AUF DER SUCHE NACH SINN
Im „Leiden am verlorenen Sinn“ sehen viele Psychoanalytiker ein Hauptmerkmal unserer Zeit, zumindest in der westlichen Welt. Jedenfalls zählt es zu den häufigsten Beweggründen, sich der Esoterik zuzuwenden und für spirituelles Denken zu öffnen. Gegen Orientierungslosigkeit und Werteverfall, Endzeitstimmung und existenzielle Leere wollen die Veranstalter der 23. Basler Psi-Tage „Botschaften der Hoffnung“ setzen. Vier Kongresstage lange werden prominente Weisheitslehrer, Heiler und Medien aus aller Welt die ganze Vielfalt spiritueller Antworten auf letzte Fragen aufzeigen: Antworten aus allen Epochen, Traditionen und Kulturkreisen – im Dialog mit herausragenden Wissenschaftlern und Therapeuten, die über Fachgrenzen hinaus denken. In über 100 Veranstaltungen widmet sich der Kongress drei Themenschwerpunkten. Am ersten Tag (Freitag, den 11. November) lautet er: „Glück und Leid, Krankheit und Tod – wozu?“
Einschneidende Ereignisse im Lebenslauf werfen häufig Sinnfragen auf: sei es scheinbar unverdientes Glück oder eine wegweisende Begegnung, seien es Not und Elend, Unfälle und Katastrophen, eine schwere Erkrankung, erst recht die Aussicht auf das eigene unausweichliche Ende. Selten genügt es Betroffenen, die Ursachen zu kennen; sie fragen nach Gründen. Ist dieses Bedürfnis irrational – oder lässt es sich mit guten Argumenten befriedigen?
Glück und Leid, Krankheit und Tod – wozu?
Erst 28 war sie, hatte ihr Medizinstudium gerade erfolgreich hinter sich gebracht und stand nun kurz davor, sich ihren Lebenstraum zu verwirklichen: als Ärztin zu arbeiten. Doch ausgerechnet dann, vor sechs Jahren, zog sich Katharina P. eine Grippe zu, die zu schweren Komplikationen führte. Eine langwierige Herzmuskelentzündung ist inzwischen zwar abgeklungen. Doch eine Enzephalitis hat die junge Frau auf Dauer arbeitsunfähig gemacht; bis heute leidet sie an Sprachstörungen und Panikattacken. Wozu musste ihr das widerfahren? Damit befasst sich die Berlinerin in einem bewegenden Essay, den sie den Veranstaltern der diesjährigen „Psi-Tage“ anlässlich eines Autorenwettbewerbs zur Sinnfrage einreichte.
Dieselbe Frage quält die meisten Patienten, die an einer schweren, vielleicht sogar lebensbedrohlichen Krankheit leiden – womöglich verbunden mit Schmerzen, mit Entstelltsein, mit Behinderung, mit eingeschränkter Freiheit und vereitelten Zukunftschancen. Warum gerade ich? Wieso jetzt? Weshalb ausgerechnet dieses Leiden?
Die medizinischen Ursachen liegen zumeist auf der Hand; aber Betroffenen genügt es nicht, sie zu kennen. Sie fragen nach tieferen Gründen. Sie wollen verstehen.
Ähnliche Fragen beschäftigen Menschen, nachdem sie Opfer von Unfällen und Gewalt geworden sind; wenn sie verlieren, was ihnen am teuersten war; wenn sie das Schicksal Anderer betroffen macht, die unschuldig leiden.
Religion und Esoterik sollen das Unfassbare erhellen
In solchen Situationen Trost zu spenden und das Unfassbare zu erhellen, war von jeher ein Anliegen aller Religionen, und auch esoterische Schulen bemühen sich darum. Stets geben sie zu bedenken: Könnte der Schein nicht trügen? In schwerer Krankheit mag eine Chance liegen: innezuhalten, Belastendes loszulassen, sein Leben zu überdenken und neu auszurichten, sich auf das Wesentliche zu besinnen, an der Prüfung zu wachsen und zu reifen. Verluste können frei machen: für neue Aufgaben, für neue Beziehungen. Und vielleicht, so legen Reinkarnationsgläubige nahe, sind Betroffene gar nicht völlig unbeteiligt an dem, was ihnen widerfährt: Könnte darin ein „Karma“ nach Ausgleich suchen, das sie in früheren Leben angehäuft haben? Oder etwas auf sie zugekommen sein, das sie durch gewisse Gedanken, Einstellungen, Emotionen unbewusst „energetisch angezogen“ haben? Sind von Hellsichtigen und Medien Aufschlüsse darüber zu erwarten? Oder von unserem eigenen „Höheren Selbst“, das uns vielleicht in der Meditation oder anderen veränderten Bewusstseinszuständen offenbart, was es über uns weiß?
Skeptiker verengen die Debatte über solche Sichtweisen gerne auf deren Erkenntnisansprüche – und diese sind umso zweifelhafter, je dogmatischer sie Allgemeingültigkeit beanspruchen. (Haben wirklich alle Krankheitsbilder eine tiefere Bedeutung, und das in jedem Einzelfall? Sind Symptome immer Signale? Ist jeder Patient seines Unglücks Schmied?)
Unabhängig davon gilt aber, an der Esoterik des Unglücks ihre Funktion zu beurteilen: In Krisensituationen fühlen sich immer mehr Menschen durch sie getröstet und aufgerichtet, erbaut und ermutigt – in höherem Maße als durch kirchliche Lehrgebäude. Zumindest Pragmatismus spricht also dafür, esoterische Sinnkonzepte zu würdigen.
Uns alle wird, unentrinnbar, der Tod ereilen. Macht er das Leben nicht sinnlos, sofern mit dem Erlöschen unserer körperlichen Funktionen auch unsere Existenz endet? Keine Religion, keine esoterische Schule findet sich mit unserer vollständigen Vernichtung, unserem Nichts-Werden ab; sie alle lehren ein Weiterleben in irgendeiner Form, sei es als geisterhaftes Etwas, das wesentliche Merkmale unserer Person in andere Sphären weiterträgt – auf ewig oder zumindest bis zur nächsten Inkarnation; sei es als Bestandteil eines umfassenden Ganzen, in dem es seine Individualität verliert wie ein Tropfen im Ozean.
Etliche Vorträge und Diskussionen des ersten „Psi-Tags“ werden sich nicht nur damit befassen, wie gut die Gründe tatsächlich sind, an ein Überleben des Todes zu glauben, und wie wir uns eine körperlose Art des Fortbestehens vorzustellen haben. (Namhafte Medien werden in Basel demonstrieren, wie sie sich Zugang zu „jenseitigen“ Welten verschaffen.) Im Raum wird auch die Frage stehen, ob wir ohne die Aussicht auf Unsterblichkeit tatsächlich in Orientierungskrisen geraten müssen. Welchen Sinn erhielte ein Dasein erst, wenn es niemals enden würde?
„Zufälle“, die heilsame Impulse geben
Sinnfragen werden aber nicht bloß von fatalen Ereignissen aufgeworfen, sondern auch von mancherlei positiven Überraschungen. Ist da purer Zufall im Spiel, oder steckt mehr dahinter: ein Wink des Schicksals, eine geheime Vorsehung, ein karmisch bedingtes Ereignis? Als Inbegriff des Glücks gilt ein Volltreffer im Lotto; Langzeitstudien an Lottomillionären deuten indes eher darauf hin, dass sich mit dem unverhofften Geldsegen plötzlich Chancen eröffnen, die zumeist auf tragische Weise vertan werden.
Und wie steht es mit unvorgesehenen Begegnungen, die unsere Biographie oft nachhaltiger bestimmen als jede bewusste Lebensplanung? Machen wir bloß „zufällig“ eine neue Bekanntschaft, die nicht nur in eine kritische Lebensphase fällt, sondern uns ausschlaggebende Impulse gibt, aus der Krise herauszufinden? („Zufall“, so mutmaßte der französische Schriftsteller Francois Thibault (1844-1924), „ist vielleicht das Pseudonym Gottes, wenn er nicht selbst unterschreiben will.“) Solche merkwürdigen „Synchronizitäten“ waren schon dem großen Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung aufgefallen. Weil sie „akausal“ sind, fallen sie durch das Raster herkömmlicher wissenschaftlicher Forschung. Fakt sind sie trotzdem, und sie harren der Erklärung, wie viele Phänomene, die seit 1983 bei den „Basler Psi-Tagen“ präsentiert werden.
Leiden als Wegbereiter
Eine sonderbare „Synchronizität“ war es offenbar auch, die Katharina P. schließlich half, ihr Leiden als Wegbereiter begreifen zu lernen. Inmitten ihres scheinbar ausweglosen Elends, am Ende einer hoffnungsvollen Berufskarriere, setzte bei ihr eine Serie rätselhafter, äußerst eindrücklicher Träume ein, in der ihr immer wieder gesagt wurde, sie sei eine „Bewahrerin“. Eine Heilerin, bei der sie deswegen Rat suchte, wusste die nächtliche Eingebung für sie zu deuten: Dies sei eine „Initiation“ gewesen, mit welcher sie allmählich auf ihre eigentliche Lebensaufgabe vorbereitet werden solle: Wissen zu erhalten und weiterzugeben, das sie in mehreren Vorleben als Schamanin angehäuft habe. Bald darauf entdeckte sie, dass sie mit bloßen Händen heilen konnte: Bei einer Freundin verschwanden starke Verspannungen im Nacken innerhalb weniger Minuten; bei einer Bekannten verkleinerte sich unter ihren Händen verblüffend rasch ein verdächtiger Knoten in der Brust.
„Was mein Leben zu zerstören schien“, sagt Katharina P. rückblickend, „eröffnete mir in Wahrheit ein neues.“

