Achtsam und entspannt im Hier und Jetzt
Stressbewältigung durch Achtsamkeit – Interview mit Jon Kabat-Zinn
Wie fühlt es sich an, wenn die Luft in mich hineinströmt und sich in meinem Innern ausbreitet? Ich folge meinem Atem aufmerksam und staune über den machtvollen Druck, mit dem er am Punkt der Umkehr wieder ausgetrieben wird. Zusammen mit über 80 weiteren Teilnehmern werde ich im Laufe dieses Seminars zur Einführung in die Achtsamkeitspraxis lernen, den Weg des Atems zu beobachten, die Mikro-Bewegungen des Körpers beim Gehen in Zeitlupentempo zu registrieren, dem Aufkeimen von Gedankenfetzen samt den damit verbundenen Gefühlszuständen zuzuschauen.
Bei der Achtsamkeitspraxis geht es jedoch nur vordergründig um diese Dinge, sie sind bloß Mittel zum Zweck. Es geht vielmehr um den Bewusstseinszustand der hundertprozentig geeinten und fokussierten Aufmerksamkeit. In diesem Zustand ruhe ich in mir selbst und bin ganz da für diesen Moment, hier und jetzt.
Die Praxis der Achtsamkeit ist uns vor allem aus dem Buddhismus bekannt, wo sie - sati genannt - eine zentrale Rolle für das Erlangen von Gewahrsein und Einsicht (vipassana) spielt. Doch kann jeder, unabhängig von Glauben und Religionszugehörigkeit, an Geist, Seele und Körper von ihr profitieren. Achtsamkeit hilft, das Gespür für den Körper und für die Vorgänge in Kopf und Herz zu steigern; sie hilft, das innere Gleichgewicht zu finden; sie hilft, Abstand vom allgegenwärtigen Stress zu gewinnen, zu entspannen und zu regenerieren; und letztlich verhilft sie zu einer erneuten, vertieften Wertschätzung von allem was ist.
„Bei Meditierenden verlagert sich die Gehirnaktivität auf Hirnareale, die für die Verarbeitung von negativer Emotion unter Stress verantwortlich sind.“
Aufgrund dieser Vorzüge eignet sich die Achtsamkeits-Praxis, losgelöst vom religiösen Kontext, für den gezielten Einsatz in der Medizin (z.B. bei Herzbeschwerden, chronischen Schmerzen), Psychotherapie (z.B. bei Depression, Suchtverhalten) und Gesundheitsvorsorge. Eben dieses hat der amerikanische Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn - heute Professor Emeritus für Medizin - vor mehr als 25 Jahren gewagt. Er gründete 1979 die „Stress Reduction Clinic“ an der Universität von Massachusetts, wo er sein Programm zur „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“ - kurz MBSR, Mindfulness Based Stress Reduction - anwandte und verfeinerte. Mittlerweile wird MBSR an mehr als 250 Kliniken in den USA sehr erfolgreich praktiziert und findet auch in Europa große Anerkennung.
VISIONEN sprach mit Jon Kabat-Zinn zum Erscheinen seines neuesten Buches „Zur Besinnung kommen“.
VISIONEN: Seit einigen Jahren erforschen Neurowissenschafter die Auswirkungen von Meditation auf Gehirn und Körper. Ebenso haben Sie den positiven Einfluss der Achtsamkeitspraxis bei Stress-Zuständen klinisch untersucht. Welche Forschungsergebnisse untermauern am eindrucksvollsten die Anwendung von MBSR?
Jon Kabat-Zinn: Es gibt zwei Beweisstränge, die die Wirksamkeit unseres Ansatzes belegen. Zum einen die angesammelte klinische Erfahrung mit 70.000 Patienten, die an chronischen Krankheiten, etwa stressbedingte Beschwerden oder chronische Schmerzen, leiden und die wir über die letzten 27 Jahre an der UMass Medical Center Stress Reduction Clinic behandelt haben. Wir haben zahlreiche Untersuchungen durchgeführt, die nahe legen, dass die Mehrheit der in der Klinik behandelten Personen großen Nutzen aus dem achtwöchigen Training in Achtsamkeit beziehen, allem voran einen Rückgang von psychischen und physischen Symptomen über die ganze Bandbreite der Diagnosen hinweg. Hinzu kommen positive Veränderungen bei psychischen Faktoren, wie z.B. eine Zunahme des Gefühls von Kohärenz (Zusammenhang) und eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegen Stress - alles Eigenschaften, die sich angeblich im Erwachsenenalter nicht mehr verändern, und dennoch stellen wir hier hochsignifikante Veränderungen fest.
Zum anderen liegen von uns und anderen Kollegen stichprobenartig durchgeführte klinische Untersuchungen vor, die noch spezifischer für bestimmte Kategorien von Patienten die Auswirkungen aufzeigen. Zum Beispiel eine Studie mit Psoriasis-Patienten - Psoriasis oder Schuppenflechte ist eine aufs engste mit Stress verbundene Hautkrankheit, bei der die Haut sich unkontrolliert vermehrt. Die Studie zeigt, dass die Haut von Personen, die während der Bestrahlung mit UV-Licht meditieren, viermal so schnell heilt wie die von Patienten, die nur die Behandlung mit UV-Licht erhielten. Dieser Befund war für mich so unglaublich, dass wir es mit einer zweiten Versuchsreihe überprüften, und wir bekamen das gleiche Ergebnis!
Eine andere stichprobenartige klinische Untersuchung führten wir zusammen mit Dr. Richard Davidson im „Labor für Affektive Neurowissenschaft“ an der Universität von Wisconsin durch. Wir wählten Mitarbeiter einer Gentechnik-Firma, die am Arbeitsplatz großem Stress ausgesetzt waren, beliebig aus und teilten sie beliebig in zwei Gruppen. Die eine Gruppe war eine einfache Kontrollgruppe, aber die zweite Gruppe wurde während der Arbeitszeit, am Arbeitsplatz, in das MBSR-Programm eingewiesen. Alle mussten dreimal täglich ins Labor zur Überprüfung ihrer Gehirnaktivität. Auf dem Elektroenzephalogramm (EEG) der MBSR-Gruppe beobachteten wir eine Verschiebung der Aktivität im präfrontalen Kortex (vordere Großhirnrinde) von der rechten zur linken Hemisphäre. Also in derselben Richtung, die bei meditierenden buddhistischen Mönchen festgestellt wurde. Wie wir wissen, hängt die Aktivität der rechten Hirnhälfte eher mit negativer Emotion zusammen, und die der linken eher mit positiver Emotion.
„Es geht darum zu lernen, Stressfaktoren im eigenen Leben zu erkennen und für sie alle durchlässig zu werden.“
Daran ist zu erkennen, dass sich bei normalen Durchschnittsmenschen, die sich überhaupt nicht für Spiritualität, Meditation oder Buddhismus interessieren, aber an einem auf intensiver Meditationspraxis beruhenden Stressbewältigungsprogramm teilnehmen, in acht kurzen Wochen die Gehirnaktivität auf Areale verlagert, die für die Verarbeitung von negativer Emotion unter Stress verantwortlich sind.
Gleichzeitig gaben wir einem Teil der Probanden eine Grippeimpfung und maßen in den folgenden Wochen die Menge von Antikörpern in ihrem Blut. Die Meditierenden zeigten eine stärkere Immunreaktion auf den Grippeimpfstoff. Wenn man die Verlagerung der Gehirnaktivität von rechts nach links in Beziehung setzt zur Immunreaktion, erhält man bei der meditierenden Gruppe eine lineare Relation, und bei der nicht-meditierenden Kontrollgruppe überhaupt keine Relation. Das besagt im Grunde, dass es einen Zusammenhang zwischen Veränderungen im Gehirn und Nervensystem einerseits und im Immunsystem andererseits gibt.
Warum dauert es acht Wochen, um Achtsamkeit zu lernen?
Das tut es doch nicht! Es dauert ein ganzes Leben! Die acht Wochen des Trainingsprogramms genügen nur für einen ersten kleinen Schritt. Der Kurs dauert gerade lang genug, so dass die Teilnehmer mit der Verlagerung vom Tun zum Sein vertraut werden können und sich wohl fühlen, wenn sie im Sein ruhen, Gewahrsein kultivieren, wenn sie den Geist mit seinen Regungen beobachten und lernen, sich nicht mit den Inhalten des Geistes zu identifizieren, wie z.B. Gedanken und Gefühlen – oder ihren physischen Empfindungen und Schmerzen.
Geht es in den acht Wochen darum, Achtsamkeit zur Gewohnheit werden zu lassen?
Ich spreche lieber davon, dass andere Gewohnheiten abgelegt werden, statt Achtsamkeit als eine neue Gewohnheit zu betrachten. Sie ist ein Lebensstil, und nicht etwas, das man sich angewöhnt, das selbstverständlich oder zur zweiten Natur wird. Achtsamkeit, also völlig wach zu sein, ist unsere erste, unsere eigentliche Natur und keine erworbene Angewohnheit.
Was genau ist das Ziel des Programms zur Stressbewältigung durch Achtsamkeit (MBSR)?
Grundsätzlich geht es darum zu lernen, die Stressfaktoren im eigenen Leben zu erkennen und für alle Stress-Elemente durchlässig zu werden, indem man sich nicht mit ihnen identifiziert. Indem man die Dinge nicht persönlich nimmt. Der Stress, den man nicht ändern oder abstellen kann, ist also weiterhin da, aber man entwickelt eine andere Beziehung dazu. Das ist eine riesige Lernaufgabe – einzusehen, dass man die Wellen nicht aufhalten kann, wohl aber lernen kann, darauf zu surfen. Das ist die eine Aufgabe von MBSR.
„Welcher Ort wäre passender für die Weitergabe der Buddha-Lehren über die Befreiung von Leiden als ein Krankenhaus oder ein Gefängnis?“
Der zweite Aspekt ist, dass man wählen kann, wie man darauf surfen will. Man hat im Leben eine gewisse Wahl- und Entscheidungsfreiheit. Wenn zum Beispiel die berufliche Arbeit großen Stress verursacht, könnte man einsehen, dass es sinnvoller ist, die Stelle zu kündigen, als einfach darin auszuharren. Aber manchmal haben wir keine Wahl, und dann müssen wir lernen mit dem Stress als Teil unseres Lebens klarzukommen.
Das erinnert mich an Viktor Frankl, den Gründer der Logotherapie, der sagte: Auch wenn wir nicht imstande sind, die Ereignisse und Umstände zu verändern, können wir dennoch die Art und Weise, wie wir damit umgehen, verändern und so den Dingen einen Sinn abgewinnen.
Genau, das ist der Kernpunkt. Wir lernen mit dem Stress umzugehen, statt einfach mechanisch darauf zu reagieren. Wenn man bloß reagiert, geschieht das auf ein und dieselbe Art – sehr konditioniert, gewohnheitsmäßig und meistens selbstzerstörerisch.
Geistiger Hintergrund der Achtsamkeitspraxis ist der Buddhismus. Auf dem Achtfachen Buddha-Pfad, der zum Nibbana oder Verlöschen führt, ist Achtsamkeit die siebte Stufe vor der Einsicht (vipassana) in die wahre Natur der Wirklichkeit. In welcher Beziehung stehen Achtsamkeit und Einsicht zueinander?
Achtsamkeit führt zu Einsicht. Sie ist die Linse, die zum klaren Sehen, zur Erkenntnis der Wirklichkeit führt. Achtsamkeit gilt als das Herzstück der buddhistischen Meditation. Mit dem MBSR-Programm haben wir versucht, Menschen, die keinerlei Interesse an Buddhismus, Meditation oder östlicher Philosophie haben, die Essenz der Achtsamkeitspraxis zu vermitteln. Und welcher Ort wäre passender für die Weitergabe der Lehren des Buddha, die sich um das Leiden und die Befreiung von Leiden drehen, als ein Krankenhaus voller chronischer medizinischer Leiden oder etwa Gefängnisse, wo unermessliches Leid herrscht?
Man könnte diese Vorgehensweise gewissermaßen als ein geschicktes Mittel bezeichnen, um das Wesentliche der Praxis auf eine Weise zu präsentieren, die Ablehnung und Widerstand dagegen reduziert und das Potenzial für Transformation oder Heilung der einen oder anderen Art erhöht.
Oft sage ich im Scherz, dass wir Buddhismus ohne den Buddhismus lehren. Das ist nicht respektlos gegenüber der buddhistischen Tradition oder Buddhisten gemeint, sondern ist vielmehr ein tiefer Respekt vor der Tatsache, dass es im Buddhismus um die Nicht- Dualität geht. Sobald der Geist Buddhisten und Nicht-Buddhisten voneinander trennt, oder gar Meditierende und Nicht-Meditierende, hat man das Nicht-Duale gespalten, obwohl die eigentliche Praxis nichts mit Spaltung zu tun hat.
Bedenken Sie: Der Buddha war selbst kein Buddhist! Die Zen-orientierte Meditation z.B. findet außerhalb der Sutras und der formalen Lehren statt und ist eigentlich ein Weg zur unmittelbaren Erfahrung des Wesens der Dinge. Und das ist das Hauptanliegen des Buddha. Es bedarf also nicht immer des ganzen formellen Unterbaus, der sehr wohl ein geschicktes Mittel darstellt, wenn man Buddhismus in einem religiös-spirituellen oder buddhistischen Rahmen praktiziert, aber in einem Krankenhaus oder einem anderen säkularen Rahmen fehl am Platze ist.
Unsere Absicht ist, dass MBSR als ein Vehikel, als ein Mittel zum Verständnis des Dharma und des menschlichen Potenzials für Verwirklichung wirkt.
„Für mich ist das Sitzen in Meditation ein radikaler Akt der Liebe.“
Interessieren sich Menschen, die in der Klinik am MBSR-Programm teilgenommen haben, später für den Buddhismus?
Ich denke, dass einige unserer Patienten tatsächlich buddhistische Meditations- und Retreatzentren besuchen, weil dies die einzigen Orte sind, wo man für längere Zeit diese Art von Stille und wirklich gute Anleitung findet. Ein Bruchteil, ich vermute 10%, unserer Patienten landen in buddhistischen Zentren, und manche lassen sich wirklich tief auf den buddhistischen Aspekt ein. Bei vielen ist das nicht der Fall, ihre Praxis ist aber genauso rein.
In Ihrem neuen Buch befassen Sie sich sowohl aus einer persönlichen als auch der globalen Perspektive mit der Notwendigkeit, sich mit Tod und Sterblichkeit auseinanderzusetzen und als Teil der menschlichen Existenz zu akzeptieren. Mitten im Leben der Sterblichkeit gewahr zu sein ist ein Aspekt der Achtsamkeit als Lebensstil.
Ja, und zwar nicht nur für den Einzelnen, sondern für die Gesellschaft und die Nationen als Ganzes.
Wie gehören Mitgefühl und Liebende Güte dazu?
Überall! Mitgefühl und Liebende Güte – metta – sind eingefaltet in jeden Aspekt der Achtsamkeitspraxis. Bereits das Innehalten ist ein Akt der Liebenden Güte und des Mitgefühls. Für mich ist das Sitzen in Meditation ein radikaler Akt der Liebe. In der „Stress Reduction Clinic“ lehren wir zwar die formale mentale Achtsamkeitspraxis, aber ich bin der Ansicht, dass alle Arten von kontemplativer Praxis in Wahrheit Liebende-Güte-Übungen sind.
Das Ganze zielt auf Mitgefühl – Mitgefühl gegenüber sich selbst und allem anderen. Mitgefühl und Weisheit sind nicht zwei voneinander getrennte Dinge, sondern sind aufs innigste miteinander verbunden. Wenn man das SELBST in anderen Wesen erkennt, gibt es in gewisser Hinsicht keine Trennung der Wesen, sondern eine tiefe Verbundenheit und Harmonie zwischen den Empfindungen der Sehenden und denen der anderen Wesen. So entsteht überall, wo es Schmerz und Leid gibt, auf natürliche Weise Mitgefühl – auch in Bezug auf einen selbst.
Für mich sind Mitgefühl und Liebende Güte inniger Bestandteil der Achtsamkeit. Deshalb betone ich in meinen Seminaren, dass die Aufmerksamkeit, mit der wir uns selbst achtsam beobachten, nicht kalt und steril, sondern liebevoll und offenherzig sein möge.
Die europäischen Schulsysteme sind eine Quelle von enormem Stress sowohl für die Schüler als auch für die Lehrkräfte. Lässt sich die Achtsamkeitspraxis Ihrer Meinung nach in die Schulbildung einbinden?
Das geschieht bereits. In den USA engagiert sich eine ganze Bewegung für die Einführung der Achtsamkeit in das Bildungswesen. Dafür interessiert sich Seine Heiligkeit der Dalai Lama sehr. Außerdem ist es, neben dem Dialog mit den Naturwissenschaften, eines der wirklich großen Projekte auf der Agenda des „Mind and Life Institutes“ (www. mindandlife.org), Meditation bzw. kontemplative Praxis – ohne den Buddhismus – in das Mainstream-Bildungssystem einzuführen, und zwar auf allen Stufen. Dann gibt es das Netzwerk „Mindfulness in Education“ (www. mindfuled. org), das sich diesem Anliegen widmet, und das Garrison Institute hat eine „Initiative zu Kontemplation und Schulbildung“ gestartet und neulich einen Bericht über das Erreichte veröffentlicht (www.garrisoninstitute.org). Es wird also schon eine ganze Menge gemacht.
Das Interview führte Inge Hasswani

