„Musik versetzt dich in eine andere Zeit, an einen anderen Ort“
Im Gespräch mit Angelo Branduardi
Sie beschäftigen sich schon eine ganze Weile mit dem heiligen Franziskus. Sie haben eine CD mit seinen Texten aufgenommen und ein Musical. Beides war auch live ein enormer Erfolg, vor allem in Ihrer Heimat Italien. Hat es Sie überrascht, wie viele Menschen sich für Franz von Assisi interessieren?
In Italien und Frankreich waren diese Sachen erfolgreicher als der Wasserfloh (Anmerk. La pulce d‘acqua – Der kleine Wasserfloh war der erste große weltweite Hit für Angelo Branduardi). Wissen Sie, wenn es die Medien und das Radio nicht gäbe, müsste wohl niemand solche Platten aufnehmen. Für mich als Italiener, und damit stehe ich nicht allein, ist Franz von Assisi nicht nur modern, er war auch ein großer Künstler. Er spielt eine sehr wichtige Rolle für unsere Literatur, denn er war der erste Dichter, der in italienischer Sprache schrieb. Sein Sonnengesang war tatsächlich die erste Poesie auf Italienisch. Auf allen CDs, die ich mit seinen Texten aufgenommen habe, ist kein einziges Wort von mir selbst zu hören. Alles ist von Franz und seinen Freunden. Man könnte sagen, es ist philologisch und historisch korrekt.
Hat Sie die Arbeit mit den Texten verändert?
Sie haben mein Leben verändert, und zwar auf eine Weise, die ich nie erwartet hätte. Für mich war Franz von Assisi, bevor ich mich überhaupt mit ihm befasst hatte, ein Verrückter, der als Missionar unterwegs war, der mit Vögeln und Steinen sprach. Wenn man sich dann aber intensiver mit seinem Werk auseinandersetzt, ist es eine Offenbarung. Da gibt es beispielsweise dieses Paradoxon vom Unendlichen Kleinen. Wie kann etwas ganz Winziges unendlich sein? Um das zu verstehen, stellen Sie sich einfach ein Stück Papier vor. Das schneiden Sie in der Mitte durch und schneiden es erneut wieder in der Mitte in zwei Teile usw. Theoretisch können Sie das bis ins Unendliche fortsetzen. Diese Vorstellung hatte Franziskus vor rund 800 Jahren, und das war für seine Zeit erstaunlich. Spirituell gesehen war das eine Revolution. Denn es bedeutete nichts anderes, als dass Gott und die Welt, sofern Gott existiert, nicht im Außen sind, sondern im Inneren. Im letzten Jahrhundert war diese Vorstellung der Beginn der Quantenphysik. Mit anderen Worten: es ging nicht nur ums Spirituelle, sondern erstaunlicherweise bereits um Wissenschaft. Franziskus war sehr modern.
Musik ist für mich etwas Fernes, das sehr viel mit Spiritualität zu tun hat. Seele und Körper in einem, sie können nicht voneinander getrennt gesehen werden.
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