Bilder des Gewahrseins und Mitgefühls
Tibetische Thangkas als Hilfen für die Meditationspraxis
Insbesondere für den Betrachter, der von außen herangeht, ist der Reichtum des tibetischen Buddhismus an bildlichen Darstellungen ein auffälliges und oft auch verblüffendes Kennzeichen. Im Allgemeinen kennt der Buddhismus doch keinen „Gott“, wie die monotheistischen Religionen, und in dem Sinne auch keine „Götter“, wie zum Beispiel der Hinduismus. Und doch sehen wir in den Darstellungen des Buddhismus tibetischer Prägung neben Darstellungen des historischen Buddha eine große Anzahl weiterer Buddhas, Bodhisattvas und vielfältiger Gottheiten. Ein breites Spektrum reicht von asketischen Meditierenden und gelehrten Meditationsmeistern über liebreizende Göttinnen und friedvolle Manifestationen bis hin zu zornvollen Hütern der Lehre und dynamischen Gottheiten in tantrischer Vereinigung.
Vergegenwärtigung führt zu Vereinigung
Nahezu jede formale Meditationspraxis schließt die Verbindung zu einer solchen „Gottheit“ ein. Wie sind solche Gottheiten mit der durchaus logisch aufgebauten und rational begründeten buddhistischen Philosophie vereinbar? Wer sind diese Wesenheiten und welche Rolle spielen sie innerhalb der tibetisch-buddhistischen Praxis?
Nach den Worten von Chögyal Namkhai Norbu ist Thangka-Malerei auf der gewöhnlichen Ebene eine Kunstform, die Buddha selbst, große Meister und ihre Lebensgeschichten zum Thema hat. Sie kann auch Darstellungen von Gottheiten beinhalten, die uns durch ihre Verkörperung positiver Werte darin unterstützen, schwierige Lebenserfahrungen zu meistern. Für den Praktizierenden veranschaulicht ein solches Thangka als Ausdruck einer höchsten buddhistischen Wahrheit den Zustand des „inneren Buddha“ in einem bestimmten Aspekt, den es zu realisieren gilt. Es ist gleichzeitig das Abbild eines göttlichen Wesens, das uns spiritueller Freund ist, und das Werkzeug für seine Visualisierung.
Damit ist es weit mehr als ein Kunstwerk oder auch bloßes Objekt der Verehrung, sondern ein zentrales Hilfsmittel für die Meditationspraxis, das hauptsächlich in den höheren Übungen zur Verfeinerung der Visualisierung genutzt wird. Eine solche Darstellung will den Prozess der Vergegenwärtigung und Verinnerlichung einer erwachten Präsenz unterstützen, der zur Identifikation und schließlich zur Vereinigung mit einem bestimmten Prinzip der Energie und Inspiration führt.
„Für den Praktizierenden kann ein Thangka den Zustand veranschaulichen, der dem wirklichen Zustand des „Buddha in uns“ entspricht.“ (Namkhai Norbu)
Die Rolle der Visualisierung
Die von Visualisierungen begleiteten tibetischen Meditationsübungen sind kein Selbstzweck, sondern dienen vielmehr dem Austausch der gewöhnlichen inneren Bilder, Gedanken und geistigen Prägungen durch heilsamere Inhalte. Mittels der schöpferischen Visualisierung lassen wir die Bilder erleuchteter Wesen sichtbar vor unserem geistigen Auge erscheinen. Durch dieses geschickte Hilfsmittel kann sich der Praktizierende in einen den Qualitäten der Meditationsgottheit entsprechenden Zustand versetzen und dadurch den angestrebten inneren Umwandlungsprozess kraftvoll unterstützen, weil diese Bilder die reine Energie des verwirklichten Zustandes vermitteln und übertragen.
Durch die Visualisierung einer Meditationsgottheit, die beispielsweise Mitgefühl verkörpert, wird die Identifikation damit viel konkreter als über die rein gedankliche Reflexion. Auch wenn zunächst nur die Vorstellung angesprochen sein mag, werden vom Unbewussten aus innere Prozesse in Gang gesetzt, die auf das Fühlen und Denken einwirken und die besondere Qualität der visualisierten Gottheit fest im Geistesstrom des Praktizierenden verankern.
Eine solche Praxis führt nicht nur schneller zu inneren Erfahrungen, sondern unterstützt auch das Verständnis von „Leerheit“, einem buddhistischen Kernbegriff, wonach alle Erscheinungsformen „leer“ von einer unabhängigen Existenz und eigenen Selbstnatur sind. Wenn sich der Praktizierende selbst in Gestalt einer Gottheit, seines Yidam, visualisiert, kann er die Dinge ihrer Natur nach leichter als „leer“ erkennen und auf der Basis dieser Weisheit spontan Mitgefühl entwickeln.
Die formale Yidam-Praxis
Bei einem Yidam handelt es sich um eine persönliche Meditationsgottheit, die eine der vielfältigen Erscheinungsformen von Buddhas erleuchteter Energie und Verwirklichung verkörpert. Sie fungiert nicht im Sinne eines äußeren Schutzes, sondern als innere Entsprechung – oder auch komplementäre Ergänzung – zu der geistig-psychischen Wesensnatur des Praktizierenden. Der Yidam hilft ihm dabei, die grundlegende Energie der für ihn charakteristischen Ausdrucksform der Buddha-Natur zu erkennen und mittels der Praxis die Vereinigung mit den Qualitäten des Yidam zu verwirklichen. Je nach der inneren Beschaffenheit des Praktizierenden und dem stärksten seiner Geistesgifte (Unwissenheit, Begehren oder Hass) kann der Yidam eine sanftmütige und friedvolle, eine kraftvolle und entschlossene oder auch eine zornvolle und zerstörende Form annehmen.
Als Symbole des Erwachens und der Befreiung bieten diese Meditationsgottheiten ideale Projektionsflächen für unser eigenes inneres Potential an erwachten und befreienden Qualitäten. In diesem Sinne kann der Yidam auch als Archetyp, als Urbild der menschlichen Psyche, verstanden werden. Solche Archetypen sind Teile des kollektiven Unbewussten und bergen die potentiellen Möglichkeiten der individuellen Psyche in sich.
Unser Yidam verkörpert nicht nur diese in uns angelegten Eigenschaften, sondern ist gleichzeitig auch ein Leitbild für den Weg, die angewendete Methode und das angestrebte Ziel.
Das Besondere bei der tibetischen Meditationspraxis ist, dass die Visualisierung einer Gottheit mit der Einsicht in die wahre Natur des eigenen Geistes verknüpft wird. In diesem Sinne handelt es sich bei der Thangka-Malerei um eine visionäre Kunst, die durch archetypische Bildsymbole den Zugang zu einer geistigen Welt und letztlich zur Natur des Geistes eröffnen will. Auf der höchsten Ebene spiegelt ein tibetisches Meditationsbild unseren eigenen Geist in seinem reinen und erwachten Zustand wider, unsere Buddha-Natur, die immer schon da ist. Damit wird die Erfahrung möglich, alle Erscheinungen „so wie sie sind“ als das Buddha-Mandala wahrnehmen zu können.
Die Weiße Tara
Am Beispiel der Weißen Tara soll hier der traditionelle Hintergrund eines tibetischen Meditationsbildes und seine praktische Funktion näher erläutert werden. Tara ist neben Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls, die in Tibet am höchsten verehrte Gottheit und der wichtigste weibliche Buddha. Sie genießt nicht nur als Schutzpatronin des tibetischen Volkes große Popularität und begleitet die Menschen als Helferin durch alle Lebenslagen, sondern ist auch die bevorzugte Meditationsgottheit von vielen bedeutenden Praktizierenden gewesen. Ihr Name bedeutet „Retterin“ oder „Befreierin“, besonders im Zusammenhang mit der Überquerung des Meeres des leidvollen Daseins, aber auch „Stern“. So verkörpert sich in ihr die rettende und befreiende Weisheit wie auch der uns dahin leitende Stern.
„Thangka-Malerei ist eine visionäre Kunst, die durch archetypische Bildsymbole den Zugang zu einer geistigen Welt und letztlich zur Natur des Geistes eröffnen will.“
Die Göttin Tara erscheint in unzähligen Manifestationen. Neben der Grünen Tara, der schnellfüßigen Retterin und aktiven Verkörperung des Mitgefühls, ist die Weiße Tara ihre zweite Hauptform. Sie ist von weißer Körperfarbe und hält auch einen weißen Lotos als Zeichen für ihre Reinheit. Als besonderes Kennzeichen hat sie insgesamt sieben Augen: neben den beiden gewöhnlichen ein drittes auf der Stirn und jeweils eines auf beiden Handflächen und Fußsohlen. Das versinnbildlicht die Allgegenwart ihrer mitfühlenden Fürsorge, da sie die Leiden der Wesen in allen Daseinsbereichen sehen kann. Sie verkörpert den eher passiven und meditativen Aspekt des Mitgefühls, was sich auch in ihrer Meditationshaltung zeigt – eine friedliche und mütterliche Energie mit beschützender Funktion. Die Gesten ihrer Hände gewähren Zuflucht und Wunscherfüllung. Ihr Segen schenkt ein allgemein günstiges Schicksal, Frieden und Wohlstand, Gesundheit und ein langes Leben. Sie trägt auch den Beinamen Yeshin Khorlo, „Wunscherfüllendes Rad“.
Ein ihr gewidmeter Textzyklus mit dem Titel „Den Tod überlisten“ spielt auf die Verlängerung der Lebensspanne durch die Tara-Praxis an. Als der große indische Meister Atisha im 11. Jahrhundert den Ruf nach Tibet erhielt, befragte er Tara als seine persönliche Schutzgottheit um Rat, ihm bei der Entscheidung zu helfen. Tara offenbarte ihm, dass er 92 Jahre alt werden würde, wenn er in Indien bleibe, und sein Leben 20 Jahre kürzer sein würde, wenn er nach Tibet gehe; dort könne er allerdings weitaus mehr für die Verbreitung des Dharma bewirken. Natürlich ging Atisha nach Tibet, wo er unter anderem die Tara-Verehrung begründete.
Ein ihr gewidmeter Textzyklus mit dem Titel „Den Tod überlisten“ spielt auf die Verlängerung der Lebensspanne durch die Tara-Praxis an. Als der große indische Meister Atisha im 11. Jahrhundert den Ruf nach Tibet erhielt, befragte er Tara als seine persönliche Schutzgottheit um Rat, ihm bei der Entscheidung zu helfen. Tara offenbarte ihm, dass er 92 Jahre alt werden würde, wenn er in Indien bleibe, und sein Leben 20 Jahre kürzer sein würde, wenn er nach Tibet gehe; dort könne er allerdings weitaus mehr für die Verbreitung des Dharma bewirken. Natürlich ging Atisha nach Tibet, wo er unter anderem die Tara-Verehrung begründete.
Tara sollte aber keinesfalls auf diesen Langlebensaspekt reduziert werden, sondern sie beseitigt auch Hindernisse auf dem Pfad und gewährt Hilfe, um den Ozean des Leidens zu durchqueren und das rettende Ufer der Befreiung zu erreichen. Dafür löst sie innere Konflikte auf und hilft Ruhe zu finden, verstärkt die Hingabe und vertieft die Weisheit. Der Übende kann durch seine Praxis und Identifikation mit ihr viele positive Qualitäten in sich erwecken und nicht nur ein „langes glückliches Leben“, sondern vor allem auch ein in spiritueller Hinsicht reiches, erfülltes und für andere fruchtbares Leben führen. So kann die Welt der Erscheinungen schließlich zum Mandala des „Wunscherfüllenden Rades“ werden.
Die Lebenspraxis
Der Alltag als Übung ist ein sehr wichtiger Aspekt der Meditationspraxis. Große Lehrer haben immer wieder betont, dass jede Lebenssituation zum Teil der Praxis werden kann – ja, dass letztlich die Übung gelebt und nicht nur geübt werden soll. Das Leben bietet ständig eine der allerbesten und auch herausforderndsten Möglichkeiten, nämlich die unmittelbare Übung im Jetzt. Dharma-Praxis ist nicht gleichbedeutend mit Entsagung und Rückzug aus der Welt, auch wenn bestimmte Übungsphasen in Zurückgezogenheit äußerst förderlich sein können. Die Verbindung von spiritueller Praxis mit weltlichen Aktivitäten kann dem Praktizierenden die Möglichkeit geben, seine speziellen Begabungen auf geschickte Weise und zum Nutzen anderer Wesen einzusetzen.

