DER INNERE GESANG

DER INNERE GESANG

Die Münchnerin Amrit Stein hat gemeinsam mit Tsering Topten Nelung eine tief bewegende CD mit tibetischen Dharma-Gesängen aufgenommen. Wie sie sich dieser Aufgabe genähert hat, verrät Amrit Stein im nachstehenden Interview.

Sie haben lange in Indien gelebt und sind dort zum tibetischen Buddhismus gekommen. Was fasziniert Sie daran?

Mich haben die Menschen fasziniert: die Lamas und Rinpoches, die den Buddhismus praktizieren, die eine ganz bestimmte Ausstrahlung haben, Herzenswärme, liebende Güte und eine Losgelöstheit ausstrahlen. Das hat mich neugierig gemacht. Erstmals in Kontakt mit den Ritualen und der Praxis gekommen bin ich 1979 in Santiniketan/West Bengalen. Ich lebte bei der Familie von Chimed Rigdzin Rinpoche, einem verwirklichten Meister, und studierte indischen Tanz. Aber meine Beziehung zum tibetischen Buddhismus hat sich erst im Laufe der Jahre entwickelt. Es war ein wirklich sehr langer Weg. Vor zehn Jahren traf ich dann einen alten tibetischen Meister in München, und mit dieser Begegnung keimte die Saat, die damals in Santiniketan gelegt worden war.

Sie haben für ihre CD Klangjuwelen der großen Freude tibetische Gesänge aufgenommen. Wie haben Sie sich dieser Musik genähert?

Ich habe als Kind schon immer gern gesungen und getextet. Wie viele Dinge in meinem Leben ist diese Affinität, zu komponieren und mit dem Klang zu spielen, über lange Zeit in mir gereift. Meine 14 Jahre in Asien haben mein Ohr an diese fremden Melodien gewöhnt. Wenn ich einen so wunderschönen poetischen Text wie zum Beispiel Das uranfänglich reine Licht lese, stellt sich bei mir bald der Wunsch ein, dem eine Melodie zu geben. Inspiriert haben mich auch die Lieder, die ich auf meinen Reisen im Himalaja von den Yogis hörte, die frei und spontan gesungen haben.

Ich habe die Vorstellung, dass man mit der Stimme einen inneren Gesang ausdrückt und das natürliche, ungekünstelte Stimmpotenzial freilegen kann. Das heißt, wenn ich die innere Klangsäule durch meine Körperhaltung aufrichte, habe ich ein ganz bestimmtes Timbre, was ich so freilegen kann. Dabei kommt mir mein Yoga-Training sehr zur Hilfe. Ich habe begonnen, indem ich sehr viel mit dem Laut A gearbeitet habe. Ein zentraler Laut in der buddhistischen Praxis, von dem man sagt, dass er Grundlage aller Klänge ist. Das A schwingt in allen Tönen immer mit. Alle Laute und Klänge sind auf diese Weise Teil und Ausdruck des unermesslichen Raums, der sie hervorbringt. Und dieser Raum ist sehr wichtig für die Gesangspraxis – Raum im Becken, Raum im Brustkorb, Raum im Geist. Man sagt, der Ton A ist der weibliche Aspekt des Ur-Buddha.

Wie kam es zu der Idee, die CD einzuspielen?

Vor drei Jahren traf ich in Indien Pema Samrab, einen jungen tibetischen Sänger. Dadurch, dass wir gemeinsam gesungen haben, versuchte ich erstmals wirklich mit meiner Stimme in Kontakt zu kommen. Ich habe sehr diszipliniert dann jeden Tag trainiert, um über mein Körpertraining diese innere Stimme zu finden. Als ich daran ging, die Texte auszuwählen, war es schwer, dazu tibetische Instrumente einzusetzen, weil es in Tibet keine Musikkultur gibt. Es gibt dort Volksfeste, auf denen Volkslieder gesungen werden. Ansonsten rezitieren die Mönche in den Klöstern, und die Yogis singen spontan ihre Lieder. Es ist nicht so, dass man zu einem Konzert geht. Zwar gibt es eine Oper, aber mit unseren Vorstellungen im Umgang mit Musik ist das nicht vergleichbar.

Unter welchen Kriterien haben Sie die Texte ausgesucht?

Mir ist bewusst, wie groß die Verantwortung ist, Texte für eine CD zusammenzustellen, die ursprünglich nicht für derartige Aufnahmen gedacht sind. Es sind sehr traditionelle Texte, die ich übersetzt habe und bei denen ich immer wieder meine Motivation abwägte. Ich habe mich jedes Mal gefragt: Ist dieser Text sinnvoll für die CD, ist er heilsam für alle Menschen, die diesen Text hören? Das heißt, ist er nicht zu speziell, so dass er nur zu einer bestimmten Praxis gehört und nicht aus diesem Zusammenhang herausgenommen werden sollte. Ich habe versucht, in der Übersetzung so authentisch wie möglich zu bleiben. Ohne den Inhalt zu berücksichtigen, wollte ich, dass sich beim Hören Klarheit, Offenheit und Weite vermittelt wird. Qualitäten, die man in der Meditationspraxis offen legt, sollten durchschimmern.

Das Gespräch führte Claudia Hötzendorfer

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