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Buchtipps

Sylvie Winter
Rote Erde, weißes Herz. Roman einer Seelenpartnerschaft im Land der Navajo
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GELD IST WICHTIGER ALS UMWELTSCHUTZ

GELD IST WICHTIGER ALS UMWELTSCHUTZ

Vielen Lesern wird Sylvie Winter besser bekannt sein als Gayan S. Winter, Autorin zahlreicher Selbsthilfebücher und Kartendecks. Die 60-Jährige hat sich einen langgehegten Wunsch erfüllt und endlich ihren ersten Roman veröffentlicht. Die Geschichte spielt in ihrer Wahlheimat Arizona und beschreibt den Selbstfindungsprozess einer jungen Deutschen und eines Navajo. Dabei thematisiert sie nicht nur die schwierigen Lebensumstände des Stammes auf seiner Reservation. Sylvie Winter will auch auf die Umweltvergiftung durch Uranabbau aufmerksam machen.

Du hast 20 Sach- und Selbsthilfebücher veröffentlicht, warum jetzt ein Roman?

„Mit dem Roman habe ich eine Vision meiner Teenagerjahre realisiert. Ich habe als Kind schon davon geträumt, Indianerin zu sein. Diese Träume habe ich in Comic-Strips verarbeitet. Natürlich habe ich jeden Western angeschaut, vor allem die, in denen viele Indianer vorkamen. Das hat mich sehr geprägt. Ist wohl auch ein Grund, warum ich schließlich hier in Santa Fe gelandet bin, um diese wunderschöne Landschaft wirklich zu erleben.“

Du hast es gerade angesprochen, du lebst seit 19 Jahren in Arizona.

„Ja, die Liebe zu diesem Land hat mich hergezogen. Damit verbunden ist auch meine Liebe zu den Navajo, die mich immer wieder zu ihren Festen und Zeremonien einladen. Irgendwann habe ich mich dann hingesetzt und angefangen zu schreiben. Drei Jahre habe ich an dem Roman gearbeitet. Das Manuskript blieb immer mal wieder liegen, und schließlich hat sich die Geschichte fast von selbst geschrieben.“

Raven White Thunder, eine der Hauptpersonen in deinem Roman, ist ein Indianer, wie direkt von der Kinoleinwand gestiegen.

„Ja, wie ein Traum. (lacht) Das ist auch nicht ganz ohne Grund so. Das Buch soll verfilmt werden. Ich bin in Verhandlungen mit einer indianischen Filmgesellschaft, die daran interessiert ist. Dabei geht es nicht ums Geld, denn diese Company hat nur einen Bruchteil des Budgets zur Verfügung, wie es große Studios hätten. Aber das ist auch nicht wichtig für mich. Ich möchte vielmehr durch einen Film die Dinge dokumentieren, wie sie heute sind. Denn in ein paar Jahren, wird davon nicht mehr viel übrig sein. Allein die Navajo-Sprache wird kaum noch gesprochen, ganz abgesehen von dem Wissen über Bräuche und Zeremonien, das langsam verschwindet. Deuter wird dazu wohl den Soundtrack komponieren.“

Wie offen gehen die Navajo mit ihrem Wissen um?

„Ich war einmal mit einer Touristengruppe bei ihnen. Wir durften uns die Tänze anschauen, aber am Abend, als bestimmte Zeremonien begannen, mussten wir wieder gehen. Da war die Gruppe natürlich etwas brummig, aber man muss das einfach akzeptieren. Im Gegenteil, wir dürfen dankbar sein, für die Zeit, die sie uns gegeben haben. Um Kontakt zu den Indianern aufzubauen, muss man viel Geduld mitbringen. Das geht über Jahre. Man kann nicht einfach in ein Reservat fahren und sagen, hey – ich möchte was über euch schreiben, jetzt erzählt mal. So läuft das einfach nicht. Man muss immer wieder hinfahren. Nach und nach öffnen sie sich, laden zum gemeinsamen Essen ein, nehmen einen mit zum Tanzplatz usw. Aber dazwischen vergehen Wochen und Monate. So bin ich schließlich zu einer Peyote- Zeremonie eingeladen worden. Interessant war, dass ich ursprünglich nur so ins Reservat gefahren bin, um ein paar Gespräche zur Recherche für den Roman zu führen. Dann wurde ich plötzlich gebeten, doch an der Peyote- Zeremonie teilzunehmen. Drei Stunden sind wir durch ein unwegsames Gebiet gefahren und kamen in dem Moment an, als die Zeremonie gerade losging. Das Ritual ging von 20 Uhr bis 8 Uhr in der Früh.“

Steckt in der Figur der Marisa etwas von dir?

„Jein. Sie ist schon eine fiktive Person. Aber wie sie, habe ich auch meine Mutter verloren. Die Energie, die ich aus dem Verlust gezogen habe, konnte ich dann als Autorin nutzen. Ich bin zwar doppelt so alt wie die Marisa in meinem Buch, aber ich erkenne mich schon in ihr als junge Frau wieder. Sie nutzt die Veränderungen in ihrem Leben, um noch einmal ganz neu anzufangen. Damit kann ich mich identifizieren. Ich stelle fest, dass auch immer mehr junge Menschen sich nach einem Neuanfang sehnen. 30-Jährige, 22-Jährige fragen mich, wie geht es weiter? Daraus ist dann mein Buch Was mache ich mit dem Rest meines Lebens? entstanden.“

Gab es Vorbilder für die Indianer in deinem Buch, die du im realen Leben getroffen hast?

„Der Roman beruht zu 50 Prozent auf Tatsachen. Vor allem in Bezug auf Umweltverschmutzung durch Uranabbau. Es gibt 1100 Minen hier, die nie ordnungsgemäß entsorgt haben. Die Flüsse sind bis heute vergiftet. Geld ist wichtiger als Umweltschutz. Es gibt natürlich auch ein paar korrupte Navajos, die ihr Volk verkaufen, um sich eine goldene Nase zu verdienen. Ich wollte den Roman nutzen, um auf eine Welt hinzuweisen, die parallel abläuft zu Kriegen und Terrorismus, die nicht wahrgenommen wird. Die Indianer leben in ihren Reservaten wie in Ghettos. Sie können fast nicht raus, viele wollen auch nicht raus. Wenn sie dann – wie Raven im Buch – finden, dass sie dort nützlich sein können, dann werde sie Anwälte. Weil die gebraucht werden.“

Du sprichst von einer Parallelwelt. Wie nehmen die US-Amerikaner das auf? Interessieren die sich für die Belange der Indianer?

„Es gibt natürlich Umweltschützer, die auf diese Thematik aufmerksam machen und sich einsetzen. Aber die breite Masse - vor allem im mittleren Teil der USA - interessiert sich nur für sich selbst. Die schauen nicht über den Tellerrand. Die Leute in den Küstenregionen, die in Großstädten wie New York oder San Francisco leben, sind schon weltoffener. Da findet auch das Engagement statt. Es ist ein Paradoxon: Auf der einen Seite schicken die Amerikaner ihre jungen Männer in den Krieg, um andere Länder zu demokratisieren. Andererseits sind sie nicht in der Lage, die Probleme im eigenen Land zu lösen.“

Wie gehen die Navajo mit ihrer Tradition um?

„Das Schlimmste ist das Verbot, die Navajo- Sprache in den Schulen zu unterrichten. Aber das wurde zum Glück abgewendet und sie wird wieder gelehrt. Aber viele junge Navajo wollen gar nicht mehr ihre Traditionen lernen. Die wollen raus in die Welt, nach New York oder Los Angeles und kommen dann oft gebrochenen Herzens zurück, weil sie es einfach nicht geschafft haben. In Berufen wie Feuerwehrmann oder Bauarbeiter auf Hochhäusern, wo Schwindelfreiheit verlangt wird, können manche von ihnen Fuß fassen.“

Gibt es immer noch Probleme durch verschmutztes Wasser auf der Navajo-Reservation, auch nachdem die Minen geschlossen worden sind?

„Ja. Menschen und Tiere werden nach wie vor krank. In einigen Siedlungen gibt es zwar inzwischen fließendes Wasser. Aber alle Hogans, die weit draußen sind, haben keine Wasserleitungen und auch kein Telefon. Das Leben läuft dort anders ab. Ich kenne einen Medizinmann – Frances – der lebt mit seiner Frau mitten im Wald. Er fährt 50 Meilen in eine Schlucht, um dort Blech- und Plastikkanister mit Wasser zu füllen und fährt dann die gleiche Strecke wieder nachhause. Sie sammeln das Regenwasser in großen Wannen, und wenn es viel ist, dann gibt es ein- bis zweimal in der Woche eine Dusche. Die ist dann aber eher ein Rinnsal, nicht zu vergleichen mit einer Dusche, wie wir sie kennen. Aber ich muss auch sagen, da ist ein Frieden … Du kommst auf die Reservation, und die Energie verändert sich. Das ist schon in Gallup, der Stadt am Rand des Reservats spürbar. Da ticken die Uhren in indian time, und keiner ist pünktlich. Das ist auch ein Grund, warum sich so viele Westler nach dieser Ruhe sehnen, denn man kann total entstressen. Du kannst dein Bankkonto vergessen und den Freund, der nicht mitwollte. Da lebst du einfach jeden Moment und kannst Dinge erleben, die so naturnah sind, dass sie dein Herz öffnen.“

Das Gespräch führte Claudia Hötzendorfer

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