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Der Guru - Arzt für die Seele

Der Guru - Arzt für die Seele

„Lieber keinen Meister als einen falschen!“

Von den einen tief verehrt und innig geliebt, von den anderen mit Argwohn und Misstrauen betrachtet, für wieder andere sind sie ein Stein des Anstoßes: die Gurus oder spirituellen Meister. Wozu sind sie gut, und sind sie überhaupt notwendig? Yasmina Bauernfeind, die selbst eine grundlegende Transformation durch die Schulung in Sahaj Meditation bei der Sri Ram Chandra-Linie erlebte, beleuchtet die Bedeutung des Gurus für den spirituellen Fortschritt.

Worum geht es in der Arbeit eines spirituellen Meisters? Wir haben im Laufe der Zeit unzählige Schichten um unser Herz gelegt, mit denen wir uns zu schützen versuchen, die uns aber von unserem wahren Wesen, unserer göttlichen Natur, trennen. Diese Schichten sind wie die Schalen einer Zwiebel, aber sie sind nicht so leicht zu entfernen, weil sie viel zäher und härter sind. Statt dem Leben offen und unvoreingenommen gegenüberzutreten, leisten wir Widerstand: Wir reagieren. Wir halten an unseren Schutzwällen, Verteidigungsstrategien und komfortablen Sicherheitszonen fest. Niemand von uns kommt freiwillig auf die Idee, diese Last zu entsorgen – bis zu dem Tag, an dem diese Schichten zu einer echten Behinderung werden. Und dann ist guter Rat teuer.

Wir haben unser Leben eingerichtet, in einer viereckigen Box. Und obwohl sie uns überhaupt nicht entspricht, zu eng und zu unbequem ist, halten wir daran fest, als ginge es um unser Überleben. Alles, was sich außerhalb dieser begrenzten Realität bewegt, erregt Angst, gar blankes Entsetzen, dem wir uns mit aller Gewalt entgegenstellen müssen. All jene Dinge, die sich scheinbar unbemerkt zwischen Himmel und Erde ereignen, all die unerklärlichen Wunder und unbeschreiblichen Erscheinungen fallen in diese Kategorie.

Sich aus eigener Kraft aus dem Morast zu befreien, ist schwierig bis unmöglich. Wer in den Sumpf gefallen ist, schafft es kaum ohne fremde Hilfe, da wieder herauszukommen. Wieso sollte man nicht die Hilfe eines Vorbeikommenden annehmen, der einem die Hand reicht? Aber so ein Guru… hmmm?

Der erste Test für einen verwirklichten Meister ist sein spiritueller Zustand, und das ist nichts Abgehobenes, das nur von Experten beurteilt werden kann.

Anti-Haltung christlicher Kirchen

Das Wort „Guru“ bedeutet „Lehrer“, und in Indien gehen die Menschen davon aus, dass der Guru hilft, wenn die Seele leidet, so wie man bei körperlichen Beschwerden einen Arzt aufsucht. Also hat fast jede indische Familie einen Hausguru. Da es in den westlichen Ländern kaum eine Tradition der geistigen Schulung mehr gibt, wird dieses Konzept oft mit Misstrauen betrachtet. Bei uns decken im besten Fall die Seelsorger diesen Teil unserer Bedürfnisse ab.

Mein Vater hatte einen solchen Seelsorger, der schließlich sogar sein Freund wurde. Doch auch ihre Gespräche waren eher intellektuelle Diskussionen gewesen, in denen das Seelische kaum Platz hatte.

Für die Vertreter westlicher Kirchen sind geistige Lehrer der östlichen Tradition ein rotes Tuch, eine Herausforderung für den eigenen Machtanspruch. Doch gerade die katholische Kirche hat im Laufe ihrer Geschichte so gut wie gar nichts zur geistigen Befreiung des Menschen beigetragen, im Gegenteil. Diese Institution war jahrhundertelang Experte in Sachen Verdummung und Gängelung der Massen. Ich nenne nur die Stichworte Erbsünde, gezielte Manipulation der überlieferten Schriften während des Fünften Konzils im Jahr 553 und die Unterdrückung der Sexualität.

Aber auch die Protestanten kümmern sich mit Vorliebe um östliche Guru-Bewegungen und versuchen, sie zu Sekten zu deklarieren. Frankreich ist hier der absolute Spitzenreiter. Früher fand ich das nur lächerlich, inzwischen verstehe ich die Besorgnis besser. Ich habe mir die einschlägigen Berichte der Sektenbeauftragten genau angeschaut. Sie sind einfach nicht sehr gut recherchiert. Sei’s drum, ich gehe davon aus, dass all dies in guter Absicht geschieht.

Die New-Age-Mentalfalle

Auch viele New-Age-Anhänger finden Gurus nicht mehr zeitgemäß. Während einige ihrer Argumente sicher zutreffen, zumindest wenn man Gurus und ihre Schüler nur von außen betrachtet, machen es sich viele neuzeitliche Esoteriker reichlich einfach. Wenn ich mir den Selbsthilfemarkt ansehe, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Mensch mit all den Affirmationen, Visualisierungsübungen und Suggestionen, die dort angeboten werden, irgendwie weiterkommt. Die Leute, die ich in diesem Umfeld getroffen habe, bleiben oft schlichtweg auf ihrem eigenen unbearbeiteten Kram sitzen, weil sie im entscheidenden Moment ausweichen.

Auch bei uns (Sahaj Marg, Raja Yoga in der Linie von Sri Ram Chandra; Anm.d.Red.) kommt es vor, dass Leute aus der Meditationspraxis aussteigen, wenn sie an den Punkt kommen, wo es wehzutun beginnt. Positives Denken und andere mentale Übungen bringen aber vor allem deshalb keine entscheidende Veränderung, weil das Ganze mental bleibt. Im Gegenteil, oft wirken diese Techniken wie Drogen. Chariji (der spirituelle Nachfolger von „Babuji“ Sri Ram Chandra und derzeitige Leiter der SRCM) hat auch den Einsatz von Mantras, der gerade in Indien weit verbreitet ist, als Narkotikum bezeichnet, weil die tiefer liegenden Problematiken damit nur verdeckt werden, statt ans Licht zu kommen.

Erst wenn wir bereit sind loszulassen und uns anzuvertrauen, sind wir auch bereit, unsere Angewohnheiten und Behinderungen freizugeben.

Der Prüfstein

Doch, wie gesagt, die Arbeit eines Gurus ist von außen kaum zu beurteilen. Den Wert einer spirituellen Schulung kann man nur erfassen, wenn man sie selbst ausprobiert. Wenn man sich ihr aussetzt und merkt: „Das macht nichts mit mir“, hört man ganz von selbst auf.

Die großen Heiligen, aber beispielsweise auch der amerikanische Anthropologe Carlos Castaneda, haben stets versucht den Anwärtern zu vermitteln, dass Wissen ohne Erfahrung ein Hindernis für die spirituelle Entfaltung darstellt. Lehrer, die eine Schulung des Herzens anbieten, zum Beispiel viele Sufi-Lehrer, gehen sogar so weit zu sagen, dass dort, wo der Intellekt herrscht, keine Liebe sein kann und dass sich Liebe erst zu entwickeln beginnt, wenn der Verstand seine Vorherrschaft aufgegeben hat.

Und überhaupt, welche Kriterien lege ich denn an, um zu ermessen, ob ein Meister geeignet ist, solide Arbeit zu machen? Der erste Test für einen verwirklichten Meister ist sein spiritueller Zustand, und das ist nichts Abgehobenes, das nur von Experten beurteilt werden kann. Das sicherste Zeichen dafür, dass man sich in Gegenwart eines Heiligen befindet, ist der tiefe Frieden und die selige Zeitlosigkeit, die sich dann einstellen.

Vertrauen und Abhängigkeit

Ein Aspekt, der oft als Kritikpunkt genannt wird und mit dem auch ich selbst mich lange Zeit intensiv auseinandergesetzt habe, ist die geistige Abhängigkeit von einem Guru. Um eine Beziehung zu jemandem herzustellen, der behauptet, ein Lehrer zu sein, ist zunächst ein grundsätzliches Vertrauen unabdingbar. Menschen lassen sich auf intime Beziehungen ein, die nach zwei, drei Wochen oder nach zwei, drei Stunden beendet sind. Menschen heiraten, ohne jemals der Essenz des anderen begegnet zu sein oder seine Tiefen ausgelotet zu haben. Aber jemandem Zugang zur eigenen Seelenlandschaft zu geben, sich anzuvertrauen, ist um einiges kritischer und entscheidender als jede andere menschliche Verbindung.

Deshalb warnte Babuji: „Lieber keinen Meister als einen falschen! Wenn du niemanden findest, der dich wirklich an Gott erinnert, dann geh‘ weiter – allein. Und wenn du einen Meister von entsprechendem Kaliber gefunden hast, einen, der dich zu deiner eigenen Göttlichkeit führen kann, dann lass ihn nicht wieder los!“

Dann allerdings ist es wie das Erlernen eines Handwerks oder einer Kunstfertigkeit. Wer Klavierspielen oder Fechten lernen will, wird auch nicht ständig den Lehrer hinterfragen und kritisieren. Ein Klavierlehrer muss selbst kein Virtuose an seinem Instrument sein, denn als Lehrer ist seine Fähigkeit gefragt, den Schüler bestmöglich zu fördern und sein Talent zu schleifen wie einen Brillanten.

Auch ein spiritueller Lehrer muss weder ein Prophet noch ein Genie oder sonst eine menschliche Koryphäe sein. Menschen denken oft, ein Guru habe übersinnliche Kräfte, könne in die Zukunft sehen und Leuten ein problemfreies, großartiges Leben bescheren. Deshalb halten es manche Gurus für notwendig, die Menschen mit kleinen Wundern und Präsenten zu erfreuen, wahrscheinlich auch um ihre ungläubigen Gemüter etwas geneigter für die Realität des Unsichtbaren zu machen.

Schmerzhafte Entlarvung

Unsere Seele weiß, dass sie sich wieder ganz mit allem, was wir sind, vereinen will. Wir befinden uns also ununterbrochen im Konflikt zwischen der Aufrechterhaltung unserer Persönlichkeit und dem Wunsch, frei zu sein vom Druck des so genannten Egos. Dieser Teil, den wir als Ego bezeichnen, ist zwar überlebensnotwendig, aber er besteht größtenteils aus Angst. Hier sind die Erfahrungen und Wunden der Vergangenheit gespeichert, hier beginnt der Impuls zur Vereinzelung, zur Abtrennung vom Rest der Welt. Hier wohnen unsere Wünsche, Begierden und Projektionen – und damit das Leid.

Im Grunde leistet ein Meister nicht viel anderes, als uns durch seine Anwesenheit eine Resonanz der Wirklichkeit zu bieten und uns unser innerstes Wesen widerzuspiegeln, unsere eigene Göttlichkeit. Wir sind alle ein Teil dieser einen Wirklichkeit und etwas in uns erinnert sich stets daran. Genau genommen könnte alles unser Meister sein, das Leben selbst – wenn es da nicht dieses Problem gäbe: Unsere Ängste, unsere Ausweichmanöver, unser Selbstbetrug, unsere eigene Blindheit und all unsere Verteidigungsstrategien halten uns in dieser Unbewusstheit gefangen.

In der Arbeit mit einem spirituellen Lehrer werden diese Ausweichmanöver sehr schnell deutlich. Und die Tatsache, dass unser Selbstbetrug so perfekt ist und oft auch noch so attraktiv verpackt, dass wir ihn gar nicht mehr wahrnehmen, macht den „Entlarvungsprozess“ durch einen anderen so unangenehm.

Das Band der Liebe

Wir erleben das in engen Beziehungen und Freundschaften. Wenn es unerträglich für uns wird, gehen wir weg. Wir lösen die Verbindung und sagen, der andere sei schwierig, unmöglich oder passe eben einfach nicht mehr zu uns. Das ist das Ende dieses Lernprozesses. Und dann gehen wir mit den gleichen Perspektiven und Projektionen in die nächste Beziehung, ohne erkannt zu haben, welche Haltungen und Eigenschaften – auch unsere eigenen – den Bruch verursacht haben.

Wenn nun aber der Meister an unseren Verhärtungen und Widerständen rührt, indem er innerlich in Resonanz damit geht – und das macht er oft automatisch und nicht bewusst –, dann ist es, als lege jemand seinen Finger in eine offene Wunde.

Manchmal bezeichnet Chariji es auch scherzhaft als „Operation am offenen Herzen“. Und ähnlich wie ein Patient, der auf dem OP-Tisch liegt, kann auch der Schüler nicht so leicht weglaufen, auch wenn er das oft gern täte. Das Band der Liebe schafft eine Bindung, aus der man sich nur schwer lösen kann, und in Momenten intensiver Arbeit ist es sehr hilfreich, in dieser „Abhängigkeit“ zu sein. Dem Patienten, der während der Herzoperation sagt: „Leute, das ist mir jetzt zu schmerzhaft, ich geh lieber wieder“, wäre ja auch nicht geholfen.

Erst wenn wir bereit sind loszulassen und uns anzuvertrauen, sind wir auch bereit, unsere Angewohnheiten und Behinderungen freizugeben. Diese Abhängigkeit wirkt wie das Prinzip der Homöopathie: Gleiches heilt Gleiches. Lieber eine Weile abhängig von jemandem sein, der uns aus der Abhängigkeit der Welt befreit, als immer weiter von den eigenen Illusionen abhängig zu bleiben. Und diese Abhängigkeit wird eben über die Liebe bewirkt beziehungsweise möglich gemacht. Das ist der Beginn des Weges.

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