Bilder des Gewahrseins und Mitgefühls
Tibetische Thangkas als Hilfen für die Meditationspraxis
Die Kunst der tibetischen Malerei ist stets die visuelle Umsetzung der buddhistischen Lehre und dient der Verwirklichung der Buddha-Natur in uns. Sylvia Luetjohann, langjährige Praktizierende, erklärt Funktion und Wirkung der Meditationsbilder.
Insbesondere für den Betrachter, der von außen herangeht, ist der Reichtum des tibetischen Buddhismus an bildlichen Darstellungen ein auffälliges und oft auch verblüffendes Kennzeichen. Im Allgemeinen kennt der Buddhismus doch keinen „Gott“, wie die monotheistischen Religionen, und in dem Sinne auch keine „Götter“, wie zum Beispiel der Hinduismus. Und doch sehen wir in den Darstellungen des Buddhismus tibetischer Prägung neben Darstellungen des historischen Buddha eine große Anzahl weiterer Buddhas, Bodhisattvas und vielfältiger Gottheiten. Ein breites Spektrum reicht von asketischen Meditierenden und gelehrten Meditationsmeistern über liebreizende Göttinnen und friedvolle Manifestationen bis hin zu zornvollen Hütern der Lehre und dynamischen Gottheiten in tantrischer Vereinigung.
Vergegenwärtigung führt zu Vereinigung
Nahezu jede formale Meditationspraxis schließt die Verbindung zu einer solchen „Gottheit“ ein. Wie sind solche Gottheiten mit der durchaus logisch aufgebauten und rational begründeten buddhistischen Philosophie vereinbar? Wer sind diese Wesenheiten und welche Rolle spielen sie innerhalb der tibetisch-buddhistischen Praxis?
Nach den Worten von Chögyal Namkhai Norbu ist Thangka-Malerei auf der gewöhnlichen Ebene eine Kunstform, die Buddha selbst, große Meister und ihre Lebensgeschichten zum Thema hat. Sie kann auch Darstellungen von Gottheiten beinhalten, die uns durch ihre Verkörperung positiver Werte darin unterstützen, schwierige Lebenserfahrungen zu meistern. Für den Praktizierenden veranschaulicht ein solches Thangka als Ausdruck einer höchsten buddhistischen Wahrheit den Zustand des „inneren Buddha“ in einem bestimmten Aspekt, den es zu realisieren gilt. Es ist gleichzeitig das Abbild eines göttlichen Wesens, das uns spiritueller Freund ist, und das Werkzeug für seine Visualisierung.
Damit ist es weit mehr als ein Kunstwerk oder auch bloßes Objekt der Verehrung, sondern ein zentrales Hilfsmittel für die Meditationspraxis, das hauptsächlich in den höheren Übungen zur Verfeinerung der Visualisierung genutzt wird. Eine solche Darstellung will den Prozess der Vergegenwärtigung und Verinnerlichung einer erwachten Präsenz unterstützen, der zur Identifikation und schließlich zur Vereinigung mit einem bestimmten Prinzip der Energie und Inspiration führt.
Die Rolle der Visualisierung
Die von Visualisierungen begleiteten tibetischen Meditationsübungen sind kein Selbstzweck, sondern dienen vielmehr dem Austausch der gewöhnlichen inneren Bilder, Gedanken und geistigen Prägungen durch heilsamere Inhalte. Mittels der schöpferischen Visualisierung lassen wir die Bilder erleuchteter Wesen sichtbar vor unserem geistigen Auge erscheinen.
„Für den Praktizierenden kann ein Thangka den Zustand veranschaulichen, der dem wirklichen Zustand des „Buddha in uns“ entspricht.“ (Namkhai Norbu)
Durch dieses geschickte Hilfsmittel kann sich der Praktizierende in einen den Qualitäten der Meditationsgottheit entsprechenden Zustand versetzen und dadurch den angestrebten inneren Umwandlungsprozess kraftvoll unterstützen, weil diese Bilder die reine Energie des verwirklichten Zustandes vermitteln und übertragen.
Durch die Visualisierung einer Meditationsgottheit, die beispielsweise Mitgefühl verkörpert, wird die Identifikation damit viel konkreter als über die rein gedankliche Reflexion. Auch wenn zunächst nur die Vorstellung angesprochen sein mag, werden vom Unbewussten aus innere Prozesse in Gang gesetzt, die auf das Fühlen und Denken einwirken und die besondere Qualität der visualisierten Gottheit fest im Geistesstrom des Praktizierenden verankern.
Eine solche Praxis führt nicht nur schneller zu inneren Erfahrungen, sondern unterstützt auch das Verständnis von „Leerheit“, einem buddhistischen Kernbegriff, wonach alle Erscheinungsformen „leer“ von einer unabhängigen Existenz und eigenen Selbstnatur sind. Wenn sich der Praktizierende selbst in Gestalt einer Gottheit, seines Yidam, visualisiert, kann er die Dinge ihrer Natur nach leichter als „leer“ erkennen und auf der Basis dieser Weisheit spontan Mitgefühl entwickeln.
Die formale Yidam-Praxis
Bei einem Yidam handelt es sich um eine persönliche Meditationsgottheit, die eine der vielfältigen Erscheinungsformen von Buddhas erleuchteter Energie und Verwirklichung verkörpert. Sie fungiert nicht im Sinne eines äußeren Schutzes, sondern als innere Entsprechung – oder auch komplementäre Ergänzung – zu der geistig-psychischen Wesensnatur des Praktizierenden. Der Yidam hilft ihm dabei, die grundlegende Energie der für ihn charakteristischen Ausdrucksform der Buddha-Natur zu erkennen und mittels der Praxis die Vereinigung mit den Qualitäten des Yidam zu verwirklichen. Je nach der inneren Beschaffenheit des Praktizierenden und dem stärksten seiner Geistesgifte (Unwissenheit, Begehren oder Hass) kann der Yidam eine sanftmütige und friedvolle, eine kraftvolle und entschlossene oder auch eine zornvolle und zerstörende Form annehmen.
Als Symbole des Erwachens und der Befreiung bieten diese Meditationsgottheiten ideale Projektionsflächen für unser eigenes inneres Potential an erwachten und befreienden Qualitäten. In diesem Sinne kann der Yidam auch als Archetyp, als Urbild der menschlichen Psyche, verstanden werden. Solche Archetypen sind Teile des kollektiven Unbewussten und bergen die potentiellen Möglichkeiten der individuellen Psyche in sich.
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