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Lucia während der 106. Fort Worth Stock Show Parade, Texas

Buchtipps

Lucia Saint Clair Robson, Gaby Wurster
Die Schwester des Apachen
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DIE VERGANGENHEIT IST EIN FREMDES LAND

DIE VERGANGENHEIT IST EIN FREMDES LAND

Zwei Frauen, ein Thema: Indianer, ihre Geschichte und ihre Situation heute. Visionen-Redakteurin Claudia Hötzendorfer sprach mit den Autorinnen Lucia St. Clair Robson und Sylvie Winter.

Lucia St. Clair Robson ist bekannt für ihre Liebe zu starken Charakteren, denen sie biografische Romane widmet. Im Mittelpunkt stehen nicht selten Frauen, die sich in der Männerwelt des 18. Jahrhunderts behaupten mussten, in einem Amerika der blutigen Auseinandersetzungen zwischen Weißen und Indianern. Letztere verehren die Autorin für die historisch genaue und inhaltlich fesselnde Darstellung ihrer Ahnen. St. Clair Robsons neuestes Werk Die Schwester des Apachen erzählt die Geschichte von Lozen, der sagenumwobenen Schwester des Apachen-Häuptlings Victorio, die sowohl Schamanin wie Kriegerin war.

Was hat Sie an Lozen so fasziniert, dass Sie Ihr ein ganzes Buch gewidmet haben?

„Ich schreibe gern über Menschen, die etwas Unerwartetes tun. Wir erwarten von Generälen, dass sie in den Krieg ziehen, von Königen erwarten wir, dass sie regieren. Aber eine Frau – speziell eine Apache – die mit den Männern als Kriegerin reitet, das ist etwas Ungewöhnliches. Das war es, was mich an ihrer Geschichte angesprochen hat.“

Über Lozen gibt es nicht viele Quellen. Wie haben Sie recherchiert?

„Dass es so wenig über sie gibt, liegt daran, dass die Apachen aus ihr ein Geheimnis machten. Sie wollten vermeiden, dass Weiße sich falsche Vorstellungen von ihr gemacht hätten. Ich bin Bibliothekarin. So hatte ich zum einen Zugang zu vielen Büchern und ich besitze sehr viele Bücher, speziell über die Apachen. Am Ende des Romans erzähle ich von einem Jungen, der über sie eine wunderbare Abhandlung geschrieben hat. Darin erzählt er, wie er Lozen auf einem Pferd sitzend sah, ihren Leuten über einen Fluss helfend während eines Angriffs. So habe ich einen Satz hier, einen anderen dort gefunden und wie Puzzleteile zusammengesetzt. Als ich mir ein Bild von ihr machen konnte, habe ich diesen Teil der Geschichte in die Fakten eingebettet, die über die anderen bekannt waren. Zum Beispiel über den Häuptling Mangas Coloradas, ihren Bruder Victorio oder Geronimo.“

Sie arbeiten sowohl mit historischen Fakten als auch mit Fiktion. Wie entscheiden Sie die Gewichtung?

„Damit sprechen Sie den schwersten Teil meiner Arbeit an. Ich liebe Sachbücher, weil ich gern so nah an der historischen Wahrheit sein möchte, wie irgend möglich. Was nicht heißt, dass Sachbücher konsequenterweise immer der Wahrheit entsprechen müssen. Auch solche Autoren lassen ihre eigene Sichtweise einfließen. Ich schreibe gerne Romane, weil ich auf diese Weise beschreiben kann, wie die Leute gedacht und gefühlt haben. Mir ist klar, dass das ganz schön arrogant ist. Aber ich versuche den realen Personen gerecht zu werden.“

Sie beschreiben ja nicht nur den Alltag der Apachen, sondern auch ihre spirituelle Welt. Wie haben Sie sich darüber informiert?

„Ich schreibe jetzt 25 Jahre über sie und ich habe herausgefunden, dass die Native Americans sehr gut auseinander halten können, wer sie ausnutzt und wer sich wirklich für sie interessiert. Wenn sie einmal jemandem wirklich vertrauen, dann erzählen sie ihm auch sehr geheime Dinge. Außerdem gibt es einige gute Veröffentlichungen von Leuten, die für eine Zeit bei ihnen gelebt haben.“

Es ist ja nicht die erste Biografie, die Sie über einen Indianer schreiben. Wie reagieren die auf Ihre Bücher?

„Sie haben Jahre gebraucht, um mich zu kontaktieren. (lacht) Ich glaube, sie mussten einfach so lange drüber nachdenken. Zehn Jahre nachdem mein Buch über die Comanchen herauskam, haben sie sich bei mir gemeldet und inzwischen habe ich bei diesem Stamm viele Freunde gefunden. Mein zweites Buch handelte von den Cherokee. Eines Tages bekam ich einen Anruf. Die Frau am anderen Ende der Leitung sagte, dass sie ein Nachkomme der Familie sei, über die ich geschrieben hätte. Sie fragte mich, woher ich all diese Geschichten hätte. Ich sagte, ich habe sie entweder gelesen oder mir ausgedacht. Sie meinte, nein, das kann nicht sein, dass ich mir das alles ausgedacht hätte. Denn es wären die Geschichten, die in ihrer Familie überliefert worden seien. Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Diese Familie hat mich adoptiert. Ich bin nun eine Cherokee, eine von ihnen. Natürlich habe ich kein Cherokee-Blut, aber es ist so, wenn sie dich adoptieren, dann bist du wirklich ein Familienmitglied. Als ich über Oceola und die Seminolen schrieb, kam ein Creek-Indianer zu einer meiner Lesungen mit dem Arm voller Bücher. Er sagte, die müsste ich alle signieren für die Ältesten des Stammes. Er meinte, es wäre die beste historische Darstellung, die er je über seinen Stamm gelesen habe.“

Wie gehen die weißen Amerikaner mit ihrer Geschichte um?

„Wir haben ein kurzes Gedächtnis. Wir vergessen gern die hässlichen Momente unserer Geschichte. Ich sage immer, ich schreibe diese Bücher auch, um es ihnen unter die Nase zu reiben. Sie sollen nicht vergessen. Wir müssen uns erinnern, denn das gehört zu uns. Wir können diese Kapitel nicht einfach überspringen oder leugnen. So etwas passiert überall auf der Welt, nicht nur hier in Amerika. Ich bin davon überzeugt, dass ich mit einem Roman mehr Menschen erreichen kann, die sich mit einem Sachbuch sicher nie so intensiv beschäftigen würden.“

Würde es Sie reizen, einmal einen Roman über die Situation der Indianer heute zu schreiben?

„Ich glaube, das sollte ich lieber den Leuten überlassen, die in dieser Situation leben. Denn davon habe ich keine Vorstellung. Wenn man über etwas schreibt, das 150 Jahre zurückliegt, beschreibt man Dinge, die keiner mehr so genau wissen kann, auch die Indianer nicht. Natürlich haben sie ihre mündlichen Überlieferungen und ihre religiösen Traditionen, aber – jemand sagte mir mal, die Vergangenheit ist ein fremdes Land. Menschen handeln dort anders als wir. Und das ist wirklich wahr. Als ich Westwärts ohne Furcht schrieb, das von der Besiedlung durch die Engländer handelt, dachte ich, ich könnte ihre Motive nachvollziehen, weil ich auch eine von ihnen bin, nur ein paar Generationen später geboren. Aber ich musste erkennen, dass ich keinen Schimmer habe, was sie umtrieb. Ich verstehe weder ihre Sprache, noch ihre Ansichten oder Absichten. Sie sind Fremde für mich.“

Unser Bild von Geronimo ist nicht unwesentlich geprägt durch den gleichnamigen Kinofilm mit Wes Studi in der Hauptrolle. Ein stolzer Krieger, ein Kämpfer für sein Volk. Interessanterweise kommt Geronimo in Ihrem Buch nicht so gut weg.

„Na ja – weil er auch nicht so ein netter Typ war. Selbst die Apachen mochten ihn nicht besonders. Er war ein Lügner und seine Leute haben ihm nie wirklich getraut. Ich bin mir nicht sicher, ob Weiße das nachvollziehen können. Aber für Indianer ist die Wahrheit wichtiger als alles andere. Normalerweise würde er auch nicht so wahrgenommen, wie ein großer Krieger. Aber was ihn berühmt gemacht hat ist die Tatsache, dass er der letzte war, der sich gegen die Weißen aufgelehnt hat. Er hat bis zum bitteren Ende gekämpft. Das hat ihn zur Legende gemacht.“

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