SHORT CUT TO NIRVANA
Seit über 2000 Jahren folgen die Hindus dem Zwölf-Jahres-Zyklus und pilgern während der Trockenzeit an eine ganz bestimmte Stelle nahe Allahabad, an der die für sie heiligen Flüsse Ganges, Yamuna und Saraswati ineinander fließen. Für sechs Wochen entsteht dort eine provisorische Zeltstadt. Religiöse Persönlichkeiten, Gurus und spirituelle Führer scharen Gläubige und Anhänger um sich. Den Höhepunkt des Happenings bildet ein Bad der Millionen im Ganges, das sie von ihren Sünden reinwäscht und dem Nirvana näher bringen kann. Deshalb der Titel Short cut to Nirvana.
Ins kalte Wasser gesprungen
Nick Day und sein Kollege Maurizio Benazzo hatten knapp einen Monat vor der Maha Kumbh Mela (was soviel heißt wie das Festival des großen Kessels) erstmals davon gehört und sich spontan entschieden, darüber einen Film zu drehen. „Unsere Informationen waren minimal. Wir rechneten so mit drei Millionen Teilnehmern. Es stellte sich heraus, dass es über 70 Millionen waren“, schmunzelt Nick Day. Maurizio und er verstehen sich als spirituell interessierte Sucher, die aber durchaus kritisch mit dem umgehen, was sie finden. „Ich glaube, wenn wir uns ernsthaft auf einem spirituellen Weg befunden hätten, dann wäre es ein ganz anderer Film geworden“, resümiert Day. Natürlich hatten sich die Filmemacher ein Konzept zusammengestellt, das sie vor Ort schnell über Bord werfen mussten. „Man muss sich einfach auf Indien einlassen“, stellt Nick Day fest.
Jahrmarkt der Eitelkeiten
Ohne zu werten, ließen die Dokumentarfilmer ihr Kameraauge schweifen und fingen Skurriles, Chaotisches und Berührendes ein. „Der Lärm ist unglaublich. Dem kann man sich einfach nicht entziehen. Ich habe dort die These aufgestellt, dass die Hindus wahrscheinlich die Form der Meditation entwickelt haben, um ihrem alltäglichen Lärm mal entfliehen zu können“, lacht Nick Day und muss zugeben, dass manche der Babas und Gurus dem westlichen Besucher sehr seltsam vorkommen müssen. „Uns liegen mehr die spirituellen Führer, die viel reden“, meint er. „Wenn einer seit dreißig Jahren den Arm über den Kopf hält oder auf einem Thron aus Nägeln hockt oder für drei Tage unter der Erde meditiert, sind wir erstaunt und befremdet.“
Natürlich sei das Festival ein Jahrmarkt der Eitelkeiten und für manche Besucher eine Art spiritueller Supermarkt. „Es gibt Leute, die dorthin gehen, um einen bestimmten Guru zu sehen, andere gehen von einem spirituellen Führer zum nächsten, um sich daraus eine Essenz zu ziehen.“
Toleranz der Gläubigen
Schon recht bald nach ihrer Ankunft lernten Maurizio und Nick den Hindu-Mönch Swami Krishnanand kennen, der ihnen zu Audienzen bei einigen der interessantesten spirituellen Persönlichkeiten verhalf, die im Film zu Wort kommen. Auch der Dalai Lama war 2001 beim Kumbh Mela zu Gast. Für die Hindus kein Widerspruch. „Das Schöne am hinduistischen Glauben ist, dass er alles als aus einer Quelle kommend betrachtet“, so Nick Day. „Jesus Christus wäre für sie eben ein heiliger Mann und Menschen, die ihn verehren, sind ebenso willkommen wie ein Moslem.“
Zu seinen bewegendsten Momenten befragt, muss Nick Day nicht lange überlegen. „Als wir zum Abschluss im Ganges standen, sah ich Menschen, die zum Teil von sehr weit her gekommen waren, und sie hatten alle diesen Ausdruck purer innerer Freude auf den Gesichtern, so etwas habe ich nie zuvor oder danach wieder erlebt.“
Tipp für Interessierte
2013 findet die nächste Maha Kumbh Mela statt. Was sollten Interessierte beachten, wenn sie dorthin fahren möchten? „Sie sollten offen sein und ihr westliches Denken zuhause lassen. Wer als Tourist dorthin fahren möchte, wird sicher seine Schwierigkeiten mit den Ausmaßen, dem Chaos und dem Lärm bekommen. Aber wer sich wirklich vorurteilslos auf dieses Erlebnis einlässt, der kann für sich sehr viel von dieser Reise mit nach Hause nehmen“, so Nick Day.

