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Raimon Panikkar
Christophanie. Erfahrungen des Heiligen als Erscheinung Christi.
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Die Einheit von Gott, Mensch und Welt

Die Einheit von Gott, Mensch und Welt

Roland R. Ropers im Gespräch mit dem weltbekannten Theologen, Philosophen, Naturwissenschaftler und Advaitin Raimon Panikkar – zum 88. Geburtstag am 3. November 2006.

Raimon Panikkar gilt weltweit als inspirierender Mittler und Visionär des inter- und intrareligiösen Dialogs. Am 3. November 1918 in Barcelona als Sohn eines hinduistischen Vaters und einer katholischen Mutter geboren, promovierter Naturwissenschaftler, Philosoph, Theologe, katholischer Priester, vereinigt er in seiner Person abendländisches Christentum und indische Spiritualität. Anfang der 50-er Jahre stand er in enger Verbindung mit Martin Heidegger, der ihm vor seinem Tod seine letzten Gedichte widmete.

Panikkar lehrte u.a. an den Universitäten von Madrid, Rom, Cambridge, Harvard, Mysore und Varanasi (Benares). Von 1972-1987 war er Professor für vergleichende Religionsphilosophie an der University of California, Santa Barbara/USA. Als Gastprofessor wirkte er an über 100 Universitäten auf allen 5 Kontinenten. Er hat mehr als 50 Bücher und über 500 umfangreiche Artikel zu Fragen des interreligiösen Dialogs geschrieben. Panikkar denkt und schreibt in 6 Sprachen; er zählt zu den bedeutendsten Universalgelehrten und Visionären unserer Zeit.

Im August 2006 erschien neuestes Buch: „Christophanie - Erfahrung des Heiligen als Erscheinung Christi“ (Herder). In diesem faszinierenden Buch vermittelt Panikkar die wesentlichen Aussagen der christlichen Tradition und vereinigt sie mit den Traditionen östlichen Denkens.

„Die kosmotheandrische Schau bietet eine neue Grundhaltung für das Leben in Frieden in und mit dieser Welt.“

Roland Ropers:

Wir erfahren derzeit gewaltige Veränderungen in der Wahrnehmung unserer Welt. Der technologische Fortschritt hat uns virtuelle „Schein-Wirklichkeiten“ beschert, die bislang gültige Realitätsansichten zu verwerfen scheinen. Sie haben als Rettung für eine profunde Weltanschauung den Begriff „kosmotheandrische Intuition“ geschaffen, die Drei-Einheit der Wirklichkeit: Gott, Mensch und Welt.

Raimon Panikkar:

Es scheint eine Konstante der menschlichen Kultur zu sein, sich die gesamte Wirklichkeit in Form von drei Welten vorzustellen, gleichgültig, ob diese Vision nun räumlich, zeitlich, kosmologisch oder metaphysisch ausgedrückt wird. Es gibt eine Welt der Götter, eine Welt der Menschen und als dritte die Welt jener, die die Zeit hinter sich gelassen haben; es gibt Himmel, Erde und Unterwelt; den Himmel, die Erde und die Welt dazwischen; da ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; das Geistige, das Seelische und das Körperliche usw. Die klassische Dreiteilung des Menschen in Leib, Seele und Geist könnte als eine weitere Formulierung der gleichen Intuition verstanden werden, sofern wir sie nicht rein individualistisch interpretieren und damit „meinen“ Körper, „meine“ Seele, „meinen“ Geist verstehen.

Genau genommen wird keine dieser drei Dimensionen zum Einzelnen oder zum Teil gemacht. Vielmehr sind Leib, Seele und Geist gemeinsame Nenner jedes wirklichen Wesens, soweit dieses nicht von seinen vitalen Verbindungen mit der gesamten Wirklichkeit abgeschnitten ist. Das christliche Dogma vom mystischen Leib bestätigt genau dies: Jeder von uns ist unerlässlicher Teil einer höheren, wirklicheren Einheit, des Christus totus.

Sehr früh schon wurde Gott seines Körpers beraubt, später der Materie überhaupt, so dass er nur noch Geist war. Aus demselben Grund - nämlich um alles Unvollkommene aus dem Vollkommenen zu tilgen - wurde er unwandelbar und unbewegt gemacht. Trotz der optimistischen christlichen Lehre von der Auferstehung des Fleisches wurde die Vervollkommnung des Menschen zunehmend „vergeistigt“, bis dies verständlicherweise eine Gegenreaktion hervorrief.

Geistiger Reduktionismus ist genauso schädlich wie materieller. Es ist unsere Aufgabe, jeden einzelnen dieser anmaßenden Reduktionismen zu überwinden, die die Wirklichkeit auf einen einzigen ihrer Bestandteile einzuschränken drohen.

Roland Ropers:

Die Welt unserer Tage ist einerseits durch gewaltigen Zuwachs an materiellem Reichtum geprägt - die großen Konzerne, die Global Players, verkünden nahezu täglich neue Rekordgewinne -, andererseits hat die Zahl der Krisenherde in beängstigender Form zugenommen.

„Die Befreiung des Menschen von der Zwangsjacke der Technokratie geschieht durch die Kunst, und nicht durch die Maschine.“

Raimon Panikkar: Die heutige Krise besteht im Wesentlichen darin, dass die drei traditionellen „Haltungen“, die der Mensch seit zumindest sechstausend Jahren hatte, nicht mehr die Welt oder die Menschheit zusammenhalten. Welches sind diese drei Haltungen? Alle Kulturen lebten bis jetzt in einer dreifachen Welt:

  • a) In der Welt der Götter: Man musste wissen, wie man mit ihnen umgehen muss, ob sie gefährlich sind oder nicht; man musste sie anbeten oder meiden (Opfer, Gehorsam, Anbetung).
  • b) In der Welt des Menschen: Mit den Menschen, gerade mit den mächtigen, umzugehen war immer eine Kunst. Ein großer Teil menschlicher Erziehung bestand darin, mit den Menschen umgehen zu lernen (Grammatik, Rhetorik, Logik usw.)
  • c) In der Welt der Natur: In ihr leben, sie kennen, sie benützen (Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik usw.).

Diese drei Welten sind kaum mehr Welten. Sie sind höchstens Teilsysteme. Deshalb sind die Grundhaltungen in eine Krise geraten. Jetzt haben wir eine vierte Welt begründet, die uns nicht hält und nicht gründet. Eine mehr und mehr künstliche Welt. Wir leben in einer vierten Welt der Megamaschinen, die wir selbst gemacht haben. Und jetzt fangen wir vielleicht an zu merken, dass diese unsere Kreatur sich von uns unabhängig gemacht hat und uns ihre Regeln aufzwingt. Das ist ein Druck, größer als der der Götter, des Königs und sogar der Natur. Der bis jetzt stumme Kosmos schreit auf und spricht. Es geht darum, dieses Geschrei zu hören, diese Sprache zu verstehen, diese Kosmophanie wahrzunehmen.

Roland Ropers: Überall spricht man von notwendigen Reformen, Veränderungen, Paradigmen- Wechsel. Was kann uns letztlich retten?

Raimon Panikkar: Aus der Sackgasse hilft uns nicht eine kleine Umänderung unserer heutigen Parameter, nicht Reformation; das hieße nur Verlängerung der Agonie eines Systems, das zum Tod verurteilt ist. Auch keine Revolution; die Deformation, die Gewalttätigkeit, bringt nur eine gegenteilige Reaktion hervor. Sondern eine Metamorphose, eine Transformation. Es geht darum, das Selbst und die Natur auf eine transformierte Weise zu erfahren, und nicht nur die Natur neu zu interpretieren. Es handelt sich um eine letztmenschliche Angelegenheit, um Leben und Tod. Und das ist religiös, metaphysisch. Um das aber einzusehen, brauchen wir Ruhe, Gelassenheit, Einfühlung, Distanz, Interkulturalität, Kontemplation, eine Synthese von Praxis und Theorie. Nur eine Metamorphose kann uns retten.

Es bedarf einer neuen, umfassenden Sicht der Wirklichkeit, die keine Teilwirklichkeit unberücksichtigt lässt. Aus der kosmotheandrischen Intuition heraus lässt sich die Wirklichkeit als ein Text lesen, in dem die drei Dimensionen des Kosmischen, des Göttlichen und des Menschlichen ineinander verwoben sind. Diese Intuition vereinigt alle Kräfte des Universums – von den elektromagnetischen über die menschlich-personalen bis zu den göttlichen. Die kosmotheandrische Vision ruft auf zur inneren Entdeckung eines Lebensstils, der sich nicht primär oder gar ausschließlich an der Zukunft ausrichtet, sondern sich der mystischen Erfahrung öffnet, die ganz in der Gegenwart lebt.

Die kosmotheandrische Schau bietet eine neue Grundhaltung für das Leben in Frieden in und mit dieser Welt. Die Befreiung des Menschen von der Zwangsjacke der Technokratie geschieht durch die Kunst, und nicht durch die Maschine. Im Großen und Ganzen sind unsere Befreiungsmittel heute die Maschinen.

„Nur eine Metamorphose kann uns retten.“

Roland Ropers: Sie sind in den großen Kulturräumen des westlichen Abendlandes und der Philosophie des Ostens gleichermaßen beheimatet. Sie haben in unzähligen Beiträgen die Erfahrung Gottes aus diversen Perspektiven erforscht, beleuchtet und vor allem existentiell durch- und erlebt. Wie gehören für Sie Natur und Gotteserfahrung zusammen?

Raimon Panikkar: Das Nichtvorhandensein einer Advaita-Erfahrung (Sanskrit: advaita = Nicht-Dualität) – obwohl sie der Schlüssel für eine philosophische Anschauung der Trinität ist – hat dazu geführt, dass das Christentum sich von einem panischen Schrecken vor dem so genannten Pantheismus erfassen ließ. Wer den Monismus meiden will, gerät in die Gefahr des Dualismus: Gott und die Welt trennen sich radikal, wodurch der transzendente Gott immer überflüssiger wird, da er sich in einen Himmel zurückgezogen hat, der nicht mehr der astronomische ist, sondern ein Konzept. Der Schöpfer ruhte nicht nur am siebenten Tag, sondern zog sich, wie es den Anschein hat, in sein Reich zurück und ließ von der Schöpfung ab, da er ja einen evolutionistischen Superautomatismus angeregt hatte.

Der Mensch ist Gemeinschaftswesen; aber die menschliche Gemeinschaft ist auch kosmisch. Der Mensch ist integrierter und sogar konstituierender Bestandteil des Kosmos. Die Natur ist einer der Orte, wo der normale Mensch mit dem göttlichen Mysterium tiefer in Berührung kommen kann. Unser Kontakt mit der Natur ist nicht vorrangig begrifflich, sondern lebensnah, was die Anteilnahme unseres Intellekts an der Erfahrung der Natur nicht ausschließt.

Die Welt ist der Leib Gottes, nicht in cartesianischer Trennung, sondern in positiver Symbiose, wo die Differenzen nicht beseitigt werden, aber die Trennung überwunden wird.

Die „Schöpfung“ ist nicht vom „Schöpfer“ getrennt. Wenn der Schöpfer für einen Augenblick von der Schöpfung abließe, würde die Schöpfung ins Nichts zurücksinken, wo sie hergekommen ist. Im Rahmen der Kausalität kann der Intellekt sich bis auf Gott zurückführen, aber der Mensch ist nicht reiner Intellekt, und seine Verbindung mit Gott ist unmittelbar und bedarf nicht der Vermittlung des Verstandes – obgleich dieser den rationalen Weg bahnen kann.

Die Natur ist nicht nur ein privilegierter Ort, um Gott zu begegnen, sondern sie ist der natürlichste Ort. Diese Erfahrung kann mit vielen Formen ausgestattet sein und ist einer nicht endenden Zahl von Deutungen unterzogen worden.

„Die Natur ist nicht nur ein privilegierter Ort, um Gott zu begegnen, sondern sie ist der natürlichste Ort.“

Die Erfahrung Gottes in der Natur ist nicht vorrangig die Erfahrung ihres Urhebers, ob Erfinder oder Künstler; es ist nicht die Erfahrung einer anderen Kraft, die das, was wir die natürliche Ordnung nennen, erhält oder ihr zum Sein verhilft, sei es eine Entdeckung durch unseren Sinn für Ästhetik, sei es eine Enthüllung durch Berechnung, am Mikroskop oder am Teleskop – auch noch so ausgeklügeltes Denken ändert nichts daran: Keinesfalls werden wir uns bis zum Schöpfer der Natur „erheben“ oder in den mysteriösen Kern des Kosmos vordringen. Es geht primär um eine einfachere und tiefere Erfahrung. Es ist weder die von Immanenz noch von Transzendenz, es ist nicht die Erfahrung eines Anderen, sondern die Erfahrung einer Präsenz, einer realeren Präsenz der Sache an sich und davon, dass wir nicht außerhalb stehen. Danach können die Interpretationen kommen.

Die Gotteserfahrung ist also die ganzheitliche Erfahrung des Menschen, bei der die Natur nicht abwesend ist.

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