verbringen: das Leben gemeinsam (er-)leben. Dann besteht die gewünschte Förderung und Prägung nicht aus Theorien und Projektionen, sondern aus Anteilnahme, aus einer Auswahl des Seins, in der es um den ganzen Menschen geht, und zwar um den ganzen Menschen sowohl seiner gegenwärtigen Tatsächlichkeit nach, als auch nach dem, was aus ihm werden kann.

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