Das göttliche Gesetz
Fundament der Schöpfung – Bund Gottes mit den Menschen
Das göttliche Gesetz ist das Fundament der Schöpfung und beruht auf zwei Grundsätzen: mit dem Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit hält es die Welt in Gang und bindet die Seelen darin ein, und mit dem Prinzip der Barmherzigkeit weist es ihnen den Weg, sich wieder aus diesen irdischen Bindungen zu befreien und zu Gott zurückzukehren.
Ursprüngliches Offenbarungswissen
Religion ist die Wissenschaft, die uns das Wissen von Gott und das Wissen von der Beziehung zwischen der Seele und Gott vermittelt. Von Gott und seinem Verhältnis zur Seele können wir aber nur so viel erfahren, wie er uns selbst offenbart, und darum kann es keine Religion ohne Gottes Offenbarungen geben. Deshalb gab er dem Menschen sein göttliches Wissen, sobald er ihn in die Schöpfung gestellt hatte. Dieses Wissen wurde auch den Sehern (Rishis) oder Propheten der Veden zuteil. Über unvorstellbar lange Zeiträume hin wurde es mündlich weitergegeben, bis es dann in Form der heiligen Schrift, die wir als Veden bezeichnen, zusammengefasst und niedergeschrieben wurde. Die Veden enthalten das Wissen der Religion in seiner ursprünglichen und umfassenden Form. Wer die Zeugnisse der vedischen Seher liest und versteht, erkennt, dass sie alle dieselben Erkenntnisse von Gott beschreiben. Allein aus dieser Tatsache wird deutlich, dass Religion in ihrem eigentlichen, ursprünglichen Sinne als das offenbarte Wissen von Gott keiner Entwicklung unterliegt, sondern ewige Gültigkeit besitzt. Religion unterliegt nicht der Evolution, da Gottes Schöpfung von Anbeginn so vollkommen war wie Gott selbst. Seit er den Menschen schuf, hat er die innere Verbindung mit ihm durch die Offenbarungen, die er ihm gewährte, stets aufrecht erhalten, und so ist Religion von Anfang an die Offenbarung des höchsten und vollkommensten Wissens. Daraus folgt, dass es für die ganze Menschheit und für alle Zeiten auch nur eine Religion geben kann. Gottes Offenbarungen an die Seele, in denen er dem menschlichen Geist sein eigenes Wesen mitteilt, besitzen für alle die gleiche Einheit und ewige Gültigkeit.
Unabänderliche Gültigkeit
Auch Jesus lehrte nach dem Zeugnis der Evangelien ausdrücklich die ewige Gültigkeit von Gottes Gesetz: „Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: bis dass Himmel und Erde vergehen, wird nicht der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz vergehen, bis dass es alles geschehe.“ (Matth. 5,17-18) Der Ausdruck „Gesetz“ besagt, dass es das Fundament ist, das Gott Seiner Schöpfung vom ersten Tage an zugrunde legte, und es ist der Bund, auf dem seit Anbeginn der Schöpfung die Beziehung zwischen Gott und den Menschen beruht.
Das Bestehen der Welt ist unlösbar mit dem göttlichen Gesetz verknüpft.
Dieses Gesetz wird bis in alle Zukunft dieselbe Gültigkeit besitzen wie schon in der Vergangenheit, und zwar in jedem einzelnen Punkt, denn das Bestehen der von Gott geschaffenen Welt ist unlösbar mit diesem Gesetz verknüpft. Auch die darin verankerten Gebote für die Menschen werden immer dieselbe Gültigkeit bewahren. Der Mensch wird also zu allen Zeiten von Gott nach demselben Maßstab gemessen werden, den er von Anfang an festlegte.
Das Prinzip der Gerechtigkeit
Vier Säulen tragen das göttliche Gesetz: das menschliche Handeln und dessen Rückwirkungen, die göttliche Weisheit und die Erlösung.
Das Gesetz des Handelns, das Prinzip von Ursache und Wirkung, gehört daher zu den Eckpfeilern der Religion. In den Veden werden diese vier Elemente in allen Einzelheiten erklärt, und sie sind auch Bestandteil aller Religionen, selbst wenn sie dort mit unterschiedlichen Worten beschrieben werden. Im Laufe der Zeit werden immer wieder einzelne Elemente vergessen, außer Acht gelassen, missdeutet oder absichtlich aus der Lehre entfernt. So geschah es im Christentum mit dem Gesetz von Ursache und Wirkung, das im Osten unter dem Begriff Karma bekannt ist. Mit dem karmischen Gesetz hält Gott das aus ihm hervorgegangene Universum in Gang und im Gleichgewicht. Danach zieht jede Handlung oder Aktion eine entsprechende Re-Aktion nach sich. Im Alten Testament wird es als Prinzip des gerechten Ausgleichs mit den knappen Worten „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zusammengefasst. Wer gute Taten sät (Ursache), erntet gute Früchte (Wirkung), und wer schlechte Taten sät, erhält dafür Disteln und Dornen. Auf diese Weise richten sich die Menschen durch ihre Handlungen selbst: da Gottes Gesetz vollkommen ist, braucht er in diesen Ablauf gar nicht aktiv einzugreifen, denn genauso wie im physikalischen Bereich jede Ursache die ihr genau entsprechende Wirkung nach sich zieht, verhält es sich auch im Bereich des Geistes.
Das Prinzip der Barmherzigkeit
Zugleich will Gott aber nicht, dass die Seelen für immer in diesem Mechanismus gefangen bleiben, der sie für zahllose Inkarnationen an die Welt gebunden hält. Die Seelen sind ihrem Ursprung nach reiner Geist, vom selben Wesen wie Gott, und so steht er zu ihnen wie ein Vater zu seinen Kindern. Darum möchte er, dass sie ihre ursprüngliche göttliche Erhabenheit wiedererlangen und somit wahrhaft unsterblich werden. Deshalb hat er seine Heiligen, Gottessöhne oder Propheten (wie auch immer wir sie bezeichnen mögen) in die Welt gesandt und sie mit aller göttlichen Vollmacht ausgestattet. In ihnen ist – als Gegenpol zum Aspekt der ausgleichenden Gerechtigkeit – der Aspekt reiner Barmherzigkeit verkörpert, weshalb sie in den heiligen Schriften oftmals als „Meer der göttlichen Barmherzigkeit“ bezeichnet werden.
Ihre Aufgabe ist es, die Seelen, die ein Verlangen nach Gott haben, aus der Knechtschaft der physischen Existenz herauszuführen und wieder mit Gott zu vereinen:
„Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“
-Joh. 3,17
Vergebung statt Vergeltung
Wir können dem unerbittlichen Kreislauf von Schuld und Sühne aber erst entrinnen, wenn alle unsere Handlungen ihren gerechten Ausgleich erfahren haben und wir die Strafe für alle unsere Sünden erduldet haben, bis hin zur allerkleinsten:
„Amen, amen, das sage ich dir: Du kommst von dort (aus dem Gefängnis) nicht heraus, bis du den letzten Heller bezahlt hast.“
-Joh. 5,26
Gott ist gerecht, und alle unsere Handlungen aus zahllosen Lebensläufen sind bis ins Detail in einer Art Chronik auf der Seele aufgezeichnet. Selbst wer eine „Tat“ nur in Gedanken begangen hat, muss dafür Rechenschaft ablegen (vgl. Matth. 5,27). Doch obwohl der Mensch bei allem, was er tut, dem gerechten Prinzip von „Auge für Auge, Zahn um Zahn“ unterliegt, soll er es nicht für sich selbst anwenden, indem er daraus das Recht ableitet, an anderen Vergeltung zu üben:
„Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leiste dem, der dir etwas Böses antut, keinen Widerstand...“
-Matth. 5,38-39
Denn wer die Gerechtigkeit in die eigenen Hände nimmt, lädt damit neue Schuld auf sich, die er später wieder sühnen muss. Das heißt nicht etwa, dass Gottes Gerechtigkeit außer Kraft gesetzt wird und der andere ungeschoren davon kommt. Mit diese Maßnahme sollen wir vielmehr unser eigenes Karma verbessern, indem wir das uns zugefügte Unrecht hinnehmen, ohne uns weiter damit aufzuhalten, und die Vergeltung dafür Gott überlassen. Wenn wir selbst Vergeltung üben, verstricken wir uns sich damit weiter in hasserfüllte Gedanken und Taten. Wenn wir jedoch Vergebung üben, weiten wir damit unser Herz:
„Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“
-Matth. 5,44
„Dein Almosen soll verborgen bleiben, und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.“
-Matth. 6,4
Wir wissen ja nicht, ob wir nicht aufgrund früherer Karmas bei dem betreffenden Menschen in der Schuld stehen. Auf diese Weise lösen wir uns allmählich von der Bindung an die Früchte unseres Handelns und befreien uns nach und nach aus dem Netz des Karmas. Diese Haltung kann jedoch nur entfalten, wer Gottes Allgegenwart, Allwissenheit und Barmherzigkeit durch seine Offenbarungen im Innern erfährt und davon unerschütterlich überzeugt ist. Wer auf diese Weise handelt, wird der östlichen Terminologie zufolge „im Handeln frei von dessen Rückwirkungen“ (neh-karma) und ist auf dem Wege zur Erlösung.
Die Wandlung der Seele
Auch auf diesem Wege ist das Gesetz von Ursache und Wirkung stets wirksam:
„Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.“
Matth. 7,8
Was wir von Gott im Gebet an spirituellen Schätzen empfangen, richtet sich nach der Kraft unserer Sehnsucht. Ob wir das Reich Gottes finden, hängt davon ab, wie zielgerichtet wir suchen. Ob uns die zehnte Tür im Innern, die „enge Pforte“ zum „Himmelreich“, geöffnet wird, liegt daran, ob wir unsere Aufmerksamkeit vollkommen an diesem Punkt sammeln und auf diese Weise anklopfen. Wenn uns die Tür nach innen geöffnet wird, empfangen wir die göttliche Weisheit, von der es heißt:
„Vollkommen ist die Weisung des Herrn, sie labet die Seele; das Zeugnis des Herrn ist verlässlich, weise macht es den Toren.“
- Ps 19,8
Durch das vollkommene, ewige und universale göttliche Gesetz erfährt die Seele eine grundlegende Wandlung: die Befreiung vom Ego. Das Ego wurzelt im Verstand und stellt sich immer wieder zwischen Gott und die Seele, so dass sie die göttliche Weisheit nicht aufnehmen kann und Gott und ihren wahren Ursprung vergisst. Religion besteht also darin, die Seelen über die Grenzen ihrer eigenen weltlichen Erkenntnis in den Bereich der göttlichen Weisheit zu erheben, die durch Gottes eigene Offenbarungen vermittelt wird.
Der Weg in die Freiheit
Wie das genau geschieht, erklärt Rig Veda 2-9-1: Der inspirierende, weise, erleuchtete Heilige zieht uns nach innen zur engen Pforte (und) gewährt ... uns ewige göttliche Weisheit in Fülle. Der Sucher begegnet einem Heiligen, der fähig ist, ihm göttliche Offenbarungen zu gewähren; mit Hilfe des Heiligen wird sein Bewusstsein nach innen über die Sinne gehoben, wo es in Meditation verweilt und unterschiedliche göttliche Offenbarungen erfährt, die ihm göttliche Weisheit und Erleuchtung vermitteln. Statt weiterhin auf sein Ego zu hören, das ihn immer wieder zu fehlerhaften Entscheidungen verführt, empfängt er nun direkte Weisungen von Gott, die ihm für alle Lebenslagen die richtige Lösung eingeben. Diese Art von „Lebenshilfe“ ist aber nicht die einzige Wirkung der göttlichen Weisheit. Rig Veda 2-20-8 führt abschließend aus: Der ewige Heilige, an Macht Gott gleich, verschmilzt uns durch göttliche Weisheit mit Gott. Ihr höchster Zweck ist die Vereinigung der Seele mit Gott. Wenn die Seele, die ursprünglich ein Teil Gottes ist, sich zwischenzeitlich jedoch auf die Erscheinung der materiellen Welt begrenzt hat, von dieser Täuschung gereinigt ist und in den allbewussten göttlichen Geist zurückkehrt, dann sprechen wir von Erlösung (moksha). Dies ist das Ziel der Religion.

