Die Wiederentdeckung der weiblichen Spiritualität (Teil III)
Göttin reloaded – die Erweckung der Urmutter
Die Anfänge des modernen Göttinnen-Kults lassen sich auf zwei Publikationen zurückführen. 1861 veröffentlichte Johann Jakob Bachofen (1815 - 1887) sein Werk „Das Mutterrecht“. In diesem Buch vertrat der Schweizer Rechtshistoriker die These, dass das Recht der Mütter einst vor dem der Väter stand und die Familie als Institution anzusehen sei. Demnach war die Gesellschaft im Allgemeinen matrilinear (es galt die Abstammung von der Mutter) und oft auch matriarchalisch (von Frauen regiert), mit Betonung der Göttin, der Priesterin, der Königin und eben der Mutter. Und wenn dem tatsächlich so war, befand Bachofen, müssten Kultgegenstände und Glaubensinhalte aus einem neuen Blickwinkel betrachtet werden.
Rund 60 Jahre später griff Margaret Murray den Gedanken auf und veröffentlichte 1921 „The Witch-Cult in Western Europe“. Ihrer Ansicht nach existiere eine heidnische Religion, die bis ins Paläolithikum zurückzuführen sei und deren religiöse Führer Priesterinnen bzw. Hexen gewesen sein sollen. Die britische Anthropologin war davon überzeugt, dass die römische Kirche mit der Hexenverfolgung durch die Inquisition im 14. bis 17. Jahrhundert nur ein Ziel gehabt haben könne: die Zerstörung einer organisierten heidnischen Religion, deren Wurzeln um ein Vielfaches älter seien als die des Christentums.
Bachofen vertrat in seinem Buch „Das Mutterrecht“ die These, dass das Recht der Mütter einst vor dem der Väter stand und die Familie als Institution anzusehen sei.
Die Göttin und die Hexen
Murrays Behauptungen wurden bald bezweifelt. Nichtsdestotrotz wurde ihr Werk ein Klassiker und fehlt – ebenso wie Bachofens „Mutterrecht“ und die Arbeiten der Archäologin und Anthropologin Marija Gimbutas, deren Ausgrabungen maßgeblich zum Verständnis der indogermanischen Völker und ihrer kulturell-spirituellen Entwicklung beitrugen – in keiner gut sortierten Bibliothek zum Thema Matriarchatsforschung, Göttinnen-Bewegung oder Heidentum.
Moderne Hexen beziehen sich nach wie vor gern auf Murrays Thesen. Diejenigen, die allein dem Pfad der Göttin als Hexe folgen, verweisen neben der Britin vor allem auf das umfangreiche Werk von Marija Gimbutas (siehe hierzu die Fortsetzung der Serie in VISIONEN 05/07.) „Die Frage der matriarchalen Schwerpunktsetzung im Wicca (der bekanntesten Form des Hexenkults) war Anlass beträchtlicher Argumentationen, selbst unter Hexen – wobei alles mögliche, von Höhlenmalereien bis zu Margaret Murray, als Munition verwendet wurde, um zu beweisen, dass das, was man damals (in den 60er und 70er Jahren) machte, die wahre Tradition sei“, erinnert sich der 2000 verstorbene Autor und Hohepriester der ...
Teil IV der Serie in Visionen 05/07: Die Matriarchatsforschung
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