DAS GLÜCK DES HORCHENDEN HERZENS
Bruder David Steindl-Rast im Gespräch Zum 80. Geburtstag am 12. Juli 2006
Der Benediktinermönch David Steindl- Rast wurde am 12. Juli 1926 in Wien geboren. Als seine Eltern sich trennten, zog seine Mutter mit David und seinen zwei jüngeren Brüdern in die österreichischen Alpen, wo er in einer Dorfschule unterrichtet wurde und in der herrlichen Umgebung des Preiner Tals den Reichtum von Natur und Kultur intensiv erleben konnte.
Der Zweite Weltkrieg berührte Bruder David stark. Er war 12 Jahre alt und besuchte die Neuland- Schule, ein fortschrittliches Internat der katholischen Kirche im Kaasgraben in Wien, als Nazi-Truppen Österreich im Jahre 1938 einnahmen. Während ältere Schulkameraden eingezogen wurden und zum Teil in den Armeen des Dritten Reiches starben, engagierten sich David und seine Freunde in symbolischen Widerstandsbewegungen und fanden in ihrem Glauben eine grundlegende Quelle für Orientierung und Stärke. „Von allen Einflüssen“, meint Bruder David heute rückblickend, „die mein Leben formten, war wohl der Bund Neuland, eine Jugendbewegung, der entscheidendste. Dieser Einfluss ist dann – im Geheimen – durch Pater Arnolf Dolezal, der in späteren Jahren Probst von Wienerneustadt war, bis nach Kriegsende in unserer Untergrundgruppe fortgesetzt worden. Mein Dank für diese Führung ist grenzenlos.“
1944 wurde Bruder David von den Deutschen zum Wehrdienst gezwungen, konnte aber nach einem Jahr entfliehen, lebte bis Kriegsende im Untergrund, begann sein Studium an der Akademie der Schönen Künste in Wien und restaurierte im Krieg beschädigte Kunstgegenstände. Inspiriert durch die schöpferischen Arbeiten von Kindern und Naturvölkern, studierte er Psychologie und Anthropologie mit abschließender Promotion zum Dr. phil. im Jahre 1952.
„Wir bedürfen der Stunden, in denen wir schweigend lauschen und das göttliche Wort in uns wirken lassen.“ (Edith Stein, 1891-1942
Mitglied einer engagierten Mönchsgemeinschaft
1953 besuchte er seine inzwischen nach Amerika ausgewanderte Mutter und Brüder und lernte eine Gruppe von Benediktinermönchen kenne, die in der Nähe von Elmira im Staat New York eine Gemeinschaft gegründet hatten, um das ursprüngliche monastische Leben zu erneuern, wie es der heilige Benedikt im 6. Jahrhundert konzipiert und dargelegt hatte. David trat in den Benediktinerorden ein, weil ihn die Ordensregel faszinierte: Demut, Handarbeit, Gebet, Studium und Leben in der Gemeinschaft. Zwölf Jahre lang tauchte der junge Benediktinermönch Brother David in diese Ordensdisziplin und verließ kaum das neu gegründete Kloster Mount Saviour. Die nur zwölf Mönche fanden ein weithin großes Ansehen aufgrund der Ernsthaftigkeit ihres Vorhabens und der Beweglichkeit ihres intellektuellen Lebens.
Brother David vertiefte seine Studien der Theologie und Philosophie und konnte Mitte der 60-er Jahre sein Interesse am Zen- Buddhismus u.a. bei Yasutani Hakuun Roshi und Suzuki Shunryu Roshi kultivieren, nachdem sich das II. Vatikanische Konzil anderen Religionen gegenüber geöffnet hatte. Der große Brückenbauer zwischen Zen-Buddhismus und Christentum war der Jesuit und Zen-Meister H.M. Enomiya-Lassalle (1898 – 1990). Für die amerikanische Ausgabe des von Roland R. Ropers herausgegebenen und in viele Sprachen übersetzten Lassalle-Buches „Leben im Neuen Bewusstsein“ schrieb Brother David eine faszinierende Einführung. David Steindl- Rast wurde ein enger Freund des legendären Trappistenmönchs Thomas Merton (1915 – 1968), mit dem er zusammen das spirituelle Leben in den USA erneuerte.
Seit Jahrzehnten ist Brother David auf allen Kontinenten der Erde ein gefragter Redner und spiritueller Lehrer bei Konferenzen, Tagungen, interreligiösen Begegnungen. Viele Jahre lebte er in Big Sur und war für die spirituelle Führung des berühmten Esalen-Institutes verantwortlich. Brother David spricht in kaum vergleichbarer Schönheit die Sprache des Herzens und erreicht die Menschen auf der tiefsten Ebene ihres Daseins. Seine Publikationen haben Millionen von Menschen in vielen Ländern der Erde erreicht. 1975 wurde er mit dem „Martin Buber Award“ in den USA ausgezeichnet und 1992, zusammen mit Fritjof Capra, mit dem „American Book Award“ für das Buch „Belonging to the Universe“ (deutsch: „Wendezeit im Christentum“)
Viele Wege – ein Ziel?
Roland R. Ropers: Würden Sie darin übereinstimmen, dass alle religiösen Wege an denselben Ort, an dasselbe Ziel führen?
David Steindl-Rast: Der Weg beginnt im Herzen. Ich habe auf meinen vielen Reisen keinen Menschen gefunden, der mich darüber im Zweifel gelassen hat, dass wir im Innersten unserer Herzen alle eins sind. Nicht bloß ähnlich, sondern eins. Es gibt nur ein menschliches Herz; und dort beginnt der Weg. Der Weg fängt mit der Entdeckung an, dass wir im tiefsten Inneren alle zusammengehören. Man kann es als das All-Einssein oder kosmische Einheit bezeichnen. Mein Lieblingsausdruck hierfür ist Zugehörigkeit.
Als wir Kinder waren, besaßen wir noch dieses sehr lebendige Gefühl. Als Erwachsene erleben wir es noch manchmal in der Natur oder im Zusammensein mit anderen Menschen. Diese tiefe Zugehörigkeit könnte man in der Tat als Heimat oder Zuhause bezeichnen. Heimat ist dort, von wo aus wir beginnen. T.S. Eliot sagt: „Das Ende all unserer Erforschungen wird darin bestehen, dort anzukommen, wo wir gestartet sind und diesen Ort zum ersten Mal erkennen.“ So ist die Endstation des Weges die Rückkehr nach Hause.
Diese Sehnsucht nach Zugehörigkeit, dieses Heimatgefühl des Herzens ist der Weg innerhalb jedes Weges. Wenn Sie mich aber fragen, ob alle Wege an denselben Ort führen und man an die Manifestation dieser Sehnsucht denkt, muss man in dieser Betrachtung sehr vorsichtig sein. In allen Traditionen, die ich kenne, führt der innere Weg an dasselbe Ziel. Aber manchmal kann uns der äußere Weg vom inneren Weg ablenken. In der christlichen Tradition hat dieser universelle Herzensweg verschiedenste Bezeichnungen. Jede Benennung, meine eigene nicht ausgenommen, hat Aspekte, die zum Erreichen unseres Ziels schädlich sind.
Unsere Aufgabe besteht darin, sofern wir einer Religion angehören, unsere besondere Religion religiös zu machen, sie in den Herzensweg zu verwandeln. Sie können im Stil des Zen meditieren oder alles tun, was man von einem Katholiken erwartet, und es wird Sie zu nichts führen, wenn es nicht aus dem Herzen kommt, wenn Sie nicht das Zentrum Ihres eigentlichen Zuhauses finden. Und dann sind Sie bereits angekommen.
Kann das Studium anderer Traditionen uns helfen, in uns das Gefühl für diesen Herzensweg wieder lebendig zu machen?
Sehr sogar, sowohl positiv wie negativ. Nachdem wir all die Unzulänglichkeiten anderer Religionen gesehen haben, können wir viel leichter die Unzulänglichkeiten unserer eigenen erkennen. Dies wäre der negative Zugang. Wenn wir uns aber öffnen, können wir auch in jeder Tradition Menschen sehen, die hingebungsvoll ihr Leben einsetzen – große, sehr inspirierende geistige Lehrer – und plötzlich hat man eine größere Anzahl von Heiligen als zuvor. Am Allerheiligenfest werden in unseren Fürbitten bei uns im Kloster alle großen buddhistischen und hinduistischen Lehrer gleichwohl erwähnt.
Wir müssen unser eigenes Zentrum finden
Sie haben einmal gesagt: „Je näher man dem Herzen der eigenen Tradition kommt, desto näher kommt man auch dem Herzen anderer Traditionen.“ Was denken Sie über junge Leute, die in der christlichen Tradition aufgewachsen sind und sie dann verlassen, um woanders nach Führung zu suchen, nach einem Weg ihres Herzens? Denken Sie, dass dies angebracht ist und sie letztlich finden, wonach sie suchen? Oder müssen sie irgendwann zurückkommen und ihre Beziehung mit ihrer eigenen Tradition klären?
Das, was wir immer finden müssen, ist unser eigenes Zentrum. Nicht irgendeine Unterweisung von außen, sondern unser innerster Herzensbereich ist unser Ziel. Wenn die Tradition, in der man erzogen wurde, für einen in dieser Richtung nicht hilfreich war, finde ich es in Ordnung, wenn man woanders sucht, und ich habe Hoffnung, dass die Suche erfolgreich sein wird.
Wenn ich junge Menschen sehe, die nach Indien gehen und plötzlich buddhistische Gewänder tragen, denke ich zunächst an deren Eltern. Und ich versuche ihnen zu sagen: Freuen Sie sich mit Ihrem Kind, da es unter einem anderen Deckmantel das gefunden hat, was für Ihr Kind so wichtig ist.
Die Wege sind sehr verschieden. Je mehr wir sie studieren, desto mehr erkennen wir, dass sie weitaus unterschiedlicher sind, als wir ursprünglich dachten. Oberflächlich betrachtet, gibt es eine gewisse Ähnlichkeit, und auf der tiefsten Ebene ist Einssein. Aber zwischen diesen beiden Polen sind die Wege so unterschiedlich wie nur möglich. Das ist gut so, weil es dadurch für jeden etwas gibt.
Religionen sind anscheinend wie Menschen. Äußerlich sind wir einander sehr ähnlich und im Tiefsten haben wir dasselbe Herz. Aber unsere Persönlichkeiten sind sehr unterschiedlich.
Das genau ist die Parallele. Daher müssen verschiedene Menschen verschiedenen Wegen folgen, um das Einssein zu finden, welches in der Tat uns alle verbindet. Dort anzukommen bedeutet Glückseligkeit, der Weg des Herzens.
Jeder Mensch hat eine kontemplative Neigung
Das Wort „kontemplativ“ wird oft benutzt, um das Leben benediktinischer Mönche zu beschreiben. Was bedeutet Kontemplation in Ihrer Praxis, und wie unterscheidet sie sich von der Meditation im östlichen Sinne?
In der christlichen Tradition betont die Meditation mehr das Tun; man liest einen Text und meditiert darüber, d.h. man reflektiert darüber auf einer tieferen Ebene oder man benutzt den Text wie ein Mantra. Dann kommt ein weiteres Stadium, welches man als Kontemplation bezeichnet, wo man nicht mehr Kontrolle über den Prozess hat. Man öffnet sich, man lässt Wort, Gedanke oder Bild beiseite und schon ist man angekommen. Und dies wirkt wie eine Veränderung, Verwandlung.
Der lateinische Terminus „contemplatio“ drückt eine der ursprünglichsten religiösen Haltungen, die wir zurückverfolgen können, aus. Es handelt sich um die Idee, dass die höheren Dinge das Ordnungsmuster für die niederen schafft. „Templum“, was wir heute Tempel nennen, war ursprünglich nicht ein Gebäude, sondern das Symbol für die kosmische Ordnung des Himmels mit all seinen Planeten und Sternen. Die römischen Priester und Auguren befragten den Himmel, den Tempel, übertrugen die dort gefundene Ordnung und projizierten sie auf das Chaos des täglichen Lebens. Jeder Mensch hat eine kontemplative Neigung, welche der Aspekt des inneren Lebens ist, wodurch wir den Sinn des Lebens suchen. Wir sollten die Augen nach oben richten und auf das schauen, was unserem Leben Sinn verleiht. Wir sollten nach den höheren, unveränderlichen Dingen schauen und unser Leben in Ordnung zu bringen versuchen.
Dankbarkeit – ein Ausdruck der Zugehörigkeit
Auf welche Weise ist Dankbarkeit tatsächlich Herzensgebet?
Beten ist die Tätigkeit von Religion. „Religion“ ist eines der seltsamsten Substantive ohne entsprechendes Verb. Man kann nicht sagen: ich „religioniere“. Ich denke oft, das Verb „beten“ kommt der aktiven Religionsausübung am nächsten. Im Herzen der Religion gibt es ein Gefühl für Zugehörigkeit. Im Herzen der Dankbarkeit existiert im tiefsten Sinne, wenn man Dankeschön sagt und es wirklich meint, ein Ausdruck von Zugehörigkeit: „Wir gehören zusammen!“ Daher haben manche Menschen Schwierigkeiten, danke zu sagen, weil sie sich nicht verpflichten möchten. Aber in einer gesunden Gesellschaft, die wir uns alle wünschen, brauchen wir wechselseitige Verpflichtungen. Jeder ist jedem verpflichtet – wir gehören alle zusammen. Und dies ist eine Haltung gegenüber dem Leben, eine Haltung, die wir kultivieren können.
In jedem Augenblick können wir für das Geschenk, welches Leben ist, wach sein. Und hier sind wir im Herzen religiösen Lebens. Dies ist wahrhaftiges Gebet: ein aus der Tiefe kommendes Wachsein für unsere grenzenlose Zugehörigkeit: zu uns selbst, zu anderen, zum Universum, zu Gott, zur letzten Wirklichkeit. In der Tat ist für mich die elementarste, die umfassendste, die befriedigendste Definition von Gott, die, dass er derjenige ist, der Bezugspunkt für unser tiefstes Zugehörigkeitsempfinden ist. Und Dankbarkeit ist das freudige Leben im Zustand des Zugehörigseins. In jedem Augenblick kann diese Freude in uns lebendig werden.
Die Fragen stellte Roland R. Ropers

